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Ausgabe 62-2/1995

"Das Thema Dritte Welt ist immer schwieriger präsent zu halten"

Gespräch mit dem ZDF-Redakteur Elmar M. Lorey über die verdienstvolle Filmreihe "Eine Welt" und deren Ende

(Interview zum Film DAS REISFELD und zum Film DIE KINDER VON MARCAÇAO)

Das Fernsehprojekt "Eine Welt" der ZDF-Abteilung Kinder, Jugend und Familie wird nicht mehr weitergeführt. Dies bestätigte der zuständige Redakteur Elmar M. Lorey auf Anfrage. Im Rahmen der für das deutsche Fernsehen einzigartigen Initiative beteiligte sich das ZDF seit 1988 als Co-Produzent an Kinofilmen, die von einheimischen Filmemachern in Afrika, Asien und Lateinamerika hergestellt wurden und die das Leben der Kinder dort in den Mittelpunkt stellten. Das Projekt verfolgte nicht nur das Ziel, eigene Produktionen in Ländern der sogenannten Dritten Welt zu unterstützen, sondern zugleich Zuschauern in Deutschland die Möglichkeit zu geben, einen authentischen Einblick in das Leben anderer Kulturen zu gewinnen.

Im Rahmen von "Eine Welt" entstanden bisher sechs Spielfilmproduktionen und dazu je ein Filmbericht über die Dreharbeiten. Die Mehrzahl der Filme fand auch beim internationalen Kinopublikum Aufmerksamkeit, einige bekamen auf internationalen Festivals Auszeichnungen. So erhielt "Yaaba" auf dem Festival in Cannes 1989 den Preis der internationalen Kritik und den Preis der Ökumenischen Jury.

Wenigstens im aktuellen Programm ist die verdienstvolle Reihe aber noch präsent. Unter dem Titel "Kinder der drei Kontinente" zeigt das ZDF ab Ostersonntag 1995 vier "Eine Welt"-Filme in mehrteiligen Fernsehfassungen, so die kambodschanische Produktion "Die Familie im Reisfeld" (dt. Verleihtitel: "Das Reisfeld") von Rithy Panh und die brasilianische Arbeit "Die Kinder von Marcaçao" von Jussara Queiroz. Während Panhs Film bereits in den deutschen Kinos zu sehen war, lief der von Queiroz hierzulande bislang nur auf dem Filmfestival Mannheim/Heidelberg 1994. Im Mittelpunkt von "Die Kinder von Marcaçao" steht eine Gruppe von Kindern, die in der brasilianischen Provinz für bessere Lebensbedingungen kämpft und dabei von einer engagierten Nonne unterstützt wird.

KJK: Zu welchem Datum soll das Projekt "Eine Welt" eingestellt werden?
Elmar M. Lorey: "Das Projekt ist praktisch eingestellt. Es läuft jetzt noch ein Vertrag für den zweiten Film von Adamo Drabo aus Mali, 'Die Herrschaft der Röcke'. Er soll in diesem Jahr realisiert werden. Gegenwärtig laufen die Vertragsverhandlungen mit den europäischen Co-Produzenten und dem ZDF. Wenn der Vertrag direkt mit der malischen Firma von Adamo Drabo gemacht werden würde, dann müssten wir nach dem Doppelbesteuerungsabkommen praktisch fast 30 Prozent des ZDF-Anteils an Steuern dem deutschen Finanzamt abführen. Um das zu vermeiden, versuchen wir immer, europäische Co-Produzenten zu finden. Dann ist diese hohe Besteuerung zu umgehen, und das Geld kommt der Produktion zugute."

Aus welchen Ländern stammen Ihre europäischen Partner?
"In diesem Fall wird es ein Schweizer und ein französischer Co-Produzent sein."

Wie lautet die offizielle Begründung für die Einstellung des Projekts?
"Die offizielle Begründung hat einen einfachen Nenner. Solche Projekte, die in der Regel auf internationalen Festivals Aufmerksamkeit erregt hätten und auch ausgezeichnet worden sind, hätten bisher das ZDF zwar geziert. Angesichts der finanziellen Situation des ZDF müssten die Prioritäten aber neu gesetzt werden und angesichts der geringen zu erwartenden Resonanz beim Publikum – so die Begründung – müssten solche Projekte heute zurückstehen. Das erscheint mir – mit Verlaub – so, als würde ein Familienvater den Kauf von Gemüse und Obst mit der Begründung einstellen, die Kinder würden doch lieber Schmalzkringel und Schokoriegel essen."

