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Ausgabe 67-3/1996

NACH FÜNF IM URWALD

NACH FÜNF IM URWALD

Produktion: Claussen + Wöbke Filmproduktion; Deutschland 1995 – Regie und Buch: Hans-Christian Schmid – Kamera: Klaus Eichhammer – Schnitt: Hansjörg Weissbrich – Musik: Rainer Michel – Darsteller: Franka Potente (Anna), Axel Milberg (Wolfgang), Dagmar Manzel (Karin), Farina Brock (Clara), Thomas Schmauser (Simon) u. a. – Länge: 99 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – FBW: bw – Verleih: Senator (35mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Im Zeitalter seichter deutscher Beziehungskomödien horcht man interessiert auf, wenn ein Regisseur frank und frei behauptet, sein Film sei keine Komödie. Natürlich hat Hans-Christian Schmid nicht Recht, denn "Nach fünf im Urwald" ist eine Komödie, aber sie fällt doch aus dem üblichen Rahmen der Beliebigkeit. Mit augenzwinkernder Ironie erzählt er vom Erwachsenwerden und vom Erwachsensein. Da gibt es wie in jeder Familie Krach um das zu späte Nachhausekommen der 17-jährigen Anna, die nur das macht, was alle in ihrem Alter machen, nämlich erste Erfahrungen in Sachen Liebe mit den Jungs von nebenan. Dabei sind ihre Eltern tolerant (vor allem Vater Wolfgang) und fahren sogar weg, als Anna ihren Geburtstag feiern will, lassen die Jungen sich austoben und glauben, es gäbe nichts Schöneres als eine Party im Keller zu feiern, wo die Heranwachsenden nichts beschädigen können. Zur Vorsicht stellt die Mutter mal zwei Plastikeimer in die Ecke, "falls jemandem schlecht werden sollte" und schiebt auch noch schnell Wäsche in die Maschine, die endlos vor sich hinschleudert, während die Gäste gelangweilt auf den Matratzen herumlümmeln. Stimmung kommt erst auf, als wildfremde Typen an der Tür klingeln und sofort das ganze Haus in Beschlag nehmen. Als Annas Eltern am nächsten Morgen nach Hause kommen, trifft sie fast der Schlag: Pennende und zugedröhnte Teenager auf der Treppe, der Teppich verhunzt, im Eisschrank ein Rettich kunstvoll in Penisform geschnitzt, ein Stück Haschisch und – das ist das Schlimmste – Papas Lieblingsplatte zerbrochen, aber fein säuberlich in der Hülle verpackt. In seinem Zorn verbietet er seiner Tochter das Casting in München, ihm rutscht die Hand aus.

Anna hat die Nase voll und macht sich samt Gitarre zum Casting nach München auf, ohne zu fragen. Als sie an der Straße den Daumen hebt, wird sie von ihrem verklemmten Schulkameraden Simon im Auto mitgenommen. Im Filmstudio darf sie nach zwei Minuten bereits aufhören zu singen, mit ihrem unverbrauchten Gesicht und frischer Stimme "Mercedes Benz" intonierend, geht sie nicht als Janis Joplin-Double durch. Flink ist ein Produktions-Hiwi zur Stelle, um sie zu trösten. Für die Siebzehnjährige beginnt eine Großstadtnacht mit coolen jungen Typen, die sie sämtlicher Illusionen beraubt.

Zu Hause geraten die Eltern in große Sorge und fahren nach München, um die Tochter in irgendwelchen Tanztempeln aufzuspüren. Bei dieser Suche treffen sie ein anderes Ehepaar aus ihrem Dorf, das nach dem Sohnemann Simon Ausschau hält. Die gestressten Erzieher tun sich zusammen und machen das Beste aus der Sache, verbringen die Nacht mit Diskutieren, Trinken, Tanzen und auch der Joint mit Annas Haschisch macht die Runde. Die Erwachsenen schwelgen in Jugenderinnerungen, als alles doch noch ganz anders war. Als die Tochter am nächsten Morgen nach Hause kommt, haben sich die Verhältnisse umgedreht. Die Wohnung ist ein "Saustall" und Anna sorgt für Ordnung. Und plötzlich herrscht Verständnis zwischen den Generationen. Der Abnabelungsprozess zwischen Anna und ihrer Familie wird zwar weitergehen, aber ein Schritt zur Annäherung der Standpunkte ist geschafft.

Mit "Nach fünf im Urwald" erzählt Hans-Christian Schmid locker und unverkrampft eine Alltagsgeschichte vom Generationenkonflikt, vom Unverständnis der Eltern von '68 für ihre Kinder von '89. Er verknüpft geschickt die zwei Handlungsstränge – Annas Ausflug in die Großstadtwelt und das Jugend-Revival ihrer Eltern. Es passiert nichts Spektakuläres oder Aufregendes, sondern viel Beiläufiges, Normales, Bekanntes, die Story ist flott, erfrischend und unprätentiös. Behutsam lässt Schmid seine Protagonisten neue Erfahrungen machen und alte wieder aufleben, setzt auf Situationskomik, ohne die Helden bloßzustellen. Anfang und Ende ähneln sich. Vater Wolfgang kandidiert für das Bürgermeisteramt und will an Annas Geburtstag dem Fotografen eine harmonische Familie präsentieren, obgleich man die leichten Spannungen schon merkt. Nach dieser Nacht soll das Foto noch einmal gemacht werden und da legt Vater Wolfgang plötzlich gar nicht mehr so großen Wert auf Schein.

Der Film gehört zu den wenigen "Komödien", die wirklich funktionieren. Warum? Weil Menschen aus Fleisch und Blut agieren, mit Fehlern, Schwächen und Liebenswürdigkeit, nicht die derzeit modischen Plastik-Charaktere und Seelen-Surrogate. Bleibt nur zu hoffen, dass Hans-Christian Schmid nicht ins Fahrwasser der biederen Blödeleien von Sönke Wortmann & Co. gerät. Es wäre schade.

Margret Köhler

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 74-3/1998 - Interview - "Es ist der Magic Moment, der entscheidet ..."

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.NACH FÜNF IM URWALD im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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