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Ausgabe 123-3/2010

GROSSE SCHWESTER PUNAM

BIG SISTER PUNAM

Produktion: Lunam Docs, Novi Sad, mit The Global Fund for Children, Washington; Serbien / USA 2009 – Regie und Buch: Lucian und Natasa Muntean – Kamera: Lucian Muntean – Schnitt: Natasa Muntean – Musik: Vladimir Moritz – Mitwirkende: Punam Tamang, Rabina Tamang, Krishna Tamang u. a. – Länge: 51 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Illumina Films, Amsterdam, Tel.: +31-20-624 8395, email: robin@illuminafilms.nl – Altersempfehlung: ab 8 J.

Als die beiden serbischen Dokumentarfilmer Lucian und Natasa Muntean im Jahr 2005 einen Kurzfilm über Punam und ihre beiden jüngeren Geschwister Krishna und Rabina drehten, war Punam neun Jahre alt. Das tapfere Mädchen aus einer mittelgroßen Stadt in Nepal, 1400 Meter hoch über dem Meeresspiegel gelegen, muss nach dem frühen Tod der Mutter allein auf ihre beiden Geschwister aufpassen. Der Vater ist von frühmorgens bis spätabends außer Haus, um in gleich mehreren Arbeitsschichten den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen und seinen Kindern wenigstens den Schulbesuch zu ermöglichen. Das zeichnet seine Kinder von unzähligen anderen Kindern aus, die in Nepal allein deshalb nicht zur Schule gehen können, weil weder das Geld dafür vorhanden ist noch die billige Arbeitskraft der Kinder zum Überleben der Familie entbehrt werden könnte. So müssen diese oft schon als Kleinkinder und nicht selten neben ihren Eltern in Ziegelsteinfabriken oder beim Steineklopfen mithelfen, meistens von 9 bis 17 Uhr täglich – und auch das zeigt der Film in eindringlichen und sachlich bleibenden Bildern, jedenfalls ohne Empörung oder den moralischen Zeigefinger eines Außenstehenden.

Punam ist trotz der Armut in ihrer Familie als Kind also bereits privilegiert, was sich im Film nicht zuletzt über ihre nicht unterzukriegende Freude, ihre Bescheidenheit und ihre Liebe und Geduld gegenüber den Geschwistern vermittelt. Dennoch mutet ihr Arbeitstag weitaus härter an, als der eines durchschnittlichen Erwachsenen in Mitteleuropa. Um 6 Uhr früh steht sie auf, um Krishna und Rabina, die nach einem schlecht verheilten Doppelbruch des Beines leicht gehbehindert ist, das Essen zu machen, beim Anziehen zu helfen und für die Schule beziehungsweise den Kindergarten vorzubereiten. Nach der Erledigung der Hausarbeiten und dem Waschen der Wäsche geht Punam ebenfalls in die Schule. Aber das sind keine Klassenzimmer nach europäischen Vorstellungen, sondern winzig kleine Räume mit einfachen Bänken direkt vor der Tafel und manchmal sind selbst diese Räume noch durch einen Vorhang getrennt, um dort zwei Klassen parallel unterrichten zu können. Und nach der Schule geht es für sie weiter bis zum Abend, denn dann muss sie einkaufen, Essen machen und sich um ihre Geschwister kümmern. Statt über ihr Schicksal zu klagen, ist es Punams größter Wunsch, viel zu lernen und vielleicht später einmal als Lehrerin auch anderen Kindern helfen zu können, damit sie in die Schule gehen und nicht ganz so hart arbeiten müssen.

Vier Jahre später haben die Filmemacher Punam und ihre Familie erneut mit der Kamera besucht. Materiell hat sich die Familie verbessert, zumindest was nepalesische Verhältnisse betrifft und in einer Zeit, in der ganz Nepal unter täglichen Wasser-, Strom- und Ölengpässen zu leiden hat. Die kleine Mietwohnung umfasst inzwischen zwei Räume und selbst einen winzigen Fernseher gibt es. Für diesen bescheidenen "Wohlstand" allerdings muss der Vater noch mehr arbeiten und seine Kinder müssen ihm nach der Schule beim Anfertigen von Ziegelsteinen aus Lehm helfen. Das Pensum besteht aus 400 bis 500 Ziegeln täglich, für die dann etwa zwei US-Dollar gezahlt werden. Punam selbst steht noch ein wenig früher auf und obwohl Krishna und Rabina inzwischen schon sehr selbstständig geworden sind und ungewöhnlich fürsorglich miteinander umgehen, trägt vor allem die große Schwester eine tägliche Dreifachbelastung aus Hausarbeit, Schule und Erwerbstätigkeit. Weiterhin übrigens mit einem Lächeln, ohne Murren und mit einer Energie und Zuversicht, die so umwerfend wie beispielgebend ist – etwa auch für Kinder hierzulande, die aus sozial schwachen Verhältnissen kommen, Null Bock auf Schule haben und keinerlei Zukunftsperspektiven für sich entdecken können. Wenn am Ende Punam den Filmemachern und indirekt auch den Zuschauern zuruft: "Vergesst mich nicht!", lässt der Film, der hoffentlich in der Bildungsarbeit auch bald in Deutschland zum Einsatz kommt, jedenfalls keinen Zweifel daran, dass Punam es schaffen und ihren Lebenstraum einer Lehrerin verwirklichen wird.

Die Abspanntitel verweisen darauf, dass weltweit eines von fünf Kindern ein Kinderarbeiter ist und allein in Nepal 60.000 Kinder in Ziegelfabriken und Steinbrüchen arbeiten, von denen die Hälfte nicht zur Schule geht. Ein unhaltbarer Zustand, daran besteht kein Zweifel. Doch der lässt sich nicht verändern, indem die Kinderarbeit lediglich international geächtet wird und die betroffenen Familien noch mehr in soziale Not geraten. Schon eher gibt Punam mit ihrem großartigen Beispiel Anlass zur Hoffnung auf Veränderung, auch wenn sie dafür viel zu viel auf ihren Schultern zu tragen hat.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 123-3/2010 - Interview - "Wir kamen als Touristen und gingen als Filmemacher"

 

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KJK-Ausgabe 123/2010

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