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Ausgabe 136-4/2013

"Ich wollte mal etwas für Kinder machen, weil ich von Kindern umgeben bin"

Gespräch mit Axel Ranisch, Autor und Regisseur des Kinderfilms "Reuber", der beim KinderFilmfest München 2013 seine Weltpremiere hatte

(Interview zum Film REUBER)

Axel Ranisch, 1983 in Berlin geboren, absolvierte nach der Ausbildung zum Medienpädagogen ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" bei Rosa von Praunheim und Andreas Kleinert. 2011 gründete er mit Kommilitonen in Berlin die Produktionsfirma "Sehr gute Filme" und realisierte sein erstes Spielfilmprojekt "Dicke Mädchen", das mit großem Erfolg auf den Hofer Filmtagen vorgestellt wurde. Es folgten "Rosakinder" (2011, Dokumentarfilm, Co-Regie), "Ich fühl mich Disco" (2012) und "Reuber" (2013). Mit Axel Ranisch sprachen Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel.

Der 30-jährige "Spielleiter", wie er sich gern nennt, stellt sich nach der Filmvorführung den Fragen der gutgelaunten, wissbegierigen Kinder und erzählt lachend, was für ein Spaß die Dreharbeiten waren. "Es war insgesamt wie im Ferienlager." Der kleine Hauptdarsteller Tadeus Ranisch, ein Neffe des Regisseurs, genießt im Kino die Kinderstar-Rolle, betont aber gleich, dass er gar nicht daran denkt, Schauspieler zu werden, sondern Meeresforscher.
Danach sind wir mit Axel Ranisch zum Gespräch verabredet und schon von weitem hören wir sein Lachen. Er ist ein fröhlicher, ja alberner erwachsener Mensch, der Spaß hat – am Leben, beim Drehen, bei Filmgesprächen im Kino und bei Interviews.

KJK: Gibt es auch einen zornigen Axel Ranisch?
Axel Ranisch: Ich schluck es runter, fress‘ das in mich hinein.

Die Kinder glauben: Das ist einer von uns …
So kommt das rüber? Das wäre schön. Ich fühle mich den Kindern bisher immer noch viel näher als den Erwachsenen.

Interessant, was Sie im Kino nach der Premiere zu der Frage: Warum ein Kinderfilm? gesagt haben: "Weil ich von Kindern umgeben bin."
Ich habe drei Neffen und wollte mal etwas für Kinder machen. Also haben wir uns ein Märchen ausgedacht und sind in den Wald gegangen.

Sie nennen sich nicht Regisseur, nicht Filmemacher, sondern Spielleiter …
Es ist auch ein Spiel. Es gibt immer den Ausdruck: ein Film von … Das stimmt ja so nicht, es ist kein Film von mir, sondern einer von ganz vielen. Unter Regie verstehe ich etwas anderes. Regie ist, wenn es ein fertiges Drehbuch gibt und man den Auftrag bekommt, das zu realisieren. Dann kommt man dazu und soll die richtigen Schauspieler an den richtigen Stellen positionieren.

Auf dem Filmfest lief außerdem noch Ihr umjubelter Film "Ich fühl mich Disco". Auch hier: Buch und Spielleitung Axel Ranisch.
Das Wort Spielleitung kommt dem so viel näher. Es ist ein großes Spiel ...

Im Filmfestkatalog steht in Ihrer Kurzbiografie: Axel Ranisch, geboren 1983 als dickes Kind von zwei Leistungssportlern in Berlin-Lichtenberg, Ausbildung zum Medienpädagogen, danach Regiestudium …
Ich habe meine ersten vierzig Kurzfilme in einer Länge von zwei bis dreißig Minuten im Bereich der Medienpädagogik gemacht, mit Jugendlichen in Brandenburg gegen Rassismus, im Wannsee-Forum mit Schülervertretern, in Potsdam mit Kita-Kindern, in Neumühlen in der Hauptschule, drei Jahre lang, parallel zum Studium.

Dicke Kinder – das ist ein Thema, das sich durch Ihre Arbeit zieht. Haben Sie als Kind gelitten?
Mit sieben, acht, neun Jahren begann ich, in die Breite zu gehen. Das war in der Schule auch damals schon nicht toll. Ich glaube, es war nie toll, ein dickes Kind zu sein. Ich habe zwei ältere Schwestern, die sind genetisch rank und schlank. Problematisch finde ich, dass im Film ein ganz spezielles Schönheitsideal vermittelt wird. Auch den Frauen: Fünfzigjährige in der Rolle von 35. Da werden ganz komische ästhetische Leitbilder geformt, denen alle entsprechen wollen. Mich interessieren das geschniegelte Äußere nicht so sehr, sondern eher die Menschen in der Nachbarschaft, zu denen auch ich gehören könnte. Wenn man es als dickes Kind in der Schule schwer hat, gehänselt wird, das sind Erfahrungen und Geschichten, die hat man anderen später voraus. Ich glaube, es gibt keinen Kunstschaffenden, der nicht einen Knick in der Kindheit hatte.

