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Ausgabe 71-3/1997

EIN SACK REIS

KISEJE BERENDJ

Produktion: Digital Media Lab.; Japan/Iran 1996 – Regie: Mohammad-Ali Talebi – Buch: Hushang Moradi Kermani, Mohammad-Ali Talebi – Kamera: Farhad Saba – Schnitt: Hassan Hassandoost – Musik: Mohammad-Reza Darvishi – Darsteller: Masume Eskandari (Frau Khanoom), Jairan Abadzade (Jairan), Hossain Kalantar (Hossain) u. a. – Länge: 80 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Digital Media Lab., Inc., 1F, Grove Building, 2-17-46 Akasaka, Minajto-ku, Tokyo 107, Japan, Tel. +81-3-35058061, Fax +81-3-35058058 – Altersempfehlung: ab 5 J.

Der Vorspann läuft über ein stehendes Bild, das wir nicht mehr vergessen: Ein schweres Tor von außen gesehen, handbreit geöffnet, blitzende Kinderaugen schauen durch den Türspalt – diese Augen sagen uns, "ich will raus, bitte, jetzt, sofort, bitte!". Und so ist sie dann auch: Die vierjährige Jairan, mit den blitzenden Augen, wild entschlossen, auf die Straße zu gehen – in den Park, auf den Spielplatz oder endlich in die Schule. Zunächst bleiben wir mit ihr hinterm Tor, dort lebt ihre große Familie. Es ist frühmorgens, alle brechen auf, in die Schule und in die Arbeit, aber sie muss bei der Mutter bleiben, "schön spielen" und helfen. Diese erste Schilderung des Familienalltags ist typisch für eine besondere Stärke des Films: die Liebe zum alltäglichen Detail, lebensnah, unspektakulär, z. T. komisch und nie banal, immer dicht. Die Kinder hakeln sich – "wo sind meine Schuhe, du hast meine Schuhe weggenommen"; Mann und Frau hakeln sich – "ich brauche Geld", "jetzt nicht, ich muss gehen", "wie soll ich das Essen machen", "denk dir was aus" und so fort. Ganz undramatisch und humorvoll wird in diesen Familienszenen ein Grundthema des Films angeschlagen: die Mühsal um das tägliche Brot. Das Geld ist knapp, die Arbeit schwer, die Wege lang.

In diesem Alltag schlägt Jairans Stunde: Eine Nachbarin, Frau Khanoom, erzählt, dass sie durch die halbe Stadt fahren muss, um ihre Reisration zu holen, aber sie weiß nicht, wie sie es schaffen soll, sie ist eine alte, gebrechliche Frau und sieht so schlecht. Jairan hört genau zu, sie hüpft schon vor Freude und überredet ihre Mutter – sie darf die alte Frau begleiten. Und nun beginnt die Odyssee einer alten Frau mit einem vierjährigen Kind quer durch Teheran, zu Fuß, im Bus und sogar einmal auf dem Motorrad. Oft sind sie verloren, aber immer und überall bekommen sie Hilfe – von Frauen, Kindern und auch von jungen Männern. Humorvoll und unsentimental vermittelt der Film in vielen kleinen Episoden einen liebevollen Respekt vor dem Alter und eine selbstverständliche Solidarität mitten im Großstadtgewühl von Teheran.

Der Film baut Spannung auf – mit einem traditionellen Reise- und Märchenschema: Man begibt sich auf die große Reise, auf eine Suche, überwindet viele Hindernisse, bis hin zur glücklichen Heimkehr mit dem Schatz. Die Handlung ist ganz alltäglich: Wo gibt es noch Reis, wie kommen wir dahin. Damit sind wir in einem Road Movie und Kinderfilm besonderer Art: Dies ist kein Ausbruch eines Kindes aus der Erwachsenenwelt im Sinne einer Robinsonade, die eine eigene Kinderwelt schafft außerhalb oder gegen den Alltag der Erwachsenen. Es geht wirklich darum, dass die alte Nachbarin, Frau Khanoom, am anderen Ende der Stadt einen Sack Reis besorgen muss – es geht um ein hartes Stück Arbeit, und Jairan will helfen; und gleichzeitig ist diese Welt für Jairan ein einziges Abenteuer und sie, die Vierjährige, die eigentlich nur begleiten darf, ist Drahtzieherin, übernimmt Verantwortung oder vergnügt sich – zum Schrecken und Erstaunen und dann auch zur Freude ihrer alten Begleiterin. Die Nöte und Freuden der alten Frau, ihr sorgenvoller, mahnender oder liebevoller Blick sind nicht nur Folie für ein Kinderabenteuer, sie haben ein eigenes Gewicht – sie ist nicht nur Begleiterin, auch sie verändert sich.

Jairan ist eine Hauptfigur, die handelt, nicht nur fühlt. Wir teilen ihre Gefühle – ihre Sehnsüchte oder Enttäuschung; gleichzeitig wird in der Kameraführung nicht durchgängig die subjektive Wahrnehmung und Perspektive des Kindes betont. Wir sehen Jairan auch von außen – wie sie mit anderen spricht, rennt, weghüpft. Und so bleibt der Film leicht, die Vierjährige wird als Figur nicht überfrachtet. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob manchmal – sehr selten allerdings – auch über die Kinder und nicht nur mit den Kindern gelacht wird (z. B. wenn die Geschwister sich zanken).

Mit der sparsam eingesetzten, effektvollen Totale sehen wir die beiden Protagonistinnen auch für Momente aus der Distanz, in der Familie, im dichten Verkehr, im Park, alles atmosphärisch dichte Genrebilder. Ein heiterer Film, der die Welt des Kindes Jairan ernst nimmt und gleichzeitig ihre Umwelt, das Teheran der kleinen Leute, lebendig werden lässt.

Michaela Ulich

 

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