Das heißt die Quoten?
"Das heißt die Quoten! Das ist insofern bemerkenswert, als es sich hier ja – programmwirtschaftlich gesehen – um ausgesprochen preiswerte Produktionen handelt. Die Rechtekonstruktion ist so, dass das ZDF zwar nur die Fernsehrechte übernimmt und sonst alle Rechte bei den Produzenten bleiben. Aber die Laufzeit der Lizenz ist relativ lang, bis 25 Jahre, das heißt die Filme sind in der Regel mehrfach ausgestrahlt worden. Mit deutscher Synchronisation lag der Minutenpreis bei der Erstausstrahlung zwischen 1.000 und 3.000 Mark. Alle nachfolgenden Ausstrahlungen sind kostenfrei. Wenn man bedenkt, dass etwa die beiden Filme von Idrissa Ouedraogo, "Yaaba" und "Karim und Sala", zwischen 1990 und 1995 insgesamt zwölf Mal über den Bildschirm gegangen sind, das heißt praktisch zehn Mal kostenfrei, ist das eigentlich ein schwer verständliches Argument."

Wie viel Geld stand Ihnen zuletzt für neue Produktionen im Jahr zur Verfügung?
"Der Budget-Rahmen lag etwa bei 435.000 Mark für die Beteiligung und die Synchronisation, pro Projekt, und das war im Grunde jährlich konzipiert."

Wie viele Arbeiten sind bisher für das Projekt fertig gestellt worden?
"Sechs Spielfilmproduktionen. Zu jeder davon gab es einen Dokumentarfilm zur Einführung, der ein bisschen über die Hintergründe informierte."

Gibt es denn jetzt noch einen Programmbestandteil in Ihrer Redaktion, der sich mit der sogenannten Dritten Welt beschäftigt?"
"Das kann ich im Moment nicht überblicken. Es gab hin und wieder Einzelsendungen, zum Beispiel 'Logo in Togo'. Ansonsten kann ich nicht sehen, dass eine systematische Abdeckung dieses Bereichs derzeit geschieht."

Was wird an die Stelle Ihres gestrichenen Projekts treten?
"Die Filme liefen ja in Episodenversion auf dem Sendeplatz der Redaktion 'Kleine Reihen'. Gegenwärtig existiert dieser Sendeplatz immer noch. Das sind 52 Termine sonntags mit dem jeweiligen Wiederholungstermin mittwochs. Inwieweit das von der diskutierten Umstellung berührt wird, kann ich im Moment nicht überblicken. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass in diesem Bereich 52 Sendetermine vorgesehen sind, aber schon in den zurückliegenden Jahren keine 52 Neu-Sendungen im Jahr produziert wurden. Zum Schluss waren es etwa nur noch zehn."

Wie sehen Sie diese Entscheidung im Zusammenhang mit den Plänen von ARD und ZDF, einen gemeinsamen werbefreien Kinderkanal einzurichten?
"Ich teile die Einschätzung, die im jüngsten Heft der Zeitschrift 'TeleVizion' formuliert worden ist. Sie besagt, dass die Erwachsenen keine große Sympathie für einen solchen Kinderkanal haben, weil sie der Ansicht sind, die Kinder gucken dann noch mehr Fernsehen. Die Kinder zeigten bei dieser Untersuchung kein großes Interesse, weil sie ja längst auf die hektischen Programme der Kommerziellen orientiert sind, die mit hohen Reizen besetzt und schnell geschnitten sind. Also ich sehe das Interesse des Publikums nicht. Ich finde auch, da hat man zu wenig vorgearbeitet. Im Gegensatz zur ARD hat das ZDF sein Kinderprogramm immer wie eine Verschiebemasse behandelt. Man hat es mal nach vorne, mal nach hinten geschoben, die Sendeplätze ständig verändert, keine wirkliche Pflege des Publikums betrieben. Die Kinder mussten ihre Programme immer wieder woanders suchen. Da ist keine Kontinuität entstanden. Von daher hat das Kinderprogramm bei den Kindern keinen großen Stellenwert. Da hat einfach keine rechte Senderbindung stattgefunden. Das war meines Erachtens eine Fehlentscheidung, was die Zukunftssicherung angeht, denn das sind ja auch die zukünftigen Seher des Programms. Wenn man sich um die nicht gekümmert hat, dann muss man mit solchen Effekten rechnen."

Wie geht es für Sie persönlich weiter?
"Das ist im Moment noch sehr offen."