In "Ich fühl mich Disco“ steht auch ein dicker Junge im Mittelpunkt mit all seinen pubertären Qualen …
Es ist mir wichtig, dass man ein Trauma, sei es Dicksein oder Homosexualität, nicht problematisiert, sondern dass man das im Alltag einfach ankommen lässt.

Der Räuber-Darsteller Heiko Pinkowski spielt auch den Vater in „Ich fühl mich Disco“…
Ja, ich bin gern mit den Leuten, mit denen ich arbeite, auch gut befreundet.

Ihr erster Film, mit dem Sie Furore gemacht haben – "Dicke Mädchen " – hat um die 500 Euro gekostet, "Reuber" das Zwanzigfache. Das können Sie ja offensichtlich nur machen, weil sie eine Filmfamilie sind. Wofür haben Sie die zehntausend Euro ausgegeben, die "Reuber" gekostet hat?

Wir haben ja mit einem Kameramann und vier Tonleuten gearbeitet, im Gegensatz zu "Dicke Mädchen", wo ich alles allein und mit eigener Technik gemacht habe. Für "Reuber" haben wir uns Technik ausgeliehen. Dann waren wir acht Tage zusammen in Brandenburg, dann eine Woche in Berlin, da mussten wir uns verpflegen. Dann noch ein paar Requisiten, die Postproduktion, die Musik – mein bester Freund ist Dirigent, das Jugendsymphonie-Orchester Berlin hat gespielt …

Also die übliche Ausbeutung aller Beteiligten?
Im Nachhinein kostet es immer etwas. Zum Beispiel braucht man ein Tonstudio für die Musiker … Wenn schon niemand etwas verdient, dann soll keiner Ausgaben haben und Essen für alle sollte auch da sein.

Können Sie sich vorstellen, mit einem großen Etat zu drehen?

Ich weiß halt nicht, ob die konventionellen Produktionswege – Drehbuchförderung, Zusammenarbeit mit Produktion und Redaktion – immer nur gut sind. Das kann man machen, dann dauert aber ein Film vier oder fünf Jahre, man muss sicherlich Kompromisse eingehen, ist ja zu verstehen. Ich habe es bei  "Ich fühl mich Disco" ja auch so gemacht. Ich hatte aber eine ganz tolle Redakteurin. Wenn man zu lange an etwas arbeitet, tötet das den Zauber des Moments.

Liegen ihren Filmen ausgearbeitete Drehbücher zugrunde?
Bei "Dicke Mädchen" hatten wir drei Seiten Text. Bei "Reuber" lagen zwei Seiten vor und die Figurenentwürfe: ein Räuber, ein Zauberer und ein Kind, das von zu Hause abhaut, weil es einen triftigen Grund dazu hat. Beim Drehen in Brandenburg haben wir uns Abend für Abend zusammengesetzt und die Geschichte weiter entwickelt. Die Rahmenhandlung drehten wir anschließend in Berlin. Das funktioniert so gut, weil ich parallel schneide. Wir drehen und vor Ort wird geschnitten, so dass wir immer sehen, wo wir sind.

Wie kam es zur Weltpremiere von "Reuber" auf dem Münchner Filmfest?
Der Film lag unfertig rum, alle waren ein wenig mufflig. Dann sagten wir uns, nehmen wir die Einreichungs-Deadline fürs Filmfest als unseren Termin und schicken den Film an die Leiterin vom Kinderfilmfest, Katrin Hoffmann.

Kam die Zusage überraschend für Sie?
Ja, ich habe das nicht für möglich gehalten. Frau Hoffmann rief schnell an, auch das fand ich ungewöhnlich. Dass sie unseren unabhängigen kleinen Film genommen hat, ist  für uns eine große Ehre.

Was stellen Sie sich unter einem Kinderfilm vor?
Ich weiß immer nicht, ob es so einen großen Unterschied gibt zu anderen Filmen. In der Regiearbeit jedenfalls gibt es keinen, aber bei der Geschichte, die man erzählt. Man muss darauf achten, dass die Geschichte klar ist, nachvollziehbar und plausibel. Ich finde es gut, wenn man lachen kann. Und trotzdem mag ich, wenn die Geschichten traurig sind. Ich glaube, dass Komödien und Tragödien einander brauchen. Das ist beim Kinderfilm genauso. Es gab schon ab und zu die Frage, ob das Kindern gefällt? Ich sagte: Das wird schon klappen. Ich finde es schön, wenn man weiß, für wen man sich Rollen ausdenkt. Und die Kinder haben auch süß darüber geschrieben.

Interview: Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel

 

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