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Ausgabe 62-2/1995

WILDE HERZEN

LES ROSEAUX SAUVAGES

Produktion: IMA / Les Films Alain Sarde / Le Canal Plus / La Sept, Frankreich 1994 – Regie: André Téchiné – Buch: André Téchiné, Gilles Taurand, Olivier Massart – Kamera: Jeanne Lapoirie – Schnitt: Martine Giordano – Darsteller: Elodie Bouchez (Maité), Gael Morel (François), Stéphane Rideau (Serge) Frederic Gorny (Henri) u. a. – Länge: 110 Min. – Farbe – Verleih: Filmwelt-Prokino (35mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Abschied von der Kindheit, das heißt auch Abschied von der Überschaubarkeit einer heilen Welt, Verlust der Unbeschwertheit. André Téchiné erzählt vom Sommer 1962 im Südwesten Frankreichs, einer Zeit politischer Erschütterung, denn der Algerienkrieg und die Aktivitäten der Organisation de l'Armée Secrète (OAS) der Algerien-Franzosen spalten die Nation. Im Mittelpunkt stehen vier Jugendliche, drei Gymnasiasten eines Internats und ein Mädchen, auf der Suche nach Identität: François, ein kleiner Intellektueller mit Vorliebe für Rimbaud und Faulkner, Serge, sein bodenständiger Freund, der 21-jährige Algerien-Franzose Henri, dessen Vater bei einem Terroranschlag starb und der durch rigorose nationale Parolen provoziert. Und dann ist da noch Maité, ein junges Mädchen mit Angst vor den ersten emotionalen und sexuellen Erfahrungen. Ihr Vater verließ die Mutter, und sie möchte eine ebensolche Enttäuschung vermeiden. Die Idylle des Dorfes bekommt Risse, als Serges Bruder Pierre für einige Tage aus dem Krieg nach Hause kommt und heiratet. Er will nicht mehr in den Kampf zurück, aber die Dorflehrerin, Maités Mutter und überzeugte Sozialistin, verweigert ihm ihre Unterstützung. Als er kurz darauf fällt, macht sie sich Vorwürfe und erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Die Beziehung zwischen den vier Jugendlichen kompliziert sich – zwischen François und Serge kommt es zu erotischen Kontakten, François realisiert seine Homosexualität, aber Serge sammelt nur einige sexuelle Erfahrungen und sieht ihn als Freund, nicht als Liebhaber. Henri, zu dem sich François auch hingezogen fühlt, verlässt die Schule, weil er die Theorie ablehnt, das Leben selbst als Schule ausprobieren will. Bevor er nach Marseille fährt, trifft sich das Quartett noch einmal zum Baden an der Garonne. Und für alle kommt es zu einer Klärung ihrer Verhältnisse untereinander ...

Téchiné beschreibt die Probleme des Erwachsenwerdens, die Rebellion gegen das Unbekannte, die Suche nach Verständnis. So möchte Maité am liebsten "zehn Jahre älter sein", sie verabscheut ihre Jugend, möchte sich "sehr viel später wiederfinden" und flüchtet sich in die Politik. Erst als sie sich in einem kurzen Moment Henri öffnet, tritt ihre Verletzbarkeit, aber gleichzeitig auch ihre Lebenskraft zutage. "Wilde Herzen" schildert mit viel Fingerspitzengefühl und Atmosphäre eine Jugend im Spannungsfeld von Sexualität, Politik, Familie und Liebe, den Internatsalltag und die ersten Liebesversuche. Téchiné beweist – wie schon in "Ich küsse nicht" – seine Stärke in der Schauspielführung und Brillanz der Dialoge (allerdings sollte man sich den Film in der Originalfassung mit Untertiteln anschauen, die deutsche Version ist eine Katastrophe, da völlig unsensibel die Sprache der 90er-Jahre in die 60er verpflanzt wurde).

Téchiné wählte die 60er-Jahre und greift auf seine eigenen Erinnerungen zurück, das kommt dem Film zugute. Differenziert entwirft er das Porträt von Jugendlichen zwischen Freiheitsdrang und Furcht vor der Freiheit, noch in konventionelle Strukturen gezwängt, aber kurz vor dem Umbruch einer Gesellschaft. Der "unterirdische Leitfaden des Films, das ist die Art und Weise, wie der Algerienkrieg in diesen verlassenen Winkel im Süden Frankreichs eindringt". Der Film ist die Kinofassung eines Teils einer Fernseh-Serie, in der neun Filmemacher aus ihrer Jugend zwischen den 60er- und 90er-Jahren erzählen, Titel und Thema sollten entsprechend dem Lied von Françoise Hardy "Tous les garçons et les filles de mon age" ausgewählt werden.

Margret Köhler

 

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