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Ausgabe 117-1/2009

DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN – 2008

Produktion: Zieglerfilm Köln GmbH, im Auftrag der ARD unter redaktioneller Federführung des NDR; Deutschland 2008 – Regie: Christian Theede – Drehbuch: Leonie und Dieter Bongartz – Kamera: Philipp Timme – Schnitt: Martin Rahner – Musik: Peter W. Schmitt – Darsteller: Kostja Ullmann (Schneider David), Axel Milberg (König Ernst), Karoline Schuch (Prinzessin Paula), Dirk Martens (Minister Klaus, Berater des Königs), Hannelore Hoger (Musfrau) u. a. – Länge: 59 Min. – Farbe – Erstausstrahlung: 26.12.08 – Altersempfehlung: ab 6 J.

So viele neue Märchenfilme wie 2008 gab es nur selten in Deutschland in einem Jahr, aber nicht alle sind auch märchenhaft. Zu den wirklich überragenden Werken gehört die Adaption des "Tapferen Schneiderleins", das liegt zum Teil an der Struktur der Geschichte, die schon sehr filmgerecht ist und an das Genre der Road-Movies erinnert, zum anderen an den geschickten Veränderungen der Vorlage: Da zieht ein Schneider in die Welt hinaus und hat Abenteuer auf Abenteuer zu bestehen, wobei er sein Ziel gar nicht klar vor Augen hat. Ihm wird die Schneiderstube einfach zu eng, es muss schließlich noch etwas anderes geben, als immer nur die Kleider der Leute zu nähen. An einem Sommermorgen sitzt das Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, ist guter Dinge und näht nach Leibeskräften. Da kommt eine Bauersfrau die Straße entlang und ruft: "Gut Mus feil! Gut Mus feil." Das Schneiderlein bekommt Appetit und die Bauersfrau muss zu ihm hinaufklettern, aber er kauft nur eine kleine Menge Mus, gerade genug für eine Scheibe Brot. Vor dem Essen will er aber noch den Wams fertig nähen, legt das Brot neben sich, näht weiter und macht vor Freude immer größere Stiche. Indes steigt der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge sitzen, so dass sie angelockt werden und sich darauf niederlassen. Das Schneiderlein langt nach einem Tuchlappen und schlägt unbarmherzig drauf. Als er es abzieht und zählt, liegen nicht weniger als sieben tot vor ihm. Und damit er sich stets daran erinnert, stickt er auf seinen Gürtel den Spruch "7 auf einen Streich", dass es nur Fliegen waren, weiß er ja selbst. Er hält sich schlicht für einen tollen Kerl, erst die anderen machen aus ihm einen Helden – von seinem Mut wird im ganzen Reich des König Ernst berichtet.

Das Grimm‘sche Märchen wurde bereits mehrfach verfilmt: 1941 von Hubert Schonger, 1981 von Uwe Detlef Jessen, Puppentrickfilme entstanden 1964 in der DDR von Kurt Weiler und 1973 in der BRD von der Augsburger Puppenkiste. In der Zeichentrickserie "Simsalagrimm" von 1999 war "Das tapfere Schneiderlein" in Folge 1 zu sehen – diese früheren Versionen verbindet, dass man den Schneider als puren "Aufschneider" darstellte. 1956 produzierte die DEFA unter der Regie von Helmut Spieß "Das tapfere Schneiderlein" in einer radikal veränderten Version: Drehbuchautor Kurt Bortfeldt ließ in seiner "marxistischen" Fassung den Schneider im Film nun nicht mehr die eitle und verlogene Königstochter heiraten, sondern deren schöne Magd Traute. König Griesgram, Prinz Eitel, Schatzmeister Gier und der gesamte restliche Adel flohen aus dem Land, das Volk jubelte, und das Schneiderlein wurde zum gütigen Herrscher übers Königreich.

