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Ausgabe 92-4/2002

"In dem Film stecken eine Menge eigener Gefühle"

Gespräch mit Gaurav Seth, Regisseur und Kameramann des kanadischen Spielfilms "Die Reise nach Ottawa"

(Interview zum Film DIE REISE NACH OTTAWA)

"Die Reise nach Ottawa": Lobende Erwähnung auf dem Kinderfilmfest der Berlinale 2002 – Begründung: "Der Film wurde geprägt durch seinen hervorragenden Hauptdarsteller. Der achtjährige Omi (Nabil Mehta) muss sich nicht nur in einer neuen Kultur zurechtfinden, sondern er macht sich auch auf die Suche nach einem Helden, der seine todkranke Mutter retten soll."

KJK: Ihr erster Spielfilm erzählt realistisch, aber unter Einbeziehung magischer Elemente, von dem achtjährigen Omi, der seine Reise zu den Verwandten in Kanada als "Mission" begreift und ganz Ottawa nach einem Supermann absucht, der ihn zurück nach Ost-Indien bringen und seine todkranke Mutter retten soll. Doch nicht nur Omi, auch seine halbwüchsige Cousine Safia und Omis vermeintlicher Held Roland sind auf der Suche.
Gaurav Seth: "Ja, Safia will wissen, wer sie als Tochter eines indischen Vaters und einer kanadischen Mutter eigentlich ist. Und ihre Fragen nach der eigenen Identität in einer multikulturellen Gesellschaft zwingen auch Roland, den farbigen Kapitän auf dem Ausflugs-Dampfer, zum Nachdenken. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte und am Ende braucht Omi keinen Supermann mehr, sondern ist selbst ein richtiger Held."

Omis Entwicklung wird als langwieriger Prozess behutsam ins Bild gesetzt. Es dauert lange, bis er tatsächlich in Ottawa 'ankommt' – auch für den Zuschauer.
"Abgesehen davon, dass Omis Mutter stirbt – und das sieht man ja nicht – passiert nichts besonders Dramatisches. Der Film beruht auf Gefühlen, auf den Empfindungen eines jeden Einwanderers, der in den Westen kommt und sich anzupassen versucht.“

Welche Beziehung haben Sie zu dem Thema?
"In dem Film stecken eine Menge eigener Gefühle, sind bewusst und natürlich auch unbewusst eine Reihe persönlicher Erfahrungen eingeflossen. Ich bin ja in Indien geboren und aufgewachsen, aber meine Prägung als Erwachsener hat außerhalb meines Landes stattgefunden. Das war sehr bereichernd, aber natürlich auch schwierig."

Inwiefern?
"Ich war 18, als ich Indien verließ und in die Sowjetunion ging – und zwar ohne meine Familie. Damals habe ich mich doch ziemlich allein gefühlt, gänzlich unvorbereitet, für mich selbst verantwortlich zu sein. Es gibt ja einen großen Unterschied im Aufwachsen von Kindern in Indien und in der westlichen Welt. Hier werden sie viel früher selbstständig, während sie bei uns emotional viel länger an die Eltern gebunden und in jeder Beziehung von ihnen abhängig sind. Ein indischer Junge von 20 Jahren entspricht in seiner Entwicklung eher einem Fünfzehnjährigen von hier, hat aber später eine größere Selbstsicherheit. Beides hat seine Vor- und Nachteile."

Wieso haben Ihre Eltern Sie denn allein weggehen lassen?
"Ich wollte immer schon Filme machen, etwa seit ich zwölf war, und als ich die Schule mit 18 abschloss, gab es wenig Möglichkeiten, Film zu studieren."

Aber Indien hat doch eine große Film-Industrie?
"Ja, eine riesige, aber man kann eine Film-Hochschule erst besuchen, wenn man einen oder mehrere Abschlüsse fürs Theater hat. Solange wollte und konnte ich nicht warten. Ich fand heraus, dass man auf die berühmte Film-Hochschule VGIK in Moskau schon mit dem Schul-Abschluss gehen konnte und überzeugte meine Eltern, wenn ich dorthin käme, hätte ich eine reelle Chance, ein Filmemacher zu werden. Schweren Herzens ließen sie mich dann gehen. In Wolgograd habe ich erst mal Russisch gelernt und bin dann nach Moskau gegangen, wo ich 1993 meinen Abschluss gemacht habe. Ich war dort von 1985 bis 1995, habe also auch den Umbruch und den wirtschaftlichen Niedergang miterlebt. Es war eine sehr spannende Zeit, in der ich auch geheiratet habe, eine Russin, die in unterschiedlichen Funktionen an meinen Produktionen mitwirkt – bei der 'Reise nach Ottawa' war sie für die Kostüme und das Make up zuständig. Die indischen Produzenten hatte ich durch einen schicksalhaften Zufall in New York kennen gelernt, wo ich als Filmfotograf für eine Dokumentar-Serie arbeitete. Sie wollten in Kanada einen kleinen Independent Film über ein multikulturelles Thema machen. Ich schlug vor, einen Film aus anrührender Realität und Elementen der Magie über einen Jungen zu drehen, der ein neues Leben beginnt."

Aber nach Indien wollten Sie nicht zurück?
"Nein, weil meine Filmsprache ja eher europäisch als indisch ist, war es mir nicht möglich, in Bombay für die indische Film-Industrie zu arbeiten."

Worin bestehen denn die Unterschiede?
"Erst mal ist Indien in technischer Hinsicht weit unter dem hiesigen Standard. Der entscheidende Unterschied aber liegt in der Reflexion der unterschiedlichen Kulturen – in Indien werden Gefühle sehr expressiv, sehr laut ausgedrückt, ein bisschen wie hier im Stummfilm der 20er Jahre. Wenn z.B. eine sehr traurige Szene gezeigt wird, muss jedes Film-Element traurig sein, die Musik, das Licht, der Gesichtsausdruck, mit gewaltigen Tränenströmen.“

Wie haben Sie Nabil Mehta, den Darsteller von Omi, gefunden?
"Es war nicht leicht, indisch aussehende Jungen in Kanada zu finden – am Ende fanden wir ihn in der Familie des Drehbuchautors Jameel Khaja. Mit ihm hatten wir Glück, denn sein Charakter ähnelt sehr dem von Omi. Die in dem Film gezeigten Super 8-Home-Videos stammen übrigens auch aus dem Besitz der Familie.“

Trotz der bescheidenen Mittel wurde Ihr Debüt-Film im vergangenen Jahr als bester Spielfilm in Kanada und den USA ausgezeichnet, er ist in New York und in Bombay gezeigt worden und auch in Berlin gut angekommen.
"Dass ein so großes Festival unseren kleinen Film so ernst nimmt und mag, hätten wir uns nicht vorstellen können. Es ist eine phantastische Erfahrung und wir genießen jede Sekunde unserer Anwesenheit in Berlin."

Interview: Uta Beth

 

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