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Ausgabe 125-1/2011

DER ZWÖLFTE SOMMER

DWENADZATOJE LETO

Produktion: Kinokompania Snega, Jekaterinburg; Russland 2009 – Regie: Pawel Fattachutdinow – Buch: Swetlana Demidowa, Juri Klepikow, Viktor Serow – Kamera: Irina Uralskaja – Schnitt: Swetlana Bobrowa – Musik: Sergej Sidelnikow – Darsteller: Iwan Tuschin (Mischka), Anna Kelina (Katerina), Jegor Korotajew (Jegor), Arseni und Jakow Gurin (Zwillinge), Walerija Ljukina (Nastja), Jekaterina und Anna Rakitina (Schwestern Mischkas), Julija Tuschina (Mischkas Mutter), Sergej Anufrijew (Mischkas Vater), Julija Butakowa (Katerinas Mutter), Waleri Smirnow (Katerinas Vater) u. a. – Länge: 87 Min. – Farbe – Verleih: Sächsischer Kinder- und Jugendfilmdienst e.V., Chemnitz (35mm und DVD, OmU) – Altersempfehlung: ab 10 J.

Ein Paradies fernab der großen Städte, irgendwo im Osten Russlands. Es ist Sommer, die Kinder des sich an den mächtigen Fluss schmiegenden kleinen Dorfes lassen die Füße genussvoll über dem Wasser baumeln und fühlen sich pudelwohl. Einer von ihnen ist der exakt ein Dutzend Jahre zählende Mischka, der mit den anderen einen vollbepackten "Lada" beobachtet, der sich durch den Morast quält. Er ahnt nicht, dass in jenem PKW seine erste große Liebe sitzt. Wenig später wieder zu Hause, beobachtet er emsig die Datsche gegenüber. Vor der Tür parkt das bereits bekannte Auto und an das Gatter gelehnt ist ein nagelneues Fahrrad, eines für Mädchen und supertoll. Die Neugier lässt den Jungen nicht los, aber auch ein anderes, ihm unbekanntes Gefühl steigt in ihm auf. Denn dort erblickt er ein gleichaltriges Mädchen … Mischka lebt mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Schwestern in jenem Dorf in recht einfachen, aber wohlgeordneten und behüteten Verhältnissen. Der Vater ist Lastwagenfahrer, die Mutter offensichtlich Hausfrau. Der Zwölfjährige träumt gern, vor allem aber von einem Fahrrad. Doch das muss der Junge sich selbst zusammenbasteln, aus Einzelteilen, die er sich von dem und von jenem besorgt. Denn Geld dafür hat der Vater nicht übrig.

Mit dem Einzug von Katerina – so heißt die Neue von gegenüber – ändert sich für Mischka eine ganze Welt. Das Mädchen begleitet von nun an die Kinder bei ihren Spielen und Abenteuern, schwimmt mit ihnen um die Wette, angelt, klettert auf Bäume, tollt über die saftig grünen Wiesen und sammelt Beeren im Wald. Doch für Mischka ist die sich sehr selbstbewusst gebende Katerina mehr als eine Spielgefährtin. Immer wieder spürt er, wie sie ihre scheinbare Überlegenheit herauskehrt, wie sie ihn fühlen lässt, dass er …, ja, dass er bis über beide Ohren in sie verknallt ist. Es fällt ihm zunehmend schwerer, mit seinen Gefühlen umzugehen und diese im Zaum zu halten. Und dann ihre abstrusen Reden: Sie interessiere sich wie ihr Vater sehr für Ökonomie und Sorgen bereiten ihr vor allem die fallende marginale Konsumtionskurve und das sinkende Produktionspotenzial des Landes. Wie weiland Pippi Langstrumpfs Vater, der das Taka-Tuka-Land beherrschte, sei Katerinas Vater, der sie nach Katerina der Großen benannt haben soll, unentwegt in Geschäften unterwegs und ein großer Investor. Ohnehin habe er schon das ganze Umland sowie den halben Wald aufgekauft, und für sie selbst sei immerhin ein kleines Inselchen mitten im Fluss abgefallen.

