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Ausgabe 118-2/2009

SNOW

SNIJEG

Produktion: Mamafilm, Sarajevo / Rohfilm, Leipzig / Les Films d'Après-midi, Paris, Documentary & Experimental Film Center, Teheran; Bosnien und Herzegowina / Deutschland / Frankreich / Iran 2008 – Regie: Aida Begic – Drehbuch: Aida Begic, Faruk Sabanovic, Elma Tataragic – Kamera: Erol Zubcevic – Schnitt: Miralem S. Zubcevic – Musik: Igor Camo – Darsteller: Zana Marjanovic (Alma), Jasna Ornela Bery (Nadija), Sadzida Setic (Jasmina), Vesna Masic (Safija), Emir Hadzihafizbegovic (Großvater) u. a. – Länge: 99 Min. – Farbe – Verleih: mîtosfilm Altersempfehlung: ab 14 J.

Bosnien, 1997. Der Krieg ist seit zwei Jahren beendet, das Land leidet immer noch unter den Folgen. Sechs Frauen, ein alter Mann und fünf Kinder leben in Slavno, einem kleinen Dorf, das fernab der Welt zu liegen scheint und doch in den 1990er-Jahren vom Krieg in Bosnien heimgesucht worden war. Opfer eines Krieges sind nicht nur die Toten: Bei einem Massaker des Balkankrieges wurden fast alle Männer getötet. Wer heute in Slavno lebt, ist ein Überlebender. Die verbliebenen Dorfbewohner müssen sich den Herausforderungen des "Friedens" stellen: Auch wenn der Krieg vorüber ist, geht der Kampf ums Überleben weiter. Die Vergangenheit können sie nicht vergessen, die Gegenwart ist trostlos und die Zukunft ungewiss. Die Familien sind kaputt, eine fast männerlose Welt, in der die Frauen nicht wissen, ob ihre Männer vermisst oder tot sind.

Alma, deren Ehemann im Krieg fiel, lebt zusammen mit ihrer Schwiegermutter und versucht mit dem Verkauf von eingelegten Früchten und Gemüse das Bestehen des Dorfes zu sichern. Am Straßenrand bieten die Frauen ihre Produkte an und warten vergeblich auf Kunden. Sie geben die Hoffnung nicht auf: Ein Lastwagenfahrer verspricht ihnen, sämtliche Erzeugnisse aufzukaufen, das könnte für die Dorfgemeinschaft die Rettung sein.

Schon als vor drei Jahren bei der Berlinale die junge bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic für ihren Film "Esmas Geheimnis" den Goldenen Bären gewann, waren viele überrascht, denn ihr Film kam aus einem Land mit sehr schwierigen Produktionsbedingungen. In Bosnien wurde ihr Film ein großer Publikumserfolg, während nationalistische Kreise in Serbien eine Hetzkampagne gegen ihn starteten. Ein Beleg dafür, wie frisch die Wunden des Krieges noch sind, von denen "Esmas Geheimnis" so eindringlich erzählt. Spätestens seit ihr Landsmann Danis Tanovic mit "No Man's Land" 2002 den Oscar für den besten ausländischen Film gewann, war klar, dass es in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien viele Talente und außergewöhnliche Filme zu entdecken gibt. Ein Jahrzehnt nach dem Krieg werden dort rund 65 Spielfilme jährlich produziert. Zu diesen Entdeckungen gehört auch der Film "Snow". Über ihr autobiografisch geprägtes Debüt sagt die bosnische Filmemacherin Aida Begic: "Krieg ist einer der schrecklichsten Zustände, den man erleben kann, weil der Tod einem im Krieg ständig im Nacken sitzt." Bei aller Tristesse gibt es auch befreiendes Lachen, wenn die Frauen ihre verstorbenen Ehemänner und andere vermisste Familienmitglieder pantomimisch darstellen, um ihre Kinder aufzuheitern. Und absurd wirkt es, dass einem Jungen immer wieder in kürzester Zeit die Haare lang wachsen.

