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Ausgabe 127-3/2011

"Wir wären ein schönes Duo Infernale gewesen"

Gespräch mit Ziska Riemann, Regisseurin und Drehbuch-Autorin, sowie Luci van Org, Co-Autorin des Spielfilms "Lollipop Monster"

(Interview zum Film LOLLIPOP MONSTER)

KJK: Euer Film wird angetrieben von einer verzweifelten Wut, die schließlich im Mord gipfelt. Wieso seid Ihr so wütend?
Lucy van Org: Oooah! (beide lachen) Das kann man relativ kurz sagen, weil bei uns ganz, ganz viel tatsächlich so passiert ist, ungefähr 90 Prozent – und da kann man schon wütend werden! (lacht) Wir haben das bei unseren Figuren Ari und Oona manchmal auch vertauscht und für den Film übersetzt, wir mussten die Charaktere ja auch ein bisschen extremer zeichnen, weil der Film ja von Gegensätzen lebt. ... Also, die Wut ist bei uns beiden, bei mir geht sie eher nach außen und bei Ziska eher nach innen, aber wir sind schon beide wahnsinnig wütend! In gewisser Weise ist es natürlich auch toll, dass man die Dinge, die definitiv vielleicht erst mal ungut waren, dann irgendwann in was Gutes drehen und daraus schöpfen kann. Zumindest wir haben das geschafft – und das ist jetzt auch ein versöhnlicher Abschluss, natürlich auch mit meinem Elternhaus oder so. Wut ist eben auch eine gute Emotion. Mein ganzer Antrieb war eigentlich meistens Wut, egal ob ich nun Musik mache, schreibe oder zeichne.
Ziska Riemann: Ich hab’ immer gesagt, wenn ich nicht schreiben könnte, wäre ich in der Irrenanstalt!

Ihr seid ja beide höchst kreativ, schreibt, zeichnet, macht Musik, habt beide schon Bücher, CDs und Filme veröffentlicht …

Ziska Riemann: Also sie kann richtig singen – das kann ich nicht!
Luci van Org: Ich bin halt mehr noch so der Performer, dafür könnte ich nie, wirklich nie im Leben so Regie führen wie Ziska das tut.

Darauf komme ich gleich. Zunächst: Wie seid Ihr überhaupt zu diesem Film gekommen?
Luci van Org: Das war ganz spannend, weil das mit dem Buch ja sehr lange gedauert hat.
Ziska Riemann: Sieben Jahre. Also vor acht Jahren haben wir damit angefangen, 2003 haben wir bei der FFA die Drehbuch-Förderung bekommen.
Luci van Org: Also es war so, dass wir quasi noch aus der Sicht der Kinder angefangen haben zu schreiben und dieses Treatment, das floss wirklich, das kam über uns! Wir haben wie manisch in den Computer getippt, zusammen und einzeln, teilweise auch mit verschiedenen Schriften, haben das so bei der Filmförderungsanstalt abgegeben und gedacht, die nehmen das nie, alleine optisch geht das überhaupt nicht, und dann nahmen die das doch an! Aber dadurch, dass das Buch so lange lag und dann wieder aufgegriffen wurde, und wieder und wieder, hat es sich verändert. Weil wir dann natürlich immer mehr aus der Sicht der reiferen Frauen geschrieben haben, in meinem Fall sogar aus der Sicht des Selber-Eltern-Seins. Das war aber eigentlich auch toll, weil wir nun versuchten, nicht nur extrem allein aus der Sicht der verletzten Teenager zu schreiben, sondern alle Figuren zu verteidigen. Wir fingen an, uns zu fragen, wieso machen die Eltern das, warum können die nicht anders, was ist da los? Wir sind mit der Zeit immer ein bisschen milder oder überhaupt analytischer geworden. Als Teenager möchte man ja gar nicht analysieren, da sieht man nur, dass da was falsch läuft.
Ziska Riemann: So ist es am Ende ein Psychogramm von Familien geworden, die aus dem Gleichgewicht geraten sind. Es gibt diesen Begriff von dem symptomatischen Glied einer Familie – und in der bunten Familie ist es der Bruder, der auch körperlich deutliche Symptome zeigt. Er ist sicher derjenige, der am stärksten leidet. Also da haben wir uns sehr viele Gedanken gemacht. Über die Mutter, die den Sohn nicht loslassen kann, weil er ihr ein und alles ist, und den Vater, der nicht eingreifen kann, weil er schon resigniert und sich innerlich in eine andere Welt zurückgezogen hat, und die kleine Tochter, die in diesem Drama zwischen Mutter, Vater und Sohn gar nicht mitspielt, sondern einfach überflüssig ist. Aber in dem Moment, wo diese Jacky auftaucht und diese schwelende verklemmte Sexualität zwischen Mutter und Sohn plötzlich ein anderes Objekt gefunden hat, ist Aris Vater hellwach.

Ihr beide kennt Euch ja von Kindheit an ...

