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Ausgabe 116-4/2008

SON OF A LION

Produktion: Carolyn Johnson Films Pty Ltd., Sydney; Australien / Pakistan 2007 – Regie: Benjamin Gilmour – Buch: Benjamin Gilmour, in Zusammenarbeit mit paschtunischen Mitgliedern des Filmteams – Kamera: Haroon John, Benjamin Gilmour – Schnitt: Alison McSkimming Croft – Musik: Amanda Brown – Darsteller: Niaz Khan Shinwari (Niaz), Sher Alam Miskeen Ustad (Vater), Baktiyar Ahmed Afridi (Onkel), Agha Jaan (Schriftsteller), Anousha Vasif Shinwari (Anousha), Fazal Bibi (Großmutter) u. a. – Länge: 92 Min. – Farbe – Sprache: Paschtu mit engl. UT – Weltvertrieb: Fortissimo Films, Van Dienenstraat 100, 1013 CN Amsterdam, Niederlande, Tel.: +31 20 627315, Fax +31 20 6261155, e-mail: info@fortissimo.nl – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der Film beginnt ohne jeden Sound recht spartanisch mit dem in lateinischer und arabischer Schrift ziemlich klein auf schwarzem Grund weiß geschriebenen Titel und zeigt dann in Großaufnahme das Gesicht eines elfjährigen Jungen. Missmutig guckt er an uns vorbei, sagt wie ein Prüfling "Smith and Wesson, 9 mm", hebt die Pistole ins Bild, zielt – und während er zweimal abdrückt, sehen wir ihn von der Seite, bekleidet mit einer weißen Kappe und einem weißen Pyjama-artigen Gewand. Er lehnt an einem Felsbrocken, auf dem ein ausgemergelter Mann mit Turban hockt und ihm die nächste Pistole reicht: chinesischer Stil, Kaliber 30. Sie klemmt und nun ist ein Gewehr an der Reihe, aber der Junge sagt, dass er damit nicht schießen kann. Der Mann, der sein Vater ist, wird ungeduldig und erzwingt einen zweiten Versuch. Der gelingt und während der Schuss verhallt, fährt die Kamera, untermalt von arabischer Musik, über die karge Hochgebirgs-Landschaft des Hindukusch bis hinunter ins Tal, wo jetzt Darra Adam Khel ins Bild kommt: ein Dorf im nordwestlichen Pakistan, das zwischen Kohat und Peschawar dicht an der Grenze zu Afghanistan liegt. Es gehört zum selbstverwalteten Stammesgebiet der Paschtunen und ist als größte Waffenschmiede des Fernen Ostens bekannt. Hier gibt es jede erdenkliche Schusswaffe zu kaufen – Pistolen, Gewehre, Maschinenpistolen, Panzerfäuste und Handgranaten. Hier werden aus alten Waffen neue gebaut, hier wird repariert, geschmiedet, gefeilt, kopiert, montiert und mit aufwändigen Intarsien verziert. Die Ladenfenster der kleinen Werkstätten sind phantasievoll mit Blumenornamenten, Herzen und den verschiedenen Gewehrtypen bemalt. Wer durch Darra Adam Khel geht, muss sich vorsehen, nicht weil sich hier die Taliban eindecken, das auch, aber vor allem, weil die Käufer unversehens aus diesen Läden treten und ohne jede Vorwarnung zum Test ganze Magazine in den staubigen Himmel feuern. Die Munition wird von Kindern in Pappkartons wieder aufgefangen. Vor dem ständigen Geballer in dieser "gun city" im Wilden Westen von Pakistan muss man sich die Ohren zuhalten.