Doch insgesamt vermittelt der Film vor allem ein sehr authentisches Bild der Nachkriegssituation in Bosnien: "Friedenszeiten können manchmal noch komplizierter sein als Kriegszeiten. Da nimmt Materialismus schnell überhand und lässt einen all die wesentlichen Dinge vergessen, auf die man in Kriegszeiten zurückgeworfen wurde." Und so tauchen unerwartet zwei serbische Geschäftsleute in Slavno auf: Für einen Baukonzern wollen sie die gesamten Ländereien aufkaufen, in dem Gebiet soll ein Ferienzentrum entstehen: Bisher hat die vage Hoffnung auf den Verkauf von Früchten und Marmelade das Dorf zusammengehalten, doch nun locken Geld und eine Wohnung in der Stadt. Das könnte zu einem Neubeginn werden, viele haben Zweifel, ob sie wirklich wegwollen. Alma ist die Einzige, die dem Angebot der Spekulanten standhält, sie ist noch immer fest davon überzeugt, dass das Dorf eine Zukunft hat. Als unerwartet ein Sturm aufkommt und die Geschäftsleute in Slavno festhält, spitzen sich die Ereignisse zu ...

Auch wenn die Frauen ihr Leben meistern, fehlen ihnen die Männer: Zwischen dem LKW-Fahrer und der jungen Witwe Alma gibt es eine liebevoll-scheue Annäherung, die von gegenseitiger Achtung geprägt ist, während die serbischen Geschäftsleute die typischen Vertreter einer Männergesellschaft sind – sie haben das Sagen und wollen über die Frauen bestimmen. Ein Mann ist es auch, für den Sabrina ihr Dorf verlassen will: Sie hat sich in einen Ausländer verliebt und würde für ein Leben in Schweden die Wurzeln ihrer Heimat kappen. Dagegen ist Alma sich sicher, dass sie ihr Glück nur in Bosnien finden kann. Der Film lebt von diesen Gegensätzen, doch in der Haltung der Hauptfigur Alma, die sich ihre Identität bewahren will, spiegeln sich auch die Erfahrungen der Filmemacherin: "Es ist für eine Filmcrew schwierig zu akzeptieren, dass ihr Chef eine Frau ist, die ein Kopftuch trägt, denn der Platz jener Frauen ist am Herd, unterwürfig, schweigsam. Das ist ein Stereotyp und ein Vorurteil gegenüber muslimischen Frauen. Es ist auch eine Propaganda, die versucht, muslimische Frauen als unterdrückt, zurückgeblieben, dumm und rechtlos darzustellen. Aber das stimmt nicht."

Überhöht märchenhaft geht es am Ende des Films zu, wenn die Frauen des bosnischen Dorfes mit einem fliegenden Teppich einen Fluss überqueren: Hin zu der Höhle, in der sie endlich die verschollenen Körper ihrer toten Angehörigen finden. Als die Frauen die Leichen begraben können, fällt der erste Schnee, der sich über die Schmerzen der Vergangenheit legt und ihnen ermöglicht, darin Spuren für eine friedvollere Zeit zu hinterlassen: "Der Schnee fällt nicht, um den Hügel zu bedecken, er fällt, damit jedes Tier eine Spur seines Vorübergehens hinterlassen kann." Ein berührender Film über die Suche nach dem Sinn des Lebens: Mutig setzt Aida Begic auf einprägsame Bilder, die Spuren des Krieges hat die Frauen fast sprachlos werden lassen, doch zwischen Trauer und Trostlosigkeit siegt die Hoffnung.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 121-2/2010 - Film in der Diskussion - SNOW
KJK 118-2/2009 - Interview - "Man konnte uns töten, uns aus unserem Leben werfen, aber nicht unseren Geist, unsere Kraft, unsere Würde nehmen."

 

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