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Ausgabe 139-3/2014

RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN

Bild: RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN
© Fox

Produktion: Lieblingsfilm GmbH München, in Koproduktion mit FOX International Productions GmbH Berlin; Deutschland 2014 – Regie: Neele Leana Vollmar – Buch: Christian Lerch, Andreas Bradler, Klaus Döring, Neele Leana Vollmar, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Andreas Steinhöfel – Kamera: Torsten Breuer – Schnitt: Bernd Schlegel – Musik: Annette Focks – Darsteller: Anton Petzold (Rico Doretti), Juri Winkler (Oskar), Karoline Herfurth (Tanja Doretti), Ronald Zehrfeld (Simon Westbühl), Ursela Monn (Frau Dahling), David Kross (Rainer Kiesling), Axel Prahl (Marrak), Milan Peschel (Herr Fitzke), Katharina Thalbach (Elli Wandbeck), Anke Engelke (Eisverkäuferin) u. a. – Länge: 95 Min. – Farbe – FSK: ab 0 – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Fox – Altersempfehlung: ab 8 J.

Beim zehnjährigen Rico ordnen sich die Gedanken etwas anders, als üblicherweise zu erwarten. Neue Eindrücke wirbeln in seinem Kopf zunächst wie die Kugeln in einer Bingo-Trommel durcheinander und er braucht folglich etwas länger, um sie in eine entsprechende Ordnung zu bringen. Dafür gewinnt er vielfach außergewöhnliche Blicke auf Dinge und Ereignisse in seinem Umfeld, die wiederum die Außenwelt erstaunen lassen. Bemerkenswert offensiv geht der Junge mit seinem Anderssein um. Selbstbewusst nennt er sich "tiefbegabt", womit er nicht nur für ihn anstrengende Fragen, sondern auch unangebrachtes Mitleid von vornherein abwehren kann. Als Rico auf den hochbegabten Oskar trifft, der alle Herausforderungen vielschichtig hinsichtlich möglicher negativer Auswirkungen durchdenkt und in Folge dessen sehr ängstlich in die Welt blickt, werden beide zu einem kongenialen Pendant. Ihnen gelingt in gegenseitiger Ergänzung das Kunststück, mit "Mister 2000" einen die ganze Stadt beunruhigenden Kindesentführer zu entlarven. Vor allem aber schaffen sie es, für sich jenen Konflikt zu lösen, der in indirekter Form als Grundproblem die ganze Geschichte prägt – nämlich die Angst machende Einsamkeit.

Andreas Steinhöfel hatte mit seinen Erzählungen vom tiefbegabten Rico Doretti seit 2008 millionenfachen Erfolg auf dem Buchmarkt. Nunmehr visualisierte Regisseurin Neele Vollmar einen ersten Teil der literarischen Vorlage für das Kino. Das ist ihr so gut gelungen, dass durchaus davon gesprochen werden kann, hier wird endlich jene Lücke geschlossen, die nach den Erfolgen der von Peter Zenk und Uschi Reich produzierten Kästneradaptionen zur Jahrtausendwende innerhalb des deutschen Kinderfilmangebots sichtbar geworden ist. Auf unterhaltsame Weise und in differenzierter Vielschichtigkeit wird mit optimistischem Grundton von ernsten Dingen erzählt, die Kinder – aber nicht nur die – beschäftigen.

Die Regisseurin und ihre Drehbuchautoren sind bei der Adaption relativ eng bei der literarischen Vorlage geblieben. Dabei haben sie interessante Lösungen gefunden, um die Erzählperspektive Ricos, der im Buch die Handlung durch seine Tagebucheinträge vorantreibt, im filmischen Kontext beizubehalten. Der Computer mit Rechtschreibprogramm wurde zum Diktiergerät, auf dem der Junge seine wichtigen Gedanken akustisch gut vernehmbar sammelt. Hintergründe aus Ricos Lebensumfeld werden über animierte Passagen vermittelt, die vom Illustrator der Buchvorlage Peter Schössow gezeichnet worden sind. Diese Sequenzen machen Ricos Stimmungslagen anschaulich und somit nachvollziehbar. Die Filmmusik von Oliver Thiede trägt auf der nonverbalen Ebene dazu bei; eingebunden sind vier Songs, die Peter Brugger von der Münchner Band "Sportfreunde Stiller" exklusiv für den Film geschrieben hat.

