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Ausgabe 68-4/1996

WILLKOMMEN IM PUPPENHAUS

WELCOME TO THE DOLLHOUSE

Produktion: Suburban Pictures / Todd Solondz; USA 1995 – Regie und Drehbuch: Todd Solondz – Kamera: Randy Drummond – Schnitt: Alan Oxman – Musik: Jill Wisoff – Darsteller: Heather Matarazzo (Dawn Wiener), Brandon Sexton jr. (Brandon McCarthy), Eric Mabius (Steve Rodgers), Matthew Faber (Mark Wiener) – Laufzeit: 87 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Kinowelt (35 mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Das US-Kino der 80er-Jahre war voll von Teenie-Geschichten und Highschool-Abenteuern, die jedoch allesamt einen eher verklärenden Blick auf diese Phase jugendlichen Lebens werfen. Independent-Filmemacher Solondz hat sich daran gemacht, die Klischees über Bord zu werfen und die Highschool in einem ganz anderen Licht erscheinen zu lassen: als Hort der Erniedrigung der Außenseiter, als Ort der Gewalt, wo die Lehrer sich den Underdogs gegenüber noch verständnisloser zeigen, als es schon die Schulkameraden tun.

Seine Heldin ist die elfjährige Dawn Wiener, pummelig, bebrillt und auch im Gesicht nicht das, was man sich unter einer Junior-Highschool-Queen vorstellt. Und das lassen ihre Mitschülerinnen sie schon am ersten Tag spüren. "Lesbo! Lesbo!" schallt es durch den Raum, und später verpassen sie ihr den wenig schmeichelhaften Spitznamen "Wienerdog". Auch zu Hause ergeht es ihr nicht besser: Die Mutter befasst sich lieber mit Dawns jüngerer Schwester Missy, die im Ballettkleid auf Ballerina macht und es ansonsten perfekt versteht, die Zuneigung der Mutter auszunutzen, um Dawn auszustechen und ihren eigenen Willen durchzusetzen; der ältere Bruder Mark hockt nur vor seinem PC oder probt mit seiner Band. Und auch Dawns erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sind nicht besonders geeignet, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Da ist Steve, der Highschoolschwarm, den Mark in seine Band holt und in den sie sich verguckt. Der benutzt sie jedoch nur, um in Dawns Elternhaus rumliegendes Geld zu klauen oder sich von ihr bewirten zu lassen. Und ihr Klassenkamerad Brandon versteckt seine Zuneigung hinter der Androhung, sie zu vergewaltigen, entpuppt sich dann aber doch als recht umgänglicher Mensch. Irgendwann reicht es ihr, denn obwohl sie stets niedergemacht wird, hat sie eine Stärke: Wie ein Stehaufmännchen lässt sie sich nicht unterkriegen und macht immer wieder einen neuen Anlauf, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Und das beginnt mit Missy: Eines Tages verschweigt sie ihr, dass die Mutter sie nicht vom Ballett abholen kann, und so wird Missy das Opfer der Entführung durch einen Nachbarn, der sich als Kinderschänder entpuppt. Und wieder hat das Schicksal zugeschlagen und einen vermeintlichen Sieg Dawns in eine Niederlage verwandelt ...

Idee und Konzept dieser etwas anderen Mädchengeschichte sind gar nicht so schlecht. Solondz erzählt seine Geschichte vollständig aus der Perspektive seiner Hauptfigur: Darum wirkt Missy so elfengleich, der Vater so desinteressiert und die Mutter so parteiisch für Missy. Das birgt zwar die Gefahr, Dawns Widersacher zu Karikaturen werden zu lassen, macht aber ihre Emotionen in dieser ausweglosen Lage überdeutlich und nachfühlbar. Und seine Hauptdarstellerin ist mehr als überzeugend in der Rolle eines jungen Mädchens, dem es scheint, als habe sich die ganze Welt gegen sie verschworen; und zum großen Teil ist es ja auch so.

Dennoch ist der Film nicht wirklich gelungen. Es wimmelt von unnötigen dramatischen Zuspitzungen wie etwa Missys Entführung, die zudem ins Nichts führen und in diesem Fall nur dazu dienen, auch noch das unvermeidliche Thema "Sexueller Kindsmissbrauch" auf oberflächliche Weise unterzubringen. In anderen Fällen scheut der Film die eigene Konsequenz. So entpuppt sich bad boy Brandon "natürlich" als sozialer Underdog, der zudem von seinem Vater nicht eben liebevoll behandelt wird. Und wenn Dawn am Ende völlig unverändert bleibt – trotz all ihrer schlechten und wenigen guten Erfahrungen – dann ist das wenig glaubwürdig und hinterlässt zudem die Frage, warum Solondz uns diese Geschichte überhaupt erzählt hat. Was bleibt, ist der nicht uninteressante – aber gescheiterte – Versuch, mal eine ganz andere Teenie-Highschool-Geschichte zu erzählen. Dass der Film auf Amerikas größtem Independence-Filmfest, dem "Sundance Filmfestival" – gesponsort von dem von Robert Redford gegründeten Sundance Filminstitut – den diesjährigen Hauptpreis gewann, spricht eigentlich nur dafür, wie ungewöhnlich eine solche Produktion auf amerikanischem Boden ist. Und wie wenig man dort von Entwicklungen und Tendenzen im internationalen Kinder- und Jugendfilm weiß.

Lutz Gräfe

 

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