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Ausgabe 68-4/1996

"Wiederentdeckung von Lotte Reiniger"

(Hintergrund zum Film SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT)

SCHNEEWEISSCHEN UND ROSENROT

Produktion: Primrose Productions London 1953 – Neue Sprachfassung (dt.) 1985 – Silhouetten und Animation: Lotte Reiniger – Mitarbeit: Carl Koch – Musik: Freddie Philips – Länge: 10 Min. – s/w – 16mm-Verleih: BJF-Clubfilmothek; LBS Baden, Hessen, Württemberg – Verleih und Vertrieb: Agentur Primrose Productions Christel Strobel München

Zur Entstehungsgeschichte

Der Zweite Weltkrieg war zu Ende, Berlin lag in Schutt und Asche, Lotte Reiniger und ihr Mann Carl Koch hatten das Inferno überlebt. Gute Freunde ermöglichten die frühe Einreise nach England. Auch dort war es nicht leicht, an Arbeit zu kommen, und sie lebten über Jahre hinweg beinahe von nichts. Es war ein Glücksfall, dass sie Anfang der 50er-Jahre in das Abbey Art Centre in New Barnet übersiedeln konnten. Die Künstlerkolonie im Norden Londons liegt in einem verwunschenen Park, schön und heiter wie eine Sommerfrische. Und in dieser inspirierenden Atmosphäre dann ein zweiter Glücksfall: Der Filmproduzent Louis Hagen, dessen Vater Louis Hagen den ersten abendfüllenden Trickfilm "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" in Potsdam produziert hatte, vermittelt einen Auftrag über eine Serie von 13 Märchenfilmen für das Fernsehen.

Es beginnen die unendlich langen Monate harter Arbeit im Studio. Auf dem Tricktisch werden die Figuren versammelt: zwei allerliebste Mädchen zusammen mit ihrer Mutter, ein garstiger Zwerg mit einem ellenlangen Bart, ein gutmütiger Bär, zwei Königssöhne, Tiere des Waldes und die herrlichsten Wald-Hintergründe, die man sich erträumen kann. Der Leser ahnt schon, wie alles miteinander ins Spiel kommt, aber weil er ja nicht alles wissen kann, will ich ihn ein Stück in die märchenhafte Vorgeschichte verstricken.

Zunächst einmal war da "Der undankbare Zwerg", eine Märchendichtung aus der Sammlung der Caroline Stahl. Erst in der Märchenwerkstatt der Brüder Grimm wurde daraus das berühmt gewordene Kunstmärchen "Schneeweißchen und Rosenrot". Sehr frei und biedermeierlich wurde der vorliegende Text umgearbeitet. Der Anfang und der Schluss wurden einfach hinzugedichtet. Und weil es halt zuweilen allzu menschlich zugeht auf der Welt, wurde die literarische Herkunft zunächst souverän verschwiegen, und als Verfasser zeichnete der Bestseller-Autor Wilhelm Grimm. Wer sich weiter dafür interessiert, wie das alles erst vor kurzem ans Licht gekommen ist, der kann es nachlesen bei Heinz Rölleke: Unbekannte Märchen von Wilhelm und Jakob Grimm, Diederichs Verlag, Köln 1987.

Natürlich hatte Lotte Reiniger von alledem keine Ahnung. Wozu auch? Schließlich war sie eine selbstbewusste alte Märchenerzählerin, die sich über so etwas köstlich amüsiert hätte. Es ist kein bloßes Spiel mit Worten, wenn man darauf hinweist, dass die geniale Reiniger den originalen Ton eines Märchens "rein" heraushören und ebenso "rein" in ihre Filmgeschichte transponieren konnte. Kenner und Liebhaber wissen, dass es dabei immer viel zu sehen gibt. Auch "Schneeweißchen und Rosenrot" ist eine reine Augenweide, und wer im Zeitalter des Fernsehens immer noch nicht begriffen hat, dass man solche Filme nicht nur einmal ansehen darf, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das Filmmärchen

Da ist eine Hütte auf halber Höhe, ein Garten mit zwei blühenden Rosenbäumchen, ein munteres Lämmchen und dazu die beiden Mädchen, um deren Schicksal es geht. Ob drinnen oder draußen, überall sind sie geborgen und im Einklang mit der Natur. Oft laufen sie mutterseelenallein im Wald umher und sammeln Beeren. Ihr Umgang mit den Tieren des Waldes erinnert an Franz von Assisi. Paradiesische Heiterkeit kommt auf, wenn ein Hase ein Kohlblatt oder ein Reh eine Mohrrübe aus ihren Händen frisst.