Neele Vollmar versammelte am Set ein mit Blick auf die Geschichte kongenial agierendes Schauspielerensemble, dessen Zusammenspiel sie sensibel auf die beiden Kinderprotagonisten abgestimmt hat. Karoline Herfurth spielt als Ricos Mutter eine Frau, die mit pragmatischer Bodenständigkeit den diversen Härten ihres Lebens begegnet und die ihrem Sohn auch angesichts wenig idealer Rahmenbedingungen eine selbstlos liebende Mutter ist. Axel Prahl und Milan Peschel stellen gekonnt sowohl jene tragischen als auch komischen Facetten dar, die die Ambivalenz der Rollencharaktere ausmachen. Ronald Zehrfeld und Ursela Monn als Simon Westbühl und Frau Dahling lassen in ihrem Spiel mit feinen Nuancen erkennen, welche Impulse Ricos offene Art für ihr eigenes Leben vermittelt, wenn sie ihm als sorgende Erwachsene gegenübertreten. All diese Größen des aktuellen deutschen Kinos sind sowohl starke als auch dienende Nebenfiguren, die den Kinderdarstellern den entsprechenden Raum zur eigenen Entwicklung schaffen. Diesen Raum füllen Anton Petzold als Rico und Juri Winkler als Oskar mit großartiger Natürlichkeit aus.

Wenn Rico durch seine kleine Welt läuft, so wird er immer wieder mit dem "grauen Gefühl" konfrontiert. Der Film lässt hier kaum etwas aus, was diesbezüglich durch das Buch an berührenden Momenten vorgegeben war. Da ist die sich nach Liebe sehnende Frau Dahling, da gibt es den vor sich hin muffelnden Fitzke, es gibt den trostlosen Alltag der einsamen Sophia und es taucht die tragische Geschichte des Fräulein Bonhöfer auf, die sich umgebracht hatte und in deren ausgebrannter Hinterhauswohnung nun die Tieferschatten auftauchen. Besonders zugespitzt wird das Thema im Zusammenhang mit dem Kindesentführer Marrak angesprochen. Er kidnappt, quasi in erzieherischer Mission gegenüber Eltern, solche Kinder, die offenbar zu wenig Zuwendung bekommen. Davon scheint es leider viel zu viele zu geben. Diese depressiv machenden Aspekte werden erzählt und sie werden gleichzeitig durch Ricos geradliniges Beobachten und Fragen gebrochen. Verbunden sind damit immer wieder komische Episoden, die befreiendes Lachen auslösen. Es sind heitere Kabinettstücke, und ein ganz besonderer Moment diesbezüglich ist sicherlich die Szene, als die Kinder souverän einer grantigen Eisverkäuferin, mit urkomischer Wirkung gespielt von Anke Engelke, ihre Überlegenheit demonstrieren. Solche Szenen lösen immer wieder recht lang anhaltende Spannungsbögen auf; so zum Bespiel angesichts der Verfolgung der Freunde durch Marrak im düsteren Hinterhaus. Hinzu kommen Augenblicke voller Wärme, die für die Kinder Sicherheit und Geborgenheit ausstrahlen. Es ist herzerwärmend, wenn Rico von seiner Mutter ein italienisches Schlaflied hört oder wenn er verletzt auf dem Arm von Westbühl über seine Variante vom Tod des Vaters erzählt.

Der auf hohem handwerklichem Niveau inszenierte Film bereitet viel Freude. Es ist nicht selbstverständlich, dass dies bei einer innovativen Erzählvorlage formal immer gelingt. Doch umgekehrt wird einmal mehr deutlich, ohne entsprechenden kreativen Anspruch an die Geschichte kann Film nicht funktionieren.

Klaus-Dieter Felsmann

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 140-3/2014 - Hintergrund - Rico, Oskar und die Tieferschatten
KJK 139-3/2014 - Interview - "Ich wusste, dass ich diese Geschichte mit vollem Herzblut erzählen muss"
KJK 139-3/2014 - Kinder-Film-Kritik - "Rico, Oskar und die Tieferschatten"

 

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