Luci van Org: Das war ja quasi der Anfangsgedanke dieses Films, dass wir dachten, wenn wir uns in der Pubertät gekannt hätten und nicht nur in der Kindheit und dann erst danach wieder, dann wäre möglicherweise tatsächlich unsere Wut so weit gegangen, dass etwas Irreparables passiert wäre.
Ziska Riemann: Das denke ich auch. Wir haben beide auf unsere Art da ganz schön wilde Zeiten hinter uns gebracht und wären ein schönes Duo Infernale gewesen. Aber in unserem Film ist ja nicht nur Wut drin, da sind eigentlich alle Gefühle. Und zwar immer voll auf Alarm: die Leidenschaft, die Liebe, das Lachen, der Spaß und sehr, sehr viel geht ja auch um ganz starke sexuelle Gefühle – zwischen den beiden Mädchen, zwischen der Mutter und ihrem Sohn, und Ari lebt dann ja aus, was um sie herum ist. Bei Oona geht es um die Trauer über den Tod ihres Vaters, an dem sie sich schuldig fühlt, und um die Konkurrenz zwischen ihrer Mutter und ihr. Und das alles in dieser Zeit, wo alle Gefühle brennen und Schmerz noch richtig tief als Schmerz gefühlt wird. Und weil man noch nicht gelernt hat, wie man damit umgehen kann, muss man diesen Schmerz auch mit voller Gewalt ausleben!

Wie habt Ihr Euch denn wieder gefunden?
Luci van Org: Völlig bekloppt. Weil ihr damaliger Freund früher in einer Band mit meinem Band-Partner von "lucilectric" gespielt hat und ...
Ziska Riemann: ... unsere Eltern uns beide überredet hatten, in einer Ausstellung mitzumachen.
Luci van Org: Und dann sind wir sofort zusammengezogen. Wobei wir halt da noch einfach nicht reif füreinander waren. Wir waren damals beide so verzweifelt mit unserem Lebens- und Liebeskampf und unseren Träumen, dass das überhaupt nicht richtig funktioniert hat. Dann haben wir uns wieder für drei, vier Jahre aus den Augen verloren und dann war es Zeit für eine Freundschaft, irgendwie so richtig.

Jetzt zu Ziskas Regie, die mich sehr beeindruckt hat. Es ist ja Deine erste Spielfilm-Regie und bestimmt etwas völlig anderes als die Arbeit am Zeichentisch. Wie bist Du denn daran gegangen?
Ziska Riemann: Ich hab’ mich gründlich darauf vorbereitet. Weil ich wissen wollte, wie man mit Schauspielern umgeht, musste ich auch wissen, wie es ist, selber zu schauspielern. Das ist etwas, wovor ich furchtbare Angst hatte, und was ich auch nach anderthalb Jahren Schauspieltraining immer noch nicht freiwillig machen würde. Ich hab’ also dafür ein Schauspieltraining absolviert, das auf Tschechow und Stanislawski zurückgeht, verschiedene Eindrücke gesammelt, verschiedene Seminare besucht und sehr lange mit Sigrid Andersson auch noch ein "Zehn Schritte-Programm" erarbeitet, wo man peu à peu lernt, wie man eine Szene analysiert. Wenn man eine Szene durchgeht, guckt man, was ist wirklich wichtig und essenziell in dieser Szene und was passiert mit mir in dem Moment, wo ich diesen Satz ausspreche. So kann man dann auch diese ganz kleinen feinen Nuancen und turning points in den Geschichten oder einzelnen Sätzen finden, und weiß dann auch in der Inszenierung, wohin wir müssen.

Habt Ihr eigentlich so was wie eine Botschaft, eine Message?
Luci van Org: Das ist eine Geschichte, die sich auch an Jugendliche wendet, und für mich ist die Message dieses Films witzigerweise: Bitte redet über Probleme – aber das richtet sich natürlich eher an die Eltern – und versteckt Probleme nicht! Zum anderen: Wenn Jugendliche "revoltieren", wie das die Eltern immer so gerne nennen, dann ist das ganz oft nicht nur einfach: "Hey, das gehört zum Alter dazu!" Wenn Kinder und Jugendliche anfangen sich zu verletzen, sei es durch ein Verhalten, das nach außen geht, sei es körperlich, dass sie sich ganz aktiv selbst verletzen, dann steht da in den meisten Fällen tatsächlich ein ernstes Problem dahinter, das man nicht einfach als Aufstand abtun kann, als etwas, was gerade chic ist. Das ist mir total wichtig und das versucht dieser Film, glaub ich, auch zu zeigen.
Ziska Riemann: Und meine Message wäre: Vertrau auf deine Gefühle, denn deine Gefühle lügen nicht! Wenn man spürt, dass da was nicht stimmt, hat man meistens recht. Und wenn einem jemand das Gegenteil erzählt, dabei bleiben, an den Gefühlen dran bleiben, nicht anfangen, sie irgendwie umzudrehen oder sich einzureden, dass man irrt. Es kostet Energie, die Dinge nicht aufzulösen, es bleibt ja immer ein Teil des Unterbewussten, und ist einfach Kraftverschwendung!

Interview: Uta Beth

 

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KJK-Ausgabe 127/2011

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