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Ausgabe 125-1/2011

Es gibt noch Luft nach oben

Ein Gespräch mit Michael Harbauer, dem Leiter des Internationalen Filmfestivals für Kinder und junges Publikum "Schlingel"

Interview

Vom 27. September bis 3. Oktober 2010 fand die 15. Ausgabe des Internationalen Filmfestivals für Kinder und junges Publikum in Chemnitz statt. 111 Filme aus 38 Ländern standen auf dem Programm. Der Geburtstag liefert den Anlass, mit Michael Harbauer, der das Festival mit Sylvia Zimmerman gegründet hat und leitet, Blicke zurück und voraus zu werfen. Mit Harbauer sprach Reinhard Kleber.

KJK: Wie entstand denn die Idee, in Chemnitz ein Kinderfilmfestival aufzubauen?
Michael Harbauer: Alle Kinos in Chemnitz waren damals geschlossen, nur das alte Metropol-Filmtheater konnte noch auf einer Leinwand spielen. Aber dort wurden keine Filme für Kinder gezeigt, sondern ausschließlich Mainstream für die 250.000-Einwohner-Stadt. So kamen wir auf den Gedanken, den Saal eines soziokulturellen Zentrums, in dem bis dahin Rock- und Pop-Konzerte stattfanden, auch für Kino zu nutzen. Die Deutsche Theaterbau in Thalheim im Erzgebirge, die schon in der DDR unter anderem Kinoleinwände hergestellt hat, ist nur 20 Kilometer entfernt und ermöglichte es uns, eine Leinwand im großen Saal unterzubringen. Das war mit 11,5 Meter Breite dann sogar die größte Leinwand in Chemnitz. Wir haben alte Filmgeräte installiert und konnten so endlich wieder Kinderkino in der drittgrößten Stadt der Neuen Bundesländer anbieten. So ging es los. Die ersten Ausgaben hießen "Chemnitzer Kinderfilmschau Schlingel". Zwei Jahre später fragte uns der Kinoleiter des inzwischen als Cinestar wiedereröffneten traditionellen Kinohauses "Luxor", Rüdiger Örtel, wollt ihr das nicht bei uns machen? So wechselten wir ins Cinestar.

Worin besteht der Vorteil, wenn ein Kinderfilmfest von einem Verein wie dem Sächsischen Kinderfilmdienst organisiert wird?
Der ist relativ unabhängig. Wir können uns dadurch anlehnen, wo immer wir denken, dass wir etwas dazulernen können. Der Schlingel ist Jahr für Jahr mit dem Anspruch gewachsen, nicht fertig, sondern wie ein Kind entwicklungsfähig zu sein. Diese Beweglichkeit birgt natürlich auch Risiken, vor allem im finanziellen Umfeld.

Wie wichtig ist die Unterstützung durch Stadt, Land und Bund?
Ohne Unterstützung der öffentlichen Hand ist ein Festival wie Schlingel nicht möglich. Am Anfang ging es vor allem darum, Filme zu bekommen und zu zeigen. Wir haben beim Dänischen und beim Norwegischen Filminstitut angerufen und die erbetenen Filme auch bekommen. Wenn man das jetzt als Newcomer machen würde, wäre das sicher schwieriger. Es wird nach Referenzen gefragt. Zum Einen dient hier natürlich das Programm der letzten Ausgaben, aber zum Anderen auch die Unterstützung von Stadt, Land und Bund. Ein qualitativ hochwertiges Programm lässt sich nur mit einem gesellschaftlichen Rückhalt gestalten, welcher neben den Besucherzahlen auch in den finanziellen Unterstützungen seinen Ausdruck findet.

Wie kamt Ihr auf die Idee, das Festival "Schlingel" zu nennen?
Der Name sollte ein wenig lausbübisch sein. Wir wollten uns auch ein paar Dinge erlauben, die nicht schon vorher abgesegnet sind. Das zeigt sich auch öfter in der Entwicklung des Schlingel. Bei der Einführung der Europäischen Kinderfilmjury haben wir nicht erst nach Subventionen gefragt, sondern haben die Idee realisiert. Erst danach klopften wir beim Auswärtigen Amt und dem Bibliographischen Institut an.