Aber auch in der Märchenwelt lebt man nicht in der besten aller Welten. Urplötzlich stört ein hämisch giftendes Hi-hi-hi-Lachen die Harmonie der Idylle. Es gehört zu einem garstigen Zwerg, der auf einer Felsnase sitzt und der fragenden Melodie eines Jagdhorns in der Tiefe des Waldes antwortet: "Forsche durch die Wälder, Prinz, forsche überall ... Du wirst deinen verlorenen Bruder nicht finden. Er ist in einen Bären verwandelt." Erschrocken-neugierig horchen Schneeweißchen und Rosenrot auf. Sie haben noch kaum ein Gehör dafür, dass hier Hintergründig-Böses im Spiel ist. Wohl halten sie den Sommer über nach dem Bären Ausschau, aber der bleibt unsichtbar.

Was Lotte Reiniger jetzt auf die Leinwand zaubert, lässt sich kaum beschreiben. Es ist reines Ergötzen und Schauglück. Der Sommer geht zu Ende, der Herbstwind stürmt, und leise – ganz wie in Robert Walsers Ballade vom Schneien – versinkt die Welt im Schnee. Und drinnen in der Hütte das friedvolle Bild einer vollkommenen Innenwelt: Am Herd mit seiner Wärme und im flackernden Licht sind die beiden Mädchen mit ihrer Mutter selbstvergessen und vergnügt bei der Arbeit. Eine vertraulich-heimelige Welt, in welche unvermutet ein laut klopfender Störenfried Einlass begehrt. Es ist der Bär, der aber auf wundersame Weise schnell zum gutmütigen Spielgefährten der ausgelassenen Mädchen wird. Der Frühling naht und setzt den schönen Spielen ein Ende. Doch beim Abschied vertraut der Bär den Mädchen ein Geheimnis an, das voller Zukunftsbedeutung ist: "Ich bin ein Prinz, und der böse Zwerg hat mich verzaubert."

Wieder ist es Sommer, und wieder erfüllt sich die Hoffnung der Mädchen nicht, dem Bären zu begegnen. Stattdessen kommt der Zwerg wieder ins Spiel, der Widersacher des Bären. Dreimal gerät er in höchste Not, und dreimal retten die Mädchen den hilfeschreienden und undankbaren Widerling. Jedes Mal geht es um seinen bedrohten ellenlangen Bart, in dem seine ganze Zauberkraft steckt. Beim Holzspalten wird er eingeklemmt, beim Angeln verheddert er sich in der Angelschnur, und beide Male wird er durch das schnippelnde Scherchen der Mädchen befreit. Noch immer ist es für die Mädchen das Selbstverständlichste von der Welt, einem anderen zu helfen. Der Leser ahnt schon, dass es nicht mehr lange so weitergehen kann und wir uns dem glücklichen Märchenende nähern. Längst lauert auf felsiger Heide ein Adler dem Zwerg auf. Er bekommt ihn zu fassen, die Mädchen befreien den Zwerg ein letztes Mal, aber nicht ohne ihn zu zwingen, den Bären endlich zu entzaubern. Sein Fell fällt ab, und aus dem Tierbräutigam wird ein strahlender Königssohn. Da kündet die Jagdhorn-Melodie das Nahen des Bruders an. Groß ist die Wiedersehensfreude, aber noch größer ist das Liebesglück aller sich Umarmenden. Der Königssohn gesellt sich zu Schneeweißchen, der Bruder zu Rosenrot. Und auch die Tragödie des undankbaren Zwergs nimmt ihren Lauf. Unerlöst verschwindet er tief in der Erde. Und wenn er nicht gestorben ist ...

Zu guter Letzt noch die vorweggenommene und meist unvermeidliche Leserfrage: Ist "Schneeweißchen und Rosenrot" nur ein Film für Kinder? Wer sich an Lofting und seinen Doktor Dolittle erinnert, weiß um die Antwort: Ja, für alle Kinder den Jahren und Kinder dem Herzen nach! Zeitlebens ist Lotte Reiniger ein großes, lebensbejahendes Kind geblieben, und zeitlebens wiederholte sie ihr Motto: "Ich glaube mehr an Märchen als an Zeitungen!" Ist das denn heutzutage so schwer zu begreifen? Es ist rätselhaft, aber er ist so: Das Selbstverständliche ist nicht selbstverständlich!

Ewald Heller

Im Rahmen des Projekts "Zur Wiederentdeckung von Lotte Reiniger" (Projektleiter: Prof. Dr. Ewald Heller, PH Ludwigsburg) sind bisher folgende Filme vorgestellt worden:

ASCHENPUTTEL (1922) und ASCHENPUTTEL (1954) in KJK 20-4/1984
DÄUMELINCHEN in KJK 19-3/1984
DORNRÖSCHEN in KJK 22-2/1985
DR. DOLITTLE UND SEINE TIERE in KJK 17-1/1984
DIE DREI WÜNSCHE in KJK 24-4/1985
DIE GOLDENE GANS in KJK 32-4/1987
HÄNSEL UND GRETEL in KJK 15-3/1983
DER HEUSCHRECK UND DIE AMEISE in KJK 23-3/1985
KALIF STORCH in KJK 42-2/1990
PAPAGENO in KJK 27-3/1986
DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN in KJK 14-2/1983

 

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KJK-Ausgabe 68/1996

 

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