Mischkas zwölfter Sommer könnte so schön sein. Aber dann taucht in Gestalt des etwas älteren Jegor ein Nebenbuhler auf, der mit dem Motorboot auf der Durchreise ist. Mischka rastet völlig aus, überall wittert er Verrat, legt sich mit den Eltern an und "duelliert" sich mit dem vermeintlichen Rivalen. Wie zwei brunftige Platzhirsche veranstalten beide einen Zweikampf auf dem Fahrrad. Gegen Ende des Sommers aber machen sich wirkliche Veränderungen im Ort bemerkbar. Schweres Gerät rückt heran und es scheint, dass tatsächlich ein großer Geschäftsmann am Werke ist. Eine neue Straße soll gebaut werden und was sonst nicht noch alles. Ob allerdings Katerinas Vater bei alledem wirklich seine Hand im Spiele hat, bleibt offen. Denn als dieser eintrifft, um die Familie wieder abzuholen, entpuppt er sich als ganz gewöhnlicher Papa. Wird es für Mischka ein Abschied für immer?

Die letzten Meter des Filmes geraten zu einem großartigen Schlussbild. Vor dem Schein der untergehenden Sonne, die hinter den Flussniederungen in die Bäume und Sträucher taucht und im sich spiegelnden Wasser eine Orgie in Rot und Gelb entfacht, setzt sich der Junge ans Ufer und gibt sich seinen sicherlich nicht leichten Überlegungen hin. Die Totale hält ihn mit dem Rücken zur Kamera wie eine Silhouette vor dem prallen Naturhintergrund fest, während eine leise, wehmutsvolle Musik erklingt. Schließlich hocken sich die beiden Zwillinge solidarisch neben ihren Freund und verharren mit ihm in Schweigen. Sie ist nicht so einfach zu meistern, die erste Liebe …

In der Filmhandlung wird einfühlsam die individuelle Umbruchsituation im Leben des jungen Protagonisten geschildert und mit einem sich abzeichnenden gesellschaftlichen Wandel verwoben. So wie Mischka sehr bald seine Unschuld verlieren wird, so wird es auch mit dieser begnadeten Landschaft und dem Dorf geschehen. Auch die wirtschaftliche Situation der Familie kann der Zuschauer nur erahnen, denn die Mutter (gespielt übrigens von der leiblichen Mutter des jungen Hauptdarstellers) und der Vater schirmen die Kinder bewusst vor belastenden Problemen ab. Eine überzeugende Kamera- und Montagearbeit unterstützt die nicht minder gelungene Dramaturgie des Films. Jede Dialogstelle hat ihren Sinn, jede Einstellung sitzt und fängt das Dorf wie die Schönheiten der Natur und der Menschen gleichermaßen großartig ein. Zitate oder Anleihen demonstrieren die Verbundenheit der Filmemacher mit ihrer sowjetischen Filmgeschichte und unterstützen den Symbolgehalt von Szenen. Und der schlaksige, dennoch kräftige und dabei immer wache Mischka mit seinem verinnerlichenden Blick wirkt wie eine Kopie seines damaligen Altersgenossen, der Hauptfigur aus Andrei Tarkowskis Debüt "Iwans Kindheit" (verkörpert durch Kolja Burljajew). Mit dem gewaltigen Unterschied allerdings, dass der heutige "Iwan" eine friedliche Kindheit erleben darf. Diesen halbwüchsigen Iwan Tuschin (Mischka) fand der Regisseur nach langen, erfolglosen Castings zufällig in einem Café in Jekaterinburg, wo jener mit seiner Mutter saß und diese im Gespräch laufend „veräppelte“. Diese Beziehung zwischen Sohn und Mutter schien dem Filmemacher eine gut geeignete Grundlage für seine Arbeit zu sein. Im Übrigen wurde der Film zum überwiegenden Teil mit Laiendarstellern besetzt.

"Der zwölfte Sommer" erhielt nach vielen anderen Preisen in Russland und der Ukraine beim 15. Internationalen Filmfestival für Kinder und junges Publikum "Schlingel" in Chemnitz den Hauptpreis der internationalen Fachjury.

Volker Petzold

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 125-1/2011 - Interview - Unser Ziel ist es, dass junge Zuschauer sich etwas Mühe geben, etwas aus dem Film lernen und mit der Seele verstehen

 

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