Warum habt Ihr den Schwerpunkt auf osteuropäische Filme gelegt?
Wir wollten zunächst deutlich machen, dass nach der deutschen Einheit nicht 30 Kilometer südöstlich die Welt zu Ende ist, sondern Tschechien und Polen nach wie vor existieren. Früher gab es einen sehr regen Filmaustausch innerhalb der osteuropäischen Länder. Das brach nach 1990 weitgehend zusammen. Wir haben nun den Fokus auf diese Länder gerichtet und Filme des geopolitischen Osteuropas frühzeitig in die Wettbewerbsprogramme eingegliedert. Daraus erwuchs spätestens mit der europäischen Integration 2004 eine gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit. Für uns die Möglichkeit, die Vielfalt ganz Europas darzustellen und sie somit auch den Kindern vor Augen zu führen.

Hat der Schlingel immer noch eine Brückenfunktion für Filme aus Osteuropa?

Ja, sicher. Insbesondere für tschechische, polnische und zunehmend für russische Kinderfilme, die man anderswo kaum noch wahrnehmen kann. 2009 hatten wir die Weltpremiere des russischen Animationsfilms "Buch der Meister", der danach in Zlín, Poznan und anderen europäischen Festivals Einzug hielt.

Das Festival hat 2010 zehn Workshops für Kinder und Jugendliche angeboten. Wie war denn die Nachfrage?
Zum Teil überraschend gut. Weil für einen Workshop mehr als 50 Anmeldungen aus einer Schule eingingen, mussten wir diesen in drei Gruppen teilen. Das Angebot wurde aber durchaus unterschiedlich wahrgenommen. Ein Workshop ist wegen mangelnder Nachfrage ausgefallen. Wir bieten Filmgespräche mit Regisseuren und thematische Seminare schon seit sechs Jahren an, stellen sie aber erst seit 2009 unter dem Namen "Workshop" auch öffentlich vor.

Der Schlingel ist ja auch in benachbarten Städten wie Schneeberg und Zwickau präsent. Was erhofft Ihr euch von diesen Gastspielen?
Unser Motto ist: Kurze Wege für kurze Beine. Gerade den Jüngsten fehlt es halt an Mobilität. Dagegen kommen die 12- oder 13-Jährigen eher nach Chemnitz, um dann auch die Regisseure zu treffen.

Warum macht Ihr solche Gastspiele auch im Ausland?
Begonnen haben wir in Russland, waren in Omsk, Moskau, Rostow am Don, Saratow, Jekaterinburg. Im Januar folgen noch Samara und Nishni Nowgorod (Gorki). Außerdem bereiten wir einen Ausflug nach Nowosibirsk vor. Das hat ein Geben und Nehmen. Der Bekanntheitsgrad des Schlingel ist dadurch in Russland inzwischen recht groß und trägt sicherlich auch dazu bei, den einen oder anderen Film aus Russland für den Auftritt in Chemnitz zu gewinnen. Grundsätzlich halten wir es für eine wichtige Aufgabe, den Austausch von Kinderfilmkultur auch in die Gegenrichtung zu befördern. Aus diesem Ansatz heraus ist die Kooperation mit dem Internationalen Kinderfilmfestival in Montreal zu verstehen. Nach der erfolgreichen Präsentation von Produktionen aus Quebec in Chemnitz wird im März 2011 der Gegenbesuch des Schlingel mit deutschen Filmen in Kanada erfolgen.

2007 hat das Festival die Dreiteilung der Wettbewerbe in Kinder-, Junior- und Jugend-Sektion eingeführt. Hat sie sich bewährt?
Eindeutig ja. Die Entscheidung resultierte aus unserer Feststellung bei Kinderfilmwettbewerben größerer Festivals in Deutschland und im Ausland, dass die ausgewählten Filme und vor allem die Preisträger oft am oberen Ende des Altersspektrums rangieren. Das ist auch verständlich, weil eine Kinderjury alle Filme verkraften können muss und der typische Juror ebenfalls zum Großteil 12 Jahre und älter ist. Wir wollten das etwas aufhebeln und sagen, wir brauchen auch Erfolge für den originären Kinderfilm. Deshalb haben wir den Kinderfilmwettbewerb in Kind und Junior unterteilt. Zumindest auf Festivalbasis gibt uns die Einteilung auch recht. Denn gerade für den Juniorwettbewerb gibt es seit Jahren ein richtig großes, gutes Angebot, welches so mit dem eher kleineren Filmangebot für die bis Zehnjährigen nicht konkurrieren muss.

