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Ausgabe 68-4/1996

DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME

THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME

Produktion: Walt Disney Pictures; USA 1996 – Regie: Gary Trousdale, Kirk Wise – Buch: Tab Murphy, Irene Mecchi, Bob Tzudiker, Noni White, Jonathan Roberts, nach dem Roman "Der Glöckner von Motre Dame" von Victor Hugo – Musik: Alan Menken – Länge: 90 Min. – Farbe – FSK: z. Zt. noch offen – Verleih: Buena Vista (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Dies ist ein Disney-Spielfilm, der nicht ab 0 Jahren freigegeben sein wird. Das ist schon in der Themenwahl des Films begründet. "Der Glöckner von Notre Dame" lässt sich auch bei Disney nicht 'babyfrei' gestalten. Schon der Auftakt bis zum Haupttitel ist bedrückend: Richter Frollo lässt die Zigeuner im Paris des 15. Jahrhunderts verfolgen. Eine Zigeunerin, bei der er Diebesgut vermutet, verfolgt er bis auf die Stufen von Notre Dame. Als sie bei einem Sturz stirbt, bekommt er zur Strafe den Auftrag, das Kind der Toten wie ein Vater groß zu ziehen. Dieses verunstaltete Kind wird der im Glockenturm lebende bucklige Glöckner von Notre Dame, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal am Karneval von Paris teilzunehmen. Was er trotz Verbots, aber dennoch eher zufällig tut. Doch dieser Ausflug endet in seiner Verspottung. Die schöne Esmeralda beendet die hässliche Szene und verdient sich damit Quasimodos unsterbliche Liebe. Frollo, der Esmeralda begehrt und dafür zugleich hasst, verfolgt sie bis in den Kirchenraum von Notre Dame. Dort beansprucht der neue Hauptmann der Garde, Phoebus, der sich ebenfalls in sie verliebt hat, Kirchenasyl. Dann strebt die Verwicklung der Figuren dem dramatischen Höhepunkt zu: der Belagerung von Notre Dame durch Frollos Schergen. Dank Quasimodo gibt es für Esmeralda und Phoebus ein Happy End, während der in sich zerrissene Frollo, der in seinem Streben nach dem absolut Guten absolut böse wurde, seine Höllenfahrt antritt.

Zweifelsohne lässt sich ein so hochdramatisches Werk wie Hugos "Glöckner von Notre Dame" auch als Zeichentrickfilm umsetzen. Zur Auflockerung lassen sich auch drei Wasserspeier ("Gargoyles") in der Phantasie Quasimodos beleben. Das Trio mit den Namen Victor, Hugo und Laverne ist zudem für den modernen Humor des Films gut; die drei spielen sozusagen die Rolle des Dschinni aus "Aladdin". Nicht nur in diesem Punkt ist ein Bemühen zu erkennen, dem "König der Löwen", dem größten Disney-Erfolg der letzten Jahre, nachzueifern. Der Vorspann, der in einem Lied bis zum Haupttitel die Vorgeschichte erzählt, erinnert stark an den Filmaufbau des "Königs der Löwen", die Verwendung eines Erzählers an "Aladdin". Frollos Arie vom Licht des Himmels und den Feuern der Hölle hat ihre Entsprechung in Scars Lied zum Aufmarsch der Hyänen, die Höllenfahrt Frollos entspricht dem Sturz Scars ins Feuer. Es ließen sich noch mehr Vergleiche mit anderen Disney-Filmen der letzten Jahre anstellen, um zu belegen, dass man hier versucht hat, einen Erfolg mit Erfolgsrezepten herbei zu zwingen.

Nun ist "Der Glöckner von Notre Dame" tatsächlich ein tricktechnisch brillanter Film geworden, von der Animation der menschlichen Figuren bis hin zu raffinierten Spezialeffekten aus dem Computer, etwa das Wabern des Hintergrunds über dem brennenden Kaminfeuer bei Frollos Höllensong. Während aber Phoebus, Esmeralda und Quasimodo, also die Guten, verhältnismäßig realistisch umgesetzt sind – sowohl im Bild als auch in ihrer Attitüde – ist Frollo vom ersten Bild an als eine Karikatur des Bösen gestaltet. Weniger wäre hier wesentlich wirkungsvoller gewesen. Und das nicht nur, weil der Zigeunerjäger Frollo in seiner Diktion ebenso Hexenjäger, Judenverfolger oder Großinquisitor sein könnte.

Der ganze Film hat das Problem, inhaltlichen Anspruch zu bieten und trotzdem unterhaltsam sein zu wollen. Der unterhaltsame Teil gelingt im Wesentlichen grandios, der Anspruch wird entweder zu sehr mit dem Holzhammer dargeboten oder gerät zu nahe an den Rand des Kitsches. Ein Indiz, dass allzu düstere, gar unhappy endende Themen auch in den Disney-Studios als problematisch erkannt worden sind, dürfte darin zu sehen sein, dass die Zeichentrickversion von "Aida" vom Produktionsplan abgesetzt worden ist, und dass als nächstes Trickprojekt "Herkules" auf dem Plan steht.

Fazit: Hübsche Lieder, schöne Bilder, brave Helden (inklusive dem sympathischsten hässlich-buckligen Glöckner von Notre Dame in der Filmgeschichte), karikierte Bösewichter, großartige Zeichentrickfilmtechnik. Die Mischung aus Anspruch und Unterhaltung bleibt aber zu sehr in einem Sumpf an Erfolgsrezeptbestandteilen stecken, um einen anderen als einen holprigen Weg in die Herzen der Kinobesucher zu finden. Kleinere Kinder sind zudem von der Thematik überfordert, womit die Disney-Studios sich einen wichtigen Teil ihres Publikums selbst genommen haben.

Wolfgang J. Fuchs

 

Nachbemerkung: Interessant ist im Übrigen, dass die Disney-Kopisten immer dreister werden. Die Billigversion des "Glöckners" ist schon seit Jahresbeginn auf Video zu haben. Meist wird sie gleich neben den Disney-Produktionen angeboten. Dass das Mitreiten auf Disney-Ideen Methode hat, ist spätestens seit "Aladdin" zu bemerken. Auch alternative "Löwenkönig"- und "Pocahontas"-Videos gab es lange vor dem Kinostart. Letztere wurden sogar zu nachtschlafenden Zeiten bei RTL und ARD ausgestrahlt, mit dem verschämten Hinweis: nicht die Disney-Version. – W.J.F.

 

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