Dagegen erzählt die Neuverfilmung von Regisseur Christian Theede eine David- und Goliath-Geschichte: Der junge Schneider David ist nicht übermäßig stark, dafür aber klug und geschickt. Wenn es darauf ankommt, gelingt es ihm immer wieder, sich mit List und Nachdenken aus der Affäre zu ziehen – ein Überlegener aus Überlegung. Das macht die Hauptfigur in der Neuinszenierung dieses Märchens sympathisch, ihm folgt man gern durch seine Lehr- und Wanderzeit, bei der er vor schwierige Aufgaben gestellt wird, die er ohne Furcht und voller Zuversicht bewältigt: Er siegt im Kampf gegen Riesen, bändigt ein Einhorn und fängt ein Wildschwein, aber alles völlig gewaltfrei ohne Einsatz von Waffen, sondern mit geistreicher Leichtigkeit und klugem Handeln.

Die Märchenadaption hält sich zwar in den Grundzügen der Handlung an die Vorlage, aber manches wurde von den Autoren Dieter und Leonie Bongartz geschickt modernisiert: Das betrifft vor allem den Charakter des Schneiderleins, ihm fehlt jegliche Arroganz und er will sich auch kein Königreich unter den Nagel reißen und die Heirat mit der Prinzessin in Kauf nehmen, weil sie die Bedingung dazu ist. David bekommt die Prinzessin, weil die beiden ineinander verliebt sind – und das halbe Königreich gibt es eben dazu. So wie der Charakter des Schneiderleins verändert wurde, passt diese Auflösung viel besser und ist in sich schlüssig. In dieser Neuverfilmung gibt es wahrlich magische Momente; wenn David und die Prinzessin Paula gemeinsam ein Lied singen, sind nicht nur die beiden verzaubert, sondern auch die Zuschauer. Und alle sind auf Davids Seite, wenn es darum geht, den ehrgeizigen Nebenbuhler Klaus, der es auf Prinzessin und Königreich abgesehen hat, um die Früchte seiner Intrigen zu bringen. Im Original will die Prinzessin das Schneiderlein tatsächlich aus dem Schloss werfen, als sie herausfindet, dass er von niederer Herkunft ist – auch hier haben die Autoren des Films eine gelungene Abwandlung gefunden: Davids ebenso spannende wie abenteuerliche Reise endet über alle Maßen romantisch. "Willst du David, Paula zum Mann nehmen?", fragt der gutmütig-friedfertige König mit liebenswürdiger Schusseligkeit den tapferen Schneider. "Ähem ... zur Frau, Majestät ... zur Frau nehmen", verbessert der ihn leise. "Was ich sage!", verkündet der König lautstark und der Hofstaat lässt das Brautpaar hochleben.

Das Märchen wird so zu einem Loblied auf Klugheit, Lebensfreude und Spontaneität, tiefste Wünsche und Ängste werden berührt, aber es bleibt genug Raum für Humor und Situationskomik – die meisten Lacher kassiert dabei der König. Axel Milberg spielt ihn zurückhaltend und verfällt nicht in die sonst oft in Kinderfilmen anzutreffende Art, viel zu dick aufzutragen. Regisseur Christian Theede musste für die Umsetzung der Geschichte keine großartigen Computertricks bemühen, mit bewährten Kameratechniken wurde mit Perspektive, Bildkomposition, Schnitt und Lichtgestaltung ein beeindruckendes Ergebnis erreicht. In seiner Stimmung knüpft er an die tschechische Märchenfilm-Tradition von "Drei Nüsse für Aschenbrödel" an und bietet auf der einen Seite für Kinder die nachvollziehbare Geschichte vom Schneiderlein, auf der anderen Seite für Erwachsene ein permanentes Augenzwinkern, eine Leichtigkeit voller Ironie und Anspielungen – damit ist dieser Film, was viele nur allzu gerne sein wollen: vorzügliche Familienunterhaltung.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 117-1/2009 - Interview - "Wir setzen nicht auf den Lügner und Aufschneider, sondern auf die Schlauheit des kleinen Mannes"

 

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