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Ausgabe 140-4/2014

Krempoli - Ein Platz für wilde Kinder

Film in der Diskussion

Produktion: Bavaria Atelier GmbH, im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart; BRD 1974  – Regie: Michael Verhoeven – Buch: Claus Landsittel, Michael Verhoeven – Kamera: Joseph Vilsmaier – Musik: Axel Linstädt – Darsteller: Hannes Gromball (Opa Krempel), Günter Broda (Jürgen), Petra Anzinger (Stefanie), Michael Fischer (Wolfgang), Harald Fendt (Joe), Sandra Olvedi (Claudia), Joachim Kraje (Dieter), Vedran Mudronja (Mirko), Gaby Wild (Monika) u. a. – 10 Folgen á 50 Min. – Farbe – Verleih: Bavaria Media GmbH – DVD: ARD Video

Als Wiederentdeckung präsentierte der "Goldene Spatz" 2014 in Erfurt die ersten beiden Folgen der zehnteiligen ARD-Fernsehserie "Krempoli – Ein Platz für wilde Kinder". Die Serie wurde 1975 ausgestrahlt. Die Handlung erstreckt sich von den Osterferien bis zum Beginn des Oktoberfestes 1974. Ausgangspunkt war, dass es damals in München kaum geeignete Spielplätze für Kinder gab. Jedes Stück Wiese, egal ob im sozialen Wohnungsbau oder in öffentlicher Hand, war mit Verbotsschildern versehen, die das Betreten strengstens verboten. Die Serie beginnt damit, dass etwa ein Dutzend Kinder zwischen acht und dreizehn Jahren gegen diese kinderfeindliche Stadtpolitik protestiert und in aller Öffentlichkeit für ihr Recht auf einen Spielplatz demonstriert. Ein junger Schrotthändler, den die Kinder später „Opa Krempel“ nennen, rettet die Kinder vor dem Zugriff der Polizei und bietet ihnen an, auf seinem Pachtgrundstück in der Nähe des Münchner Autokinos zu tun und zu lassen, was sie wollen. Auch das Baumaterial, das der Schrotthändler zur Weiterverwertung aus Abbruchhäusern holt, dürfen sie nach Herzenslust verwenden. Die Kinder lassen sich das nicht zwei Mal sagen und errichten auf dem Gelände, auf dem auch ein kleiner Teich zum Baden einlädt, einen Abenteuerspielplatz mit Hütten, Baumhaus und selbst zusammengebastelten Spielgeräten vom Seilaufzug bis zum Wasserfloß.

Die heute im Handel auf drei DVDs erhältliche Serie war nicht nur ein Meilenstein in der ARD-Fernsehgeschichte des Kinder- und Jugendfilms, von dem man heute nur noch träumen kann. Die Serie beziehungsweise der (im letzten Teil) abgerissene Abenteuerspielplatz wurde auch zum Vorbild für tausende anderer solcher Plätze in ganz Westdeutschland. Darüber hinaus ist die Serie filmgeschichtlich von Interesse. Neben dem faszinierenden Retrolook in Kleidung, Ausstattung und Rollenverhalten betrifft das auch den Mitarbeiterstab. Michael Verhoeven führte damals Regie, er und seine Frau Senta Berger treten sogar in kurzen Gastrollen auf. Für die Kamera war insbesondere der spätere Regisseur Joseph Vilsmaier zuständig, und Aufnahmeleiter, übrigens in einer kleinen Nebenrolle zu sehen, war Heinz Badewitz, der Gründer und bis zum heutigen Tag Leiter der Hofer Filmtage.

Der schieres Erstaunen hervorrufende Eindruck, der sich beim Sichten der beiden ersten Teile in Erfurt einstellte, relativiert sich allerdings mit den weiteren Folgen der Serie. Denn zunächst schien es so, als hätten die Erwachsenen (noch) einen relativ unbekümmerten Umgang mit dem, welche Gefahren Kindern drohen können, wenn sie unbeaufsichtigt spielen dürfen – das betraf übrigens den größten Teil der unmittelbaren Nachkriegsgenerationen. Die Kinder besteigen in der Serie etwa in Gegenwart der Polizei inmitten der Stadt einen ungesicherten Traktoranhänger, der auch noch von einem bis dato wildfremden Mann gesteuert wird. Heute wäre es vermutlich undenkbar, so etwas zu filmen und zu zeigen. Oder sie turnen wild auf Bauschutt herum (noch ist der Krieg weniger als 30 Jahre vorbei) und sitzen auf dem Holzdach einer Hütte, die innen längst in Flammen steht. Vermutlich wäre so manche Szene allein aus arbeits- und kinderschutzrechtlichen Gründen in dieser Form heute nicht mehr realisierbar.

