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Ausgabe 122-2/2010

MIN DÎT – DIE KINDER VON DIYARKABIR

MIN DÎT – DIE KINDER VON DIYARKABIR

Produktion: Bezar Film / Corazón International; Deutschland / Türkei 2009 – Regie und Buch: Miraz Bezar – Kamera: Osabeööe Casez – Schnitt: Miraz Bezar – Musik: Mustafa Biber – Darsteller: Senay Orak (Gulistan), Muhammed Al (Firat), Hakan Karsak (Nuri Kaya, Paramilitär), Suzan Ilir (Zelal), Fahriye Celik (Mutter), Alisan Önlü (Vater) u. a. – Länge: 101 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Mitosfilm – Altersempfehlung: ab 12 J.

Während des brutalen Konflikts zwischen türkischer Armee und kurdischen Rebellen starben oder verschwanden in den 1990er-Jahren nach Informationen von Menschenrechtsorganisationen über 18000 Menschen. "Min Dît" schaut zurück in die Vergangenheit, lässt aber den Zeitrahmen der Handlung unbestimmt, um die Universalität des Themas zu unterstreichen. Die staatlichen Gewaltakte sind im Vergleich zu damals zwar zurückgegangen, aber die Gewalt kann jederzeit erneut ausbrechen, dünn ist der Firnis der Befriedung. Das eindringliche Drama erzählt aus Kinderperspektive eine exemplarische Geschichte vom Leben und Überleben in einem grausamen Alltag.

Die zehnjährige Gulistan und ihr kleiner Bruder Firat müssen auf der Rückfahrt von einer Hochzeit im Auto mit ansehen, wie türkische Paramilitärs ihre Eltern – die Mutter mit der weinenden Baby-Schwester im Arm – eiskalt erschießen. Ihre politisch aktive Tante nimmt sie auf und will die Flucht nach Schweden zu Verwandten organisieren, doch sie verschwindet plötzlich spurlos. Die älteren Geschwister können Strom und Wohnung nicht mehr bezahlen, landen auf der Straße im Milieu von Kleinkriminalität, Drogenkonsum, Prostitution und Menschenhandel, ihre kleine Schwester stirbt. In dem Chaos von Gewalt und Armut reißen die sozialen Netze, jeder ist auf sich gestellt,  Diyarbakir, die Provinzhauptstadt im Osten der Türkei, ist Ziel von Flüchtlingen, eine Stadt im Ausnahmezustand. Als Gulistan den Mörder ihrer Eltern zufällig trifft, will sie Rache und erreicht ihr Ziel ganz ohne Gewaltanwendung – wie im kurdischen Märchen von Yasar Kemal, das ihr die Mutter immer vorgelesen hat, bindet sie im übertragenen Sinn "dem Wolf eine Glocke um den Hals", damit er als Wolf bzw. als Mörder zu erkennen ist.

In seinem eindrucksvollen Regiedebüt gelingt dem kurdischstämmigen dffb-Absolventen Miraz Bezar ein kleines Wunder. Trotz politischem Anliegen verzichtet er auf dogmatisches Botschaftskino, setzt auf das subjektive Erleben der Kinder (alles Laiendarsteller) und verstärkt dadurch subtil das Empfinden der Folgen staatlichen Terrors. Gut gezeichnet ist die Figur des Mitglieds der türkischen Geheimpolizei, ein Folterer und Killer und gleichzeitig fürsorglicher Familienvater. Allein schon die intelligente Schnitttechnik entlarvt die moralische Ambivalenz dieses Mannes. Abenteuerlich ist schon die Entstehungsgeschichte dieses von der Filmförderung abgelehnten Juwels: Bezar zog nach Diyarbakir und recherchierte vor Ort, die Mutter verkaufte ihr Häuschen, der Onkel zahlte die Hotelrechnungen und Fatih Akins Produktionsfirma 'corazòn international' unterstützte die Fertigstellung. Die Einladung dieses ersten kurdischsprachigen Films zum Festival nach Antalya galt 2009 als kleine Sensation, die Jury verlieh ihm zusätzlich den Spezialpreis, vielleicht ein Zeichen für eine langsame Normalisierung und Konsolidierung der fragilen türkisch-kurdischen Beziehung.

Margret Köhler

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 122-2/2010 - Interview - Kindheit in Diyarbakir heißt auch, mit Gewalt konfrontiert zu sein

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.MIN DÎT – DIE KINDER VON DIYARKABIR im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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