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Ausgabe 124-4/2010

THEMBA

THEMBA

Produktion: Rheingold Films / DO Production / Zeitsprung Entertainment; Deutschland / Südafrika 2010 – Regie: Stefanie Sycholt – Buch: Stefanie Sycholt, nach einem Roman von Lutz van Dijk – Kamera: Egon Werdin – Schnitt: Hansjörg Weißbrich – Musik: Annette Focks – Darsteller: Nat „Junior“ Singo (Themba), Simphiwe Dana (Mandisa), Patrick Mofokeng (Luthando), Jens Lehmann (John Jacobs) u. a. – Länge: 108 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: alpha medienkontor – Altersempfehlung: ab 12 J.

Die Regisseurin Stefanie Sycholt, 1963 als Tochter deutscher Einwanderer in Pretoria geboren, war an den Universitäten von Natal und Kapstadt in der Anti-Apartheid-Studentenbewegung aktiv und hat unter anderem auch an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert. Ihre südafrikanisch-deutsche Koproduktion "Malunde" (2001) hat bei uns leider nicht die verdiente Publikums-Resonanz gefunden; international war der Film weitaus erfolgreicher. Stefanie Sycholt ist eine sozial- und gesellschaftspolitisch engagierte Filmemacherin, die bereits in jungen Jahren als Media Officer der National Union of South African Students tätig war. Mit "Themba" bleibt sie ihrer Linie treu. Der Film beruht auf dem gleichnamigen Roman des deutsch-niederländischen Schriftstellers Lutz van Dijk, der früher im Anne-Frank-Haus in Amsterdam gearbeitet hat und sich heute in Kapstadt als Mitbegründer der Stiftung HOSIKA (Homes for Kids in South Africa) für von AIDS betroffene Kinder einsetzt. Themba ist ein in Südafrika gebräuchlicher Jungenname. In der Sprache der Xhosa bedeutet er Hoffnung. Der Film von Stefanie Sycholt wurde in Xhosa und Englisch gedreht und ist eine Geschichte über Hoffnung und Möglichkeiten, die der Fußball einem nahezu chancenlosen Jugendlichen bietet.

Der elfjährige Themba lebt mit seiner Mutter Mandisa und seiner jüngeren Schwester Nomtha in armen Verhältnissen in einem kleinen Dorf im Eastern Cape. Von ihrer Hütte aus können sie das Meer sehen. Die Weite und Schönheit der Landschaft stehen in einem extremen Kontrast zu der Enge und Armut des Familienlebens. Thembas große Leidenschaft gilt dem Fußball. Er nutzt jede Gelegenheit, um mit seinem besten Freund Sipho zu kicken und den Vorbildern Zidane, Ronaldo oder den südafrikanischen Stars wie Andile Khumalo nachzueifern. Ein Fußball ist sein ständiger Begleiter. Gemeinsam mit seinen Freunden gründet Themba die "Lion Strikers", um an einem Jugendturnier teilnehmen zu können. Von seinem Vater, der in den Minen sein Glück machen wollte, hat Themba seit Jahren nichts mehr gehört. Eines Tages taucht der arbeitslose Minenarbeiter Luthando auf, der sich als vermeintlicher Onkel mit Lug und Trug Thembas Mutter nähert und sich in der sowieso schon engen Hütte einnistet. Luthando ist ein Großmaul und Alkoholiker; Themba begegnet ihm mit Misstrauen und Skepsis. Als seine Mutter ihren Job in der nahe gelegenen Teeplantage verliert, macht sie sich auf nach Kapstadt, um dort Arbeit zu finden. Nomtha und Themba bleiben bei Luthando zurück, der vorgibt, sich um die Kinder zu kümmern. Das Fußballspiel ist für Themba die einzige Chance, seine Sorgen zu vergessen. Gemeinsam mit seinen Freunden bereitet er sich auf das nächste Spiel vor. Die fehlenden Fußballschuhe werden durch Einsatzfreude ersetzt. Seine Mannschaft verliert, doch Themba kann einen Beweis seines Könnens abliefern. Der Leiter der "All Star Academy", John Jacobs, wird auf den talentierten Jungen aufmerksam und spricht ihn an. Für Themba scheint ein Traum wahr zu werden. Zurück in seinem Dorf holt ihn jedoch die Realität wieder ein.

Drei Jahre später hat sich die Situation nicht grundlegend verändert. Hin und wieder schickt Mandisa etwas Geld nach Hause, das Themba nicht immer vor dem Zugriff Luthandos retten kann. Themba hat dessen Lügen längst durchschaut und bleibt ihm gegenüber auf Distanz. Dafür wird seine Leidenschaft für Fußball immer intensiver und er trainiert noch mehr als zuvor. Ein großes Spiel steht an. Die "Lion Strikers" gewinnen; John Jacobs gibt Themba seine Visitenkarte und lädt ihn ein, seine Fußball-Schule zu besuchen. Als der volltrunkene Luthando eines Nachts Nomtha bedrängt, stürzt sich Themba auf ihn. Er verliert den Kampf und geht bewusstlos zu Boden; Nomtha konnte noch rechtzeitig zu ihren Großeltern flüchten. Als Themba wieder erwacht, begreift er, dass Luthando ihn vergewaltigt und sexuell missbraucht hat. Am nächsten Tag macht er sich mit seiner Schwester auf die Reise in die Metropole Kapstadt, um dort nach ihrer Mutter zu suchen. Das ist nicht einfach, denn sie lebt irgendwo in einem Slum am Rande der Stadt. Als sie Mandisa finden, ist die Freude nur von kurzer Dauer: Die Mutter ist schwer krank, nachdem sie sich bei Luthando mit AIDS infiziert hat.