Der erste Eindruck, früher sei vielleicht einiges besser und zumindest nicht bis ins allerletzte Detail behördlich geregelt gewesen, weicht jedoch der Erkenntnis, dass es früher nur anders, aber nicht unbedingt besser war. Einige Erwachsene sind lieb und verständnisvoll gegenüber den Kindern. Insbesondere die Feuerwehr, ein Flusswart, der für die Wehre der Stadt zuständig ist, und ein Sprengmeister, der auf den Plan gerufen wird, nachdem die Kinder Weltkriegsmunition im Wald gefunden haben, ermöglichen ungehinderte Einblicke in ihre Arbeit. Aber fast alle Eltern haben kaum Zeit für ihre Kinder und immer wieder rückt die Kamera auch die verständnislosen oder abwehrenden Blicke von Erwachsenen ins Bild, die sich von Kindern nur gestört fühlen. Nach einem glimpflich ablaufenden Unfall mit einem selbstgebastelten Spiegelteleskop, der sich im Prinzip genauso gut zu Hause hätte ereignen können, fordern aufgebrachte Eltern gar die Schließung des Abenteuerspielplatzes. Diese kann nur dadurch vermieden werden, indem eine junge Lehrerin sich als Aufsichtsperson anbietet, die zuerst rigoros überall Gefahr wittert, aber schnell dazu lernt und erkennt, dass Kinder nicht vor jeder Gefahr behütet werden dürfen, sondern auch eine Chance haben müssen, sich diesen Gefahren zu stellen.

Obwohl die Filme das gesellschaftliche Klima der 70er-Jahre sehr gut widerspiegeln, insbesondere auch in den oft noch traditionellen Rollenbildern, sind einige der angesprochenen Themen seltsam zeitlos geblieben. Natürlich gab es damals noch keine Smartphones, und heute ist man eher froh, wenn Kinder überhaupt noch bereit sind, zum Spielen nach draußen zu gehen. Auch Weltkriegsmunition wird heute nicht mehr im Wald, sondern üblicherweise mitten in der Stadt beim Bau von Neubauten oder außerhalb von Autobahnen gefunden. Aber an den Vorurteilen gegenüber und Konfliktpunkten etwa mit Andersdenkenden oder auch mit Gastarbeitern (damals aus Jugoslawien, heute eher aus dem Kosovo), mit Mischlingskindern, die als „Neger“ bezeichnet wurden, oder mit der Sexualaufklärung von Kindern (siehe die aktuellen Widerstände im Baden-Württemberg) scheint sich nicht wirklich viel verändert zu haben. Unterschiede finden sich lediglich im Detail. Fast in jeder Folge der Serie gehen die Kinder mehr oder weniger freiwillig baden, meistens in voller Kleidung, in einer Folge bei den Jungen aber buchstäblich im Adamskostüm und mit verschämt neugierigem Wegblicken der Mädchen. Ob Fernsehredakteure so etwas heute akzeptieren würden?

Von besonderem Interesse ist das Sozialverhalten der Kinder untereinander. Da fallen so manch harte Worte, schnell wird jemand von ihnen ausgegrenzt, aber dann auch wieder integriert. Es kommt ständig zu Konflikten, mitunter auch nicht nur zu verbalen Auseinandersetzungen. Da wird keine heile Welt beschworen, sondern deutlich, dass Kinder Solidarität und Empathie erst lernen müssen, dass sie nicht nur ihren Egoismus pflegen und auf das „Recht des Stärkeren“ pochen dürfen, sondern auch Teil einer Gemeinschaft sind, Mitverantwortung für alle tragen. Wie bereits erwähnt: Die Serie ist nicht nur ein Meilenstein, sondern könnte auch ein Vorbild sein für heutige Serien, in denen die authentische Alltagsrealität von Kindern im Mittelpunkt steht und nicht der heute übliche Doku-Fake.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 140-4/2014 - Interview - „Die Serie wäre so nicht gemacht worden, wenn in den Redaktionen so gedacht worden wäre wie in der Gesellschaft“

 

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