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Ausgabe 62-2/1995

DIE KINDER VON MARCAÇAO

A ARVORE DE MARCAÇAO

Produktion: Heidi Walz-Jungmann, Brasilien 1993 – Regie: Jussara Queiróz – Buch: Jussara Queiróz, Wolf Gauer, Luelane Laiola – Kamera: Tuker Marçal, Nelio Ferreira – Schnitt: Luelane Laiola – Musik: Geraldo Brandao – Darsteller: Marcélia Cartaxo, Jurandir de Oliveira, Jocélia Alves – Länge: 81 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Heidi Walz-Jungmann, Populialaan 127, NL-2282 LA Rijswijk, Tel. 0031 70 3905614, Fax 0031 70 3908964 – Altersempfehlung: ab 14 J.

Die Jurastudentin Jocelia begegnet in ihrer Arbeitsstelle, einem Obdachlosenasyl in Rio de Janeiro, dem Mann wieder, den sie aus ihrem Dorf im Nordosten Brasiliens kennt. Der Inspektor kontrollierte damals im Auftrag des mächtigen Großgrundbesitzers das öffentliche Leben in dem Dorf Marcaçao. Dass ausgerechnet dieser autoritäre Mensch jetzt bei ihrer Einrichtung um Hilfe bittet, ist für Jocelia Anlass für einen Rückblick auf ihre Kindheit.

In der ärmlichen Siedlung müssen selbst die kleinen Kinder für geringen Lohn schwer arbeiten, um zum Unterhalt der Familien beizutragen. Eines Tages kommt eine Nonne ins Dorf, die keinen Habit trägt, sondern sich so kleidet wie die anderen Bewohner. Ihr kleines Haus wird bald zum Treffpunkt der Kinder, die sich bei Gesprächen und in Rollenspielen allmählich ihrer ungerechten Arbeits- und Lebensbedingungen bewusst werden. Schließlich starten sie eine Unterschriftenaktion, um zu erreichen, dass das Wasser an der einzigen Zapfstelle im Dorf wieder kostenfrei wird wie früher. Als sie mit der Bittschrift trotz Behinderungsversuchen des Inspektors zum feisten Bürgermeister vordringen, vertröstet sie dieser zunächst. Doch die Kinder lassen sich nicht abwiegeln. Als sich nach Wochen immer noch nichts tut, schreiben sie einen Brief an den Vorsitzenden des Gemeinderats ...

Der brasilianische Film beruht auf Ereignissen, die Anfang der 80er-Jahre im Bundesstaat Paraiba stattfanden. Dort nahmen einflussreiche Großgrundbesitzer den armen Bauern mit juristischen Tricks oder mit Gewalt deren Äcker ab, um ihre ohnehin schon riesigen Plantagen zu erweitern. Da die Dorfbewohner kaum noch Obst und Gemüse anbauen konnten, mussten sie sich auf den Zuckerrohrplantagen verdingen. Der Franziskaner-Pater Rigininaldo, der sich in der katholischen Basisbewegung engagierte, hielt die Vorfälle in einem Buch fest, das wiederum die Regisseurin Jussara Queiróz zu ihrem Spielfilmdebüt inspirierte. Im Film spielen Kinder und Jugendliche der kleinen Gemeinde ihre tatsächlichen Erlebnisse nach.

Die Dreharbeiten begannen im September 1987 mit einem schmalen Budget, aber mit der Unterstützung und Ermutigung durch zahlreiche Institutionen und Einrichtungen, die in Projekten zur Selbstorganisation der Bewohner des Nordostens von Brasilien engagiert sind. Die radikalen Kürzungen in den Kulturetats unter der Regierung Collor ließen das ohnehin labile Finanzierungskonzept der Produktion zusammenbrechen. Erst mit Hilfe des ZDF-Projekts "Eine Welt" konnten die Dreharbeiten wieder aufgenommen und im Sommer 1993 abgeschlossen werden. Im Rahmen des Projekts beteiligt sich das ZDF seit 1988 als Co-Produzent an Kinofilmen, die von einheimischen Filmemachern in Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas hergestellt werden und die das Leben der Kinder in diesen Ländern in ihren Mittelpunkt stellen. In dieser Reihe entstanden unter anderem "Yaaba", "Karim und Sala" und "Das Reisfeld", die ab April '95 im ZDF ausgestrahlt werden. Rechtzeitig zur Einstellung des verdienstvollen Projekts läuft "Die Kinder von Marcaçao", aufgeteilt in vier Teile, zusammen mit einem Filmbericht von den Dreharbeiten, im Juli/August d. J.

Die Regisseurin kehrte für ihr Spielfilmdebüt in eine Region zurück, in der sie geboren wurde und in der sie fast alle ihre bisherigen Dokumentarfilme gedreht hat. Jussara Queiróz arbeitete nach einem Film- und Journalismus-Studium als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin. Für ihren Film "Acredito que O Mundo será Melhor" erhielt sie 1985 auf dem Filmfestival in Mannheim den Preis für den "Besten Filmbeitrag aus der Dritten Welt". Ihr erster Spielfilm, "Die Kinder von Maraçao", lief 1994 im Informationsprogramm des Mannheimer Festivals. Die Dokumentarfilm-Erfahrung merkt man ihrem neuen Film deutlich an: Der dokumentarische Touch äußert sich in einer bedächtigen Inszenierung, häufigen Schwarzblenden und einem zurückhaltenden Musikeinsatz. Der regelmäßige Wechsel zwischen Rahmen- und Binnenhandlung wird begleitet von einem behutsam-poetischen Kommentar der Erzählerin. Dieser innere Monolog dürfte jüngeren Zuschauern helfen, die Sprünge zwischen den beiden Zeitebenen nachzuvollziehen. Obwohl man sich manchmal einen packenderen Zugriff wünscht, sensibilisiert gerade die scheinbar so undramatische Erzählweise für ein tieferes Verständnis der prekären Lage der Kinder und deren Eltern. Unter weitgehendem Verzicht auf explizite Gewaltdarstellungen gelingt es der Regisseurin so, uns die strukturelle Gewalt in dieser streng geordneten Agrargesellschaft näher zu bringen.

Symptomatisch für diesen Ansatz sind die beiden Schlüsselszenen, in denen die Botschaft des Films deutlich wird. In der einen tritt die Nonne erstmals in ihrer "Uniform" auf dem Dorfplatz auf und ruft die Erwachsenen auf, die Kinder in ihrem Kampf um kostenloses Wasser zu unterstützen. Ihr Appell ("Wer auf andere wartet, hilft nicht einmal sich selbst!") bleibt nicht folgenlos. Als der korrupte Bürgermeister den Brunnen mit dem Gratiswasser endlich feierlich einweiht, fragt ihre "Schülerin" Jocelia die versammelten Dorfbewohner: "Haben wir denn überhaupt eine Zukunft, wenn wir uns nicht wehren? Gerechte Bezahlung, die wird man uns nicht schenken!"

In diesem Einzelfall konnten sich die Armen mit der Taktik des gewaltfreien Widerstands gegen die Mächtigen durchsetzen. Bei einem Besuch 1993 stellte die Regisseurin aber fest, dass nicht nur die Erinnerung an diesen Sieg geblieben ist, sondern auch die Armut. Jussara Queiróz musste den Film auf die Mauer der Dorfkirche projizieren.

Reinhard Kleber

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 62-2/1995 - Interview - "Das Thema Dritte Welt ist immer schwieriger präsent zu halten"

 

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