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Ausgabe 68-4/1996

MARIAN

Produktion: Tosara Film /ARTCAM international / Les Films de l'Observatoire; Tschechische Republik / Frankreich 1996 – Regie: Petr Václav – Buch: Petr Václav, Jan Sikl – Kamera: Stepán Kucera – Schnitt: Alois Fisárek – Musik: Jiri Václav – Darsteller: Stefan Ferko, Milan Cifra, Radek Holub, Jaroslava Vyslouzilova – Länge: 105 Min. – Farbe – 35mm – Weltvertrieb: Tosara Film, Vanickova 2, 160 00 Praha 6, Tel./Fax 0042-2-527411 – Altersempfehlung: ab 12 J.

"Niemand vermochte ihn vor seiner eigenen Gewalt zu retten", sagt der Regisseur Petr Václav über seine Hauptfigur Marian. Schon zu Beginn des Films, wenn der Dreijährige gewaltsam seiner Mutter entrissen und unter herzzerreißendem Weinen in ein düsteres Waisenhaus gebracht wird, wenn er dort verloren und panisch vor Angst unter der Dusche steht und sich vollpinkelt, spürt man bereits, dass der Lebensweg dieses Kindes tragisch enden wird. Marian teilt das Schicksal vieler Zigeunerkinder, die in den 70er-Jahren in der Tschechoslowakei von ihren Eltern getrennt wurden und in Heimen aufwachsen mussten, weil Zigeuner als unfähig galten, ihre Kinder "ordentlich" zu erziehen. Nach dem anfänglichen Schock passt sich Marian den Bedingungen des Waisenhauses an. Schließlich freundet er sich mit einer Erzieherin an, die ihn in ihr Herz geschlossen hat, weil sie ihn für einen besonderen Jungen hält. Doch die Freundschaft ist nur von kurzer Dauer. Als sich Marian zu Recht gegen eine andere Erzieherin wehrt, die ihn und auch die anderen Heimkinder erniedrigt, indem sie ihnen kein Toilettenpapier aushändigt, bezieht die ihm anfänglich zugetane Erzieherin Position gegen ihn. Damit nicht genug – zur Strafe wird er von ihr auch geschlagen.

Dieser Verrat und diese Demütigung bestimmen Marians weiteren Lebensweg. Angestachelt von den anderen Heimkindern, versucht er die Erzieherin zu erstechen. Sie kommt zwar mit dem Leben davon, aber für Marian beginnt damit die kriminelle "Karriere". So durchwandert er Waisenhäuser und Erziehungsheime. Einige Jahre später trifft er in einer Besserungsanstalt einen jungen engagierten Erzieher, der sich sehr um die vermeintlich verwahrlosten und gewalttätigen Jugendlichen kümmert. Er führt Gespräche mit den Jugendlichen, macht gegen den Willen der Heimleitung Ausflüge, vertraut ihnen und möchte ihnen neue Perspektiven eröffnen. Doch zu diesem Zeitpunkt ist es schon zu spät für einen Neuanfang in Marians Leben. Auch ist Marian unfähig, die heimliche Liebe zu einer jungen Erzieherin zum Ausdruck zu bringen. Jahre später allerdings, nach mehreren Gefängnisaufenthalten, ist es ihm noch einmal möglich, eine enge Beziehung mit einer Frau zu führen. Doch dieses Zusammenleben scheitert an seinen Ansprüchen an die Freundin einerseits, andererseits aber auch daran, dass ihn deren Familie nicht akzeptiert. Nachdem Marian abermals wegen krimineller Machenschaften ins Gefängnis gerät, bricht er aus. Er sucht Hilfe bei seinem ehemaligen Erzieher, bei seiner früheren Freundin, doch niemand ist für ihn da. Schließlich wird er noch von einem ausländischen Geschäftsmann ausgenutzt und betrogen. Marian sieht keinen Ausweg mehr und begeht mit 22 Jahren Selbstmord.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Der Regisseur hatte Marian in einer Strafanstalt kennen gelernt und sich mit ihn angefreundet. Als er von seinem Tod hörte, wollte er, auch um sich von seiner Schuld zu befreien, Marians Leben noch einmal neu inszenieren. Für die Besetzung der Marianrollen (der Zehnjährige und der Achtzehnjährige werden von unterschiedlichen Schauspielern dargestellt), wie auch für die Nebenrollen suchte sich Petr Václav bewusst Schauspieler, die aus dem gleichen Milieu kommen wie Marian. Alle Kinder- und Jugenddarsteller stammen aus Waisenhäusern und Erziehungsanstalten. Das Drehbuch wurde den beiden Marian-Darstellern angepasst. So ist ein realitätsnaher, fast dokumentarischer Film entstanden, der besonders durch die hervorragende Leistung der Schauspieler (die sich wohl überwiegend selbst spielen) berührt und fesselt.

Wenn auch von Beginn an die Hoffnungslosigkeit den Film prägt, klammert man sich mit den überzeugend spielenden Protagonisten an jeden Hoffnungsschimmer und durchleidet die Niederlagen, als kämen sie völlig unerwartet. Petr Václav ist mit seinem ersten Spielfilm ein bedrückendes Dokument gelungen über eine düstere Seite in der Geschichte der Tschechoslowakei. Allerdings gab es diese brutalen Erziehungsmaßnahmen für Zigeuner nicht nur in diesem Land.

"Marian" wurde beim Filmfestival in Locarno 1996 mit einem "Silbernen Leoparden" ausgezeichnet und erhielt eine Lobende Erwähnung der FICC-Jury.

Doris Schalles-Öttl

 

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