Themba erinnert sich an John Jacobs und seine Visitenkarte. Er nimmt den Kontakt auf; Jacobs lädt ihn zum Training ein und sichert seinen Lebensunterhalt. Durch seine gute Leistung wird Themba in die "All Stars Academy" aufgenommen. Inzwischen ist auch der Trainer der Jugend-Nationalmannschaft Bafana Bafana auf den jungen Spieler aufmerksam geworden, und nichts scheint einer großen Fußball-Karriere im Weg zu stehen. Einen Tag bevor Themba erstmals auf der Reservebank bei einem Nationalspiel dabei sein darf, erfährt er, dass auch er HIV-positiv ist; infiziert hat ihn seinerzeit Luthando, der mittlerweile gestorben ist. Themba wird während des Spiels eingewechselt und trägt stolz das Trikot mit der begehrten Rückennummer 10. Ihm gelingt ein entscheidender Treffer – für den Jungen das "Tor zum Erfolg". Auf der anschließenden Pressekonferenz ergreift er das Wort, bedankt sich bei seinen Förderern, um abschließend einen Appell an die Zuhörer zu richten, das Thema AIDS nicht länger zu tabuisieren. Themba bekennt sich zu seinem Schicksal; sein Coming-out soll andere ermutigen, ebenfalls offen damit umzugehen.

Die Faszination "Fußball" und die damit verbundenen Karriereträume von internationaler Anerkennung und kommerzieller Sicherheit wurden in afrikanischen Filmen mehrfach erfolgreich variiert. "Bando und der goldene Fußball" von Cheik Doukouré (Frankeich/Guinea 1993) ist dafür ein exemplarisches Beispiel und allseits noch in bester Erinnerung. "Themba" von Stefanie Sycholt geht allerdings einen bedeutenden Schritt weiter. Der Junge Themba ist die ideale Projektions- und Identifikationsfigur für alle diejenigen, für die der Profisport eine der wenigen Chancen ist, der afrikanischen Alltagsrealität zu entkommen. Einige wenige haben es immerhin geschafft und sind zu Idolen der Gegenwart geworden. Sycholts Film begnügt sich allerdings nicht mit dieser Coming-of-age-Story, sondern nutzt sie, die Themen sexueller Missbrauch und AIDS öffentlich anzusprechen und zu Diskussionen anzuregen. Der Film zeigt Armut und Perspektivlosigkeit, die zu Kriminalität, Drogenmissbrauch und Alkoholismus führen. Die Fußball-Begeisterung und das aktuelle Interesse an Filmen darüber sind also Kommunikation stiftende Ansätze, die es ermöglichen, unangenehme und unbequeme Themen nicht länger zu verdrängen. Dass der Film 2010 und im Aufwind der Fußball-WM in Südafrika gestartet ist, war ein idealer Zeitpunkt. Dadurch erlangte "Themba" großes öffentliches Interesse. Es ist kein Sportfilm mit gesellschaftspolitischem Ansatz, wie ihn etwa Clint Eastwood mit "Invictus" gedreht hat – über die Rugby-WM, mit der Nelson Mandela sein Volk über den Sport zusammenführen wollte –, sondern ein Appell an afrikanische Jugendliche, die über ihr Interesse und die Begeisterung für Fußball für den offenen Umgang mit AIDS ermutigt werden sollen.

Die Hauptrollen der Kinder und Jugendlichen werden von südafrikanischen Nachwuchsschauspielern bzw. Laiendarstellern gespielt. Diese Authentizität wird noch verstärkt durch eine Kamera, die stets auf Augenhöhe der (fußball-)spielfreudigen Jungen bleibt. Simphiwe Dana, die Thembas Mutter spielt, ist eine populäre Jazz- und Folksängerin, die sich in ihren Liedern mit der Geschichte der Schwarzen speziell in Südafrika auseinandersetzt. Die von Dana selbst getexteten und komponierten Songs handeln von der Bedeutung der eigenen Traditionen und vom Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung. Anelisa Phewa als Fußballstar und Patrick Mofokeng als Luthando sind ebenfalls in Südafrika bekannte Schauspieler. "Themba" spielt in der rauen Wirklichkeit des heutigen Südafrika, aber auch in der globalen Welt des Fußballs. Und Jens Lehmann ist dafür zu danken, dass er das Anliegen des Films unterstützt und sich in seiner Rolle als Fußball-Coach in den Dienst einer guten Sache gestellt hat. "Themba" wurde mit mehreren Preisen und Anerkennungen ausgezeichnet; unter anderen mit dem UNICEF-Kinderrechtspreis und dem Bernhard-Wicki-Preis.

Horst Schäfer

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 126-4/2011 - Hintergrund - Medienpädagogische Begleitaktionen

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.THEMBA im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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