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Ausgabe 138-2/2014

NATURKUNDE

Bild: NATURKUNDE
© Salta La Liebre / Berlinale Generation

CIENCIAS NATURALES

Produktion: Salta La Liebre, Buenos Aires – Koproduktion: Tarea Fina, Buenos Aires / Metaluna Productions, Paris; Argentinien / Frankreich 2014 – Regie: Matías Lucchesi – Buch: Matías Lucchesi, Gonzalo Salaya – Kamera: Sebastián Ferrero – Schnitt: Delfina Castagnino – Musik: Nacho Conde Darsteller: Paula Hertzog (Lila), Paola Barrientos (Jimena), Alvin Astorga (Puma), Arturo Goetz (Arturo) u. a. – Länge: 71 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Urban Distribution, Montreuil, Frankreich, E-Mail: contact@urbandistrib.com – Uraufführung: Generation Kplus / Internationale Filmfestspiele Berlin 2014 – Altersempfehlung: ab 10 J.

Lilas Gesicht, vor allem ihre Augen sind Spiegel ihrer Seele. Mit dunklem Blick und deutlich abweisender Mimik hockt die Zwölfjährige im Unterricht, so gar nicht interessiert an den Ausführungen der Lehrerin. Naturkunde: Was macht Leben möglich, unter welchen Bedingungen ist es möglich? Die Auskünfte befriedigen sie nicht – Chlorophyll hin, Photosynthese her.

Das Mädchen lebt in einem Schulheim, nicht einsam, nicht isoliert. Aber getrennt von der Familie, also in fremder Umgebung trotz der Fürsorge. Fremd, nicht vollständig, fühlt sie sich vor allem aus einem anderen Grund. Lila kennt ihren Vater nicht. Sie hat ihn nie gesehen, die Mutter hat nie etwas von ihm erzählt. Nur ein kleines Metallschild weist darauf hin, dass er vor zwölf Jahren in dieser Gegend gearbeitet hat und ihre Mutter traf. Lila macht sich auf die Suche, geht dieser winzigen Spur nach. Sie rückt aus und wird wieder eingefangen, bittet einen Klassenkameraden um Hilfe, aber auch dieser Ausbruch scheitert. Ihre Lehrerin ist da schon auf sie aufmerksam geworden, erkennt die Nöte des Kindes und bietet schnelle Hilfe an. Die führt nicht zum Erfolg. Nun muss sich die Erwachsene entscheiden: zu ihrem Wort stehen und ihre Pflicht als Lehrerin verletzen oder dieser Genüge tun und einen jungen Menschen tief enttäuschen. Das ist auch eine Verletzung. Die Lehrerin wählt die erste Variante. Ein Roadmovie beginnt.

Dass der Film diese Episode fast nebenbei, jedenfalls nicht über Gebühr betont erzählt, stärkt sowohl das Vertrauen der kindlichen Heldin als auch das des Publikums im Saal. Erwachsene können, ja müssen Verbündete sein für Heranwachsende auf deren Weg ins Leben. Uneingeschränktes und gerechtfertigtes Vertrauen ist ein Teil der "Liebe zum Kind" (Janusz Korczak). Im Zentrum des Films steht die Suche nach der eigenen Identität, die zentrale Frage im Entwicklungsabschnitt der Adoleszenz. Regisseur Matías Lucchesi umkreist sie nicht, sondern nähert sich ihr auf direktem Wege. Lila will ihren Vater nicht haben oder zurück haben, sie will wissen, wer er ist, damit sie weiß, wohin sie künftig gehen wird. Episodisch und geradlinig erzählt der Film, verschweigt dabei weder Enttäuschungen noch Rückschläge, auch das Ende ist nicht happy. Lila geht weiter ihren Weg, die Augen werden klarer, ihr Gesicht hellt sich auf, schließlich huscht ein Lächeln darüber. Die so unterschiedlichen Begegnungen, auch die abschließende, das erste und letzte Treffen mit dem leiblichen Vater, lassen sie reifen, wachsen im schönsten Sinne. Lila, die ältere Schwester von "Sabine Kleist, 7 Jahre…"

Lucchesi breitet diese Bewusstwerdung seiner Heldin nicht in Szenen aus, sondern deutet sie in den Szenen jeweils nur an, fast unmerklich. Er berührt aber immer und mit sicherer Hand eventuelle Erfahrungen des gleichaltrigen Publikums und bietet ihm damit starke emotionale Möglichkeiten der Identifikation und Anlässe zur Auseinandersetzung. Mit sich selbst oder gesprächsweise in einer Gruppe, vielleicht auch mit den eigenen Eltern. Die Aspekte des Vertrauens, der Verantwortung und der Enttäuschung fanden schon Erwähnung. Bei der Glühwürmchen-Geschichte während der gemeinsamen nächtlichen Autofahrt der Lehrerin und Lila rücken Freundschaft, Partnerschaft, Gleichberechtigung in den Fokus. Missverständnisse und uneigennützige Hilfe wären mögliche Bezüge bei der ersten, erfolglosen Begegnung. Erkenntnis, hier eine traurige, Loslassen und Liebhaben prägen das Treffen mit dem unbekannten Vater, der aber nun ein Gesicht hat. Um Befürchtungen zuvor zu kommen, Lucchesi arbeitet diese Liste keinesfalls nacheinander ab. Die emotionalen Berührungspunkte, diese Schnittstellen mit der Erfahrung des Publikums, schwingen in allen Szenen mit, mal stärker, mal weniger. Und das Schöne daran: Lucchesi kommt ohne jegliches Pathos aus. Da wird nichts übertrieben, nirgendwo auf die Tränendrüse gedrückt, der Gefühligkeit Raum gelassen. Im Gegenteil. Durch die minimalistische, ihr gegebene Spielweise der Kindedarstellerin Paula Hertzog, die der Regisseur erkennt, nutzt und zum Glänzen bringt, der sich die Schauspielerin Paola Barrientos als Lehrerin nicht nur anpasst, sondern geradezu herausfordert und dabei selbst zur Hochform aufläuft, gelangt der Film zu einer schwerelosen Konzentration aufs Detail und schärft den Blick des Zuschauers. Und weil die Liebe im schon erwähnten Sinne immer die Hintergrundfolie abgibt, wird die Geschichte zu einer starken Geschichte, die stark macht. Sie atmet Intensität und Leidenschaft. Aufnahmen einer großartig-spröden, scheinbar ereignislosen Landschaft korrespondieren dazu oder schaffen Kontraste. Aber auch hier setzt der Regisseur einen Widerhaken, indem er die harten Lebensbedingungen der Menschen immer mit im Kameraauge hat. Landschaft allein verhilft nicht zum Glück, ein Leben ohne Liebe scheitert (oft). Aber das Wissen von der Liebe zwischen den Menschen, das Wissen und die Erfahrung ihrer gelebten Möglichkeiten, bringt die Menschen auf den Weg. Lila wird ihren finden. Da braucht es kein wohlgefälliges Happy End. Das Mädchen wird nun am Ende der Reise eine weitere antreten, die Reise ins eigene Leben – mit einem eigenen Kompass.

Joachim Giera

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 138-2/2014 - Interview - Man muss es versuchen und dann auch tun

 

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