Kommen wir zum jüngsten Film in Ihrem Projekt, "Die Kinder von Marcaçao". Er wurde ja schon im September 1993 fertig gestellt. Wieso wird er erst im Sommer 1995 ausgestrahlt, obwohl es ja keine Kinoauswertung gibt?
"Wir wollten für die Reihe 'Kinder der drei Kontinente' mehrere Filme zusammennehmen, um die Präsenz dieses Programms zu verdeutlichen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass wir auch aus Kostengründen die deutsche Synchronisation zusammen mit Rithy Panhs Film realisiert haben. Der Film ist zeitlich nicht so abhängig, dass man ihn sofort hätte senden müssen. Wir wollten auch der Filmemacherin die Möglichkeit offenlassen, den Film vorher noch anders auszuwerten."

Inwieweit haben Sie auf die Konzeption des Films Einfluss genommen?
"Vom Prinzip her versuchen wir bei diesem Projekt, möglichst keinen Einfluss auszuüben. Das Prinzip ist, dass ein Drehbuch akzeptiert wird. Das heißt andererseits nicht, dass man schweigt, wenn einem offenkundige Fehler oder dramaturgische Schwächen auffallen. Dann äußere ich mich gegenüber dem Autor/Regisseur dazu, überlasse ihm aber die Entscheidung, was er damit macht. Ich betrachte mich als ersten Zuschauer und teile meine Irritationen mit. Das ist die generelle Situation. Weil dieser Film wegen seiner dünnen finanziellen Decke mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und über lange Zeit entstanden ist, hatte er am Ende zwar eine Menge Material mit ganz guten Szenen, das aber nicht den Atem hatte, um 90 Minuten durchzutragen. Da habe ich in Rio den deutschen Filmemacher Wolf Gauer, der seit über 20 Jahren in Brasilien lebt, als Berater hinzugezogen. Wir haben mit Jussara Queiroz diskutiert, welche Form man finden könnte, um die Szenen, die teilweise unverbunden wie Perlen existierten, auf eine Schnur zu ziehen. So entstand der Grundgedanke für die Rahmengeschichte."

Sind die Kinder-Darsteller Laien?
"Es sind alles Laien, auch die Erwachsenen. Nur die Darstellerin der Nonne ist eine professionelle Schauspielerin. Ich finde, sie spielt die schwächste Rolle im Film. Die Kinder spielen ihre Szenen auch deshalb so glaubwürdig, weil sie sie tatsächlich erlebt haben."

Der Film beruht ja auf dem Buch eines Paters. Gibt es eine deutsche oder englische Übersetzung?
"Nein. Es ist nicht auf deutsch erschienen. Es ist im Grunde ein Protokollbuch. Dieser Pater Reginaldo war damals in der katholischen Basisbewegung aktiv, die ja heute zum größten Teil zerschlagen worden ist. Er hatte damals vom Kampf dieser Kinder erfahren und ist zu ihnen gereist, hat mit ihnen gesprochen und die Protokolle davon in diesem Buch vorgelegt."

Wie sieht es heute in dem porträtierten Dorf aus?
"Ein Teil der Kinder ist inzwischen erwachsen und hat eigene Kinder. Je älter die Leute wurden, umso zentrifugaler entwickelte sich das Ganze. Diese Gruppe, die ehemals sehr stabil war, hat sich natürlich ein Stück weit aufgelöst. Auch durch die Tatsache, dass die Schwester abgezogen wurde, fehlt dem Ganzen ein inneres Zentrum. Inwieweit die Erfahrungen in der Persönlichkeitsstruktur der damals Beteiligten nachwirken, ist natürlich eine ganz andere Frage."

Ein Schlusswort?
"Wichtig ist das Grundsätzliche in der Angelegenheit. Mit dieser Initiative hatte das ZDF zu verstehen gegeben, dass nicht nur seine Journalisten immer wieder von den Politikern mit Recht Investitionen in die Entwicklungspolitik fordern. Es hat als 'Kulturanstalt' in dieser Gesellschaft zumindest symbolisch zu erkennen gegeben, dass es diese Äußerungsmöglichkeiten von Menschen in der Dritten Welt unterstützt. Dass ein solches Projekt eingestellt wird, das vergleichsweise ein finanzielles Nischenprogramm ist, das ist alarmierend. Denn es folgt der allgemeinen gesellschaftlichen Routine, angesichts der großen Probleme, die wir meinen, hier zu haben, diesen Bereich auszuklammern, nicht mehr über den Tellerrand zu gucken. Das Thema Dritte Welt ist immer schwieriger präsent zu halten. Und das ist mehr als bedauerlich."

Das Gespräch mit Elmar M. Lorey führte Reinhard Kleber

 

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