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Ausgabe 92-4/2002

WIE VERLIEBT MAN SEINEN VATER?

Produktion: Kinderfilm GmbH und MDR unter Beteiligung von ZDF Enterprises und KI.Ka mit Unterstützung der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM); Deutschland 2002 – Regie: Karola Hattop – Buch: Gabriele Herzog, Beate Pfeiffer – Literarische Vorlage: Malika Ferdjoukh – Kamera: Konstantin Kröning – Schnitt: Uta Ayoub – Darsteller: Sven Lubeck (Julius Hansen), Marie Luise Stahl (Elsa), Heinrich Schafmeister (Prof. Hans Hansen), Johanna Christine Gehlen (Nora Feldmeier), Gudrun Ritter (Oma Christa) u.a. – Länge: 90 Min. – Farbe – Weltvertrieb: ZDF Enterprises GmbH, Lise-Meitner-Str. 9, D-55129 Köln, Tel. 06131-991 236, Fax 06131-991 283 – Altersempfehlung: ab 8 J.

Julius lebt allein mit seinem Vater, dem Astrophysiker Hans Hansen. Dieser ist der sprichwörtliche zerstreute Professor und macht den Zwei-Männer-Haushalt zum täglichen Chaos. Julius bleibt nichts anderes übrig, als sämtliche Haushaltspflichten zu übernehmen. Sehr zum Leidwesen seiner besten Freundin Elsa, denn Julius leidet infolgedessen unter chronischem Zeitmangel. Als Julius sie ein weiteres Mal versetzt, fordert Elsa: Hier muss sich schleunigst etwas ändern! Und sie weiß auch schon, wie. Eine Frau für Professor Hansen muss her. Julius, der Elsa nicht verlieren will, willigt ein und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der passenden Frau zum Heiraten. Ein schwieriges Unterfangen, zumal auch Liebe im Spiel sein soll. Alle noch so raffinierten Verkupplungsversuche scheitern. Julius würde ja der geheimnisvolle "blonde Engel" gefallen, der ihm immer wieder begegnet. Aber Elsa lehnt Engel als alltagsuntauglich ab. Zusätzlichen Ärger bereiten Julius und seinem Vater die ohrenbetäubenden Tiergeräusche, die seit neuestem aus der Wohnung über den Hansens dröhnen. Die laute Nachbarin namens Nora entpuppt sich schließlich als Julius' blonder Engel. Sie und Professor Hansen erröten sogar bei ihrer ersten Begegnung: ein untrügliches Indiz für Liebe, laut Elsas patenter Oma. Doch statt sich zu verlieben, beschimpfen sich die beiden Erwachsenen. Julius und Elsa müssen nachhelfen. Unter einem Vorwand bringen sie Prof. Hansen und Nora zusammen. In Noras Wohnung klärt sich auch der Lärm auf: Nora ist Geräuschemacherin beim Film. Endlich erröten die beiden Erwachsenen in Liebe – und es wird Hochzeit gefeiert. Und Julius hat wieder Zeit für seine Freundin Elsa.

Die auf einem preisgekrönten französischen Kinderbuch basierende Geschichte inszenierte Regisseurin Karola Hattop ("Der Elefant im Krankenhaus", 1991) als leichte und flotte TV-Komödie. Den Vater, Professor Hans Hansen, spielt Heinrich Schafmeister, der für solche schusselig-liebenswerten Figuren geradezu prädestiniert scheint. Sven Lubeck als verantwortungsbewusster Julius und Marie Luise Stahl als forsche Elsa können gleichermaßen überzeugen. Hattop legt die bekannte Geschichte der Familienzusammenführung durch Kinder im Hier und Jetzt an. Davon zeugt zum einen der peppige Soundtrack mit Hits von Robbie Williams und Co. Zum anderen ist besonders die Figur der selbstbewussten und energischen Elsa als "Kind von heute" angelegt, das selbstverständlich mit Handy und Inlineskates umgeht.

Vor allem aber hat Elsa eine ganz konkrete Vorstellung von Freundschaft, für die sie auch kämpft. Elsa ist die aktive, die treibende Kraft, die alle Geschehnisse in Gang bringt. Ihr Engagement lässt auch die manchmal altkluge Art vergessen, mit der sie Lebensweisheiten (vornehmlich ihrer Oma Christa) zum Besten gibt. Julius ist im Gegensatz zu Elsa angepasst und brav. Er lässt sich mehr von seiner Freundin anstiften, als aus eigenem Antrieb zu handeln. "Das ist alles nur wegen Elsa", erklärt er seinem Vater einmal. Wenn es nach Julius ginge, könnte alles seinen gewohnten Gang gehen. Vernunftorientiert wie ein kleiner Erwachsener hat er mit seinem Vater die Rollen getauscht: Professor Hansen ist das überforderte Kind, wenn es um alltägliche Dinge geht. Julius umhegt ihn mit größter Selbstverständlichkeit ebenso nachsichtig wie liebevoll. Dass ihm dies nebst der Bewältigung aller Haushaltspflichten so souverän gelingt, ist streng genommen unglaubwürdig.

Das größte Manko des Films ist denn auch die Oberflächlichkeit der Handlung und seiner Figuren. So verursacht insbesondere die komödienhafte Überzeichnung des Vaters ein klischeebeladenes Abziehbild vom zerstreuten Professor, der beispielsweise das meterhoch stehende Wasser in der Wohnung mit einem kleinen Tuch "aufzuwischen" versucht oder den lauten Tiergeräuschen mit Topf- und Pfannenschlagen Paroli bietet. Ein wenig fragwürdig ist auch das Rollenverständnis der Frau, das durch Elsas pragmatischen Lösungsansatz vertreten wird: Julius hat keine Zeit für sie, weil er den Haushalt versorgt; also muss eine (Ehe-)Frau für den Vater bzw. für den Haushalt her. Die Auswahlkriterien für die richtige Frau lauten "kochen, putzen, waschen und einkaufen können", dabei soll sie hübsch und jung sein und Humor haben. Dass es am Schluss die chaotische und alles andere als hausmütterliche Geräuschemacherin ist, deren Herz Julius' Vater gewinnt, vermag mit der Prämisse zu versöhnen.

Ein einziges Mal wagt der Film es, echte Emotionen anzusprechen. Elsa fragt Julius nach seiner verstorbenen Mutter und er vertraut ihr an: "Ich weiß gar nicht, wie das ist mit einer Mama." Leider belässt es die Inszenierung dabei, und nur für diesen einen Moment ist zu erahnen, dass die Familien-Situation nicht nur wegen der Haushaltsbürde und der hausgemachten Katastrophen des weltfremden Vaters eine schwierige ist für Julius.

Was man dem Film jedoch zugute halten muss, sind seine mutigen Kinderfiguren, die die Dinge selbst in die Hand nehmen, um für ihre eigenen Bedürfnisse zu sorgen. Für seine Freunde muss man Zeit haben, denn Freundschaft ist das Allerwichtigste – so könnte die "Message" lauten. Julius und Elsa ersinnen für dieses Ziel die originellsten Strategien, die auf zum Teil haarsträubende und lustige Weise scheitern. Daraus und aus den väterlichen Missgeschicken bezieht diese Komödie ihren Unterhaltungswert, und vielleicht will sie auch gar nicht mehr als das.

Ulrike Seyffarth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 92-4/2002 - Interview - "Die Produktion hat mir viele Türen aufgehalten"

 

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