Wo steht der Schlingel heute national wie international?
Das ist von außen oft leichter einzuschätzen als von innen. Ich glaube, es ist uns gelungen, den Schlingel gut zu positionieren. Es wird uns auch in überregionalen Presseberichten bestätigt, dass man sich hier in Chemnitz über den aktuellen Stand der Kinder- und Jugendfilmentwicklung gut informieren kann. Aber es gibt auch noch viel Luft nach oben. Wir können noch einiges ausbauen.

Wie wichtig ist denn für das Renommee die Präsenz von Kinderfilmfachleuten?
Wir hatten 2010 etwa 165 Fachbesucher. Vor drei Jahren waren es 100 weniger. Da wir das einzige Kinder- und Jugendfilmfestival im deutschsprachigen Raum sind, das Fördermittel aus dem EU-Programm MEDIA 2007 erhält, steigt auch der Anspruch an die Präsenz der Fachwelt. Das bedingt sich gegenseitig: Wenn man etwas installieren möchte, braucht man auch einen gewissen Nachhall. Somit ist die Bedeutung für uns groß. Ich freue mich, dass der Förderverein Deutscher Kinderfilm e.V. (Sitz Erfurt) seine Herbsttagung und Mitgliederversammlung in Chemnitz durchführt und dass der Bundesverband Jugend und Film mittlerweile das zehnte Mal seine Landesverbandstagung hier einberuft. Dies verleiht Selbstsicherheit und gibt erst die Möglichkeit zur Reflexion.

Andere Kinderfilmfeste versuchen, mehr Fachbesucher anzulocken durch Märkte oder Koproduktionsforen. Ist das auch beim Schlingel geplant?
Nein. Dieses Thema ist von Festivals in Berlin, Amsterdam und Malmö gut besetzt. Dazu braucht man die Nähe zu einer richtig großen Stadt, die man schnell erreichen und verlassen kann. Das ist in Chemnitz so nicht machbar. Wir wollen in Maßen wachsen, uns ist es sehr wichtig, den Kontakt zwischen den kleinen Besuchern und den Darstellerkindern zu ermöglichen. Wir bezeichnen dies als "Kontakt auf Augenhöhe". Dazu gehört auch, dass wir die Figur Schlingel lebendig werden lassen. Ein elfjähriger Junge verkleidet sich als "Schlingel" und moderiert die Kinderfilme an.

Sind für das nächste Festival Neuerungen zu erwarten?
Wir werden an der einen oder anderen Sektion feilen, vor allem am "Panorama". Dort ist mir der europäische Fokus sehr wichtig. Wir wollen darstellen, welche neuen Filme in Europa verfügbar sind. Und dies unabhängig davon, ob es sich dabei um eine nationale oder gar internationale Premiere handelt.

Alle reden vom Sparen, auch die Festivals. Ist denn die Finanzierung des Schlingel für 2011 gesichert?

Es ist zu früh, das zu sagen. Wir haben noch keine Bewilligungsbescheide in der Hand. Aber wir bemühen uns darum, zumindest wieder das Budget von 300.000 Euro zu bekommen wie 2010.

Wo steht der Schlingel in fünf oder zehn Jahren?
(lacht) Er wird volljährig sein. Die groben Bausteine sind nun gelegt. Jetzt geht es um Nachhaltigkeit. Filme dürfen nach dem Festival nicht einfach wieder verschwinden, sondern die einmal investierte Arbeit sollte auf fruchtbaren Boden fallen. Wenn es ein gewisses Maß an filmkultureller Pluralität auch für Kinder im Land geben soll, muss der Kinderfilmsektor jenseits wirtschaftlicher Betrachtungen weiter gestärkt werden. Dazu ist ein intensives Zusammenspiel mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen unabdingbar.

Interview: Reinhard Kleber

 

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