Auch Sher Alam, den wir gerade mit seinem Sohn Niaz beim Schießen in den Bergen gesehen haben, hat hier eine Werkstatt. Nach dem frühen Tod seiner Frau hat er den Jungen zusammen mit seiner Mutter großgezogen und muss nun mit wachsendem Unmut feststellen, wie wenig sich Niaz aus der Arbeit macht, die schon seinen Großvater ernährt hat. Stattdessen will er zur Schule gehen, aber Sher Alam ist strikt dagegen. Es reicht, wenn er das Paschtunwali beherrscht, den strengen Ehrenkodex mit den Stammesgesetzen, zu denen ganz oben die Gastfreundschaft, das auch dem ärgsten Feind zu gewährende Recht auf Asyl und die Blutrache gehören. Für Sher Alam, der dem orthodoxen Islam angehört und ein angesehener Krieger war, sind Fernseher und Computer Erfindungen des Satans, und ihm misshagt zutiefst, dass ihm Baktiyar, sein in Peschawar lebender Bruder, immer wieder in den Ohren liegt, den Jungen etwas anderes lernen zu lassen.

Die Stimmung zwischen Vater und Sohn wird immer gereizter. Erst recht, nachdem Niaz zu einem Zahnarzt-Besuch in Peschawar war. Nachdem er den überlebt hat, lädt ihn sein Onkel zusammen mit seiner Tochter ins Kino ein und arrangiert für ihn einen Probebesuch in der Schule. Sher Alam aber fürchtet, dass sein Sohn in der Schule den gleichen Weg nehmen könne wie seine ehemaligen Mudschheddin-Freunde, die in den Madrassas, den islamischen Koranschulen, ausgebildet wurden und nun von den Amerikanern gejagt werden. Außerdem braucht er ihn in der Werkstatt, basta! Niaz ist verzweifelt und daran ändert auch nichts, dass er beim Fotografen mit Turban und Kalaschnikow als ein würdiger "Sohn des Löwen" fotografiert wird.

Die letzte Frist für die Einschulung läuft, doch Baktiyar erinnert seinen Bruder vergebens daran, dass auch seine Frau den Jungen gern in die Schule geschickt hätte. In seiner Not bittet Niaz den Onkel, ihn nach Peschawar kommen zu lassen, aber der kann gegen den Willen seines Vaters nichts machen. Eine Nachts verschwindet Niaz und landet schließlich doch wieder ausgehungert, dreckig und deprimiert im Haus seines Onkels. Der bringt ihn wieder nach Hause, wo eine Tracht Prügel fällig ist. Sher Alam, der inzwischen überall nach seinem Sohn gesucht hat und feststellen musste, dass die meisten Leute seinen Standpunkt nicht teilen, gibt am Ende doch nach – auch wenn das Lesen- und Schreiben-Lernen mehr als ein halbes Jahr dauert. Einzige Bedingung: Niaz darf keine Madrassa besuchen!

Benjamin Gilmour und seinen Mitstreitern ist eine authentische Innenansicht aus einer der gefährlichsten Regionen der Welt gelungen, die ohne viele Worte vor innerer Spannung bebt. Behutsam, mit wechselndem Erzähltempo und großer Sensibilität entwickelt der Film den Konflikt zwischen dem zarten, verträumten und in seiner Hartnäckigkeit mutigen 'Löwen-Sohn' und seinem wortkargen, harten und in seiner Würde und politischen Weltsicht beeindruckenden Vater. Die phantastischen Landschaftsaufnahmen vermitteln im Kontrast zu der engen bedrückenden Stimmung in der Werkstatt oder zu Hause bei Sher Alam Gefühle von Freiheit und Glück – etwa wenn Niaz auf dem offenen Dach des mit bunten Ornamenten bemalten Busses zu seinem Großvater in die Berge fährt oder der Musiker Agha Jaan, Niaz' Freund aus dem afghanischen Flüchtlingslager, einen Drachen gen Himmel steigen lässt. Unvergesslich sind die Großaufnahmen des Gesichtes von Sher Alam im stummen Dialog mit der Bauchtänzerin auf dem Fernsehschirm, bevor er den Fernseher der Bar angewidert ausschaltet, oder im Kampf mit sich selbst. Erhellend und witzig die Gespräche der paschtunischen Männer in der Teestube, beim Barbier oder beim Eid, dem islamischen Festtag, mit dem das Ende des Fastenmonats gefeiert wird. Sie drehen sich um die Amerikaner, Osama Bin Laden, "Rambo 3" oder wie Clint Eastwood in den Italo-Western die Zigarre im Mund hält.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 116-4/2008 - Interview - "Zur Hölle mit Osama!"

 

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