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Ausgabe 78-2/1999

EIN STÜCK SELBST

PIECES D'IDENTITÉS

Produktion: FILMS SUD / Videocam; Kongo / Belgien 1998 – Regie und Buch: Mwézé Ngangura – Kamera: Jacques Besse – Schnitt: France Duez – Musik: Jean-Louis Daulne – Darsteller: Gérard Essomba (Mani Kongo), Herbert Flack (Jefke Schengen), Jean-Louis Daulne, Cecilia Kankonda – Laufzeit: 94 Min. – Farbe (35 mm) – Weltvertrieb: Mwézé Ngangura, FILMS SUD, 21, rue de la Tourelle, B-1040 Brüssel, Fax: 0032-2-230 4671 – Altersempfehlung: ab 12 J.

Vor 20 Jahren schickte der kongolesische König Mani Kongo seine damals achtjährige Tochter Mwana nach Belgien in ein Nonneninternat, weil er hoffte, dass sie dort die bestmögliche Ausbildung erhalten könnte, die sie für ein späteres Medizinstudium befähigen sollte. Doch nun hat er schon lange nichts mehr von ihr gehört und macht sich (mitsamt seiner königlichen Insignien) auf den Weg nach Europa. Hier war er schon einmal: Damals – vor langer Zeit – wurde er als offizieller Staatsgast sogar vom belgischen König mit allen Ehren empfangen. Dass die Zeiten sich geändert haben und Afrikaner im Schengenland nicht mehr sehr willkommen sind, muss er schon bei der Einreise merken. Hilfe findet er beim schwarzen Priester des Flüchtlingsheims, und er muss alsbald erkennen, dass Mwanas Studiengebühren "verschwanden" und sie zudem nie an der Universität eingeschrieben war.

Seiner Tochter ist es nicht besonders gut ergangen: Sie ließ sich mit dem Eierdieb Viva Wa Viva ein, musste seinetwegen das Kloster verlassen und kam sogar kurzzeitig ins Gefängnis. Nun jobbt sie als Aushilfe mal hier mal da und hilft illegalen Einwanderern. Das weiß auch Kommissar Jefke Schengen (der Name ist Programm): Der ehemalige Kolonialbeamte ist inzwischen Polizeichef des Afrikanerdistrikts in Brüssel und auf der Jagd nach einem Kriminellen, der in afrikanischer Maske mit Pfeil und Bogen Kneipen überfällt. Er will Mwana zwingen, für ihn als Informantin zu arbeiten, wofür sie in den Clubs tanzen müsste. Der König trifft indessen auf den aufgeweckten schwarzen Taxifahrer Chaka Jo, Sohn eines ihm unbekannten Belgiers und einer Kongolesin, der in Mwana verliebt ist. Diese muss ihrerseits erkennen, dass Chaka Jo offenbar der gesuchte Verbrecher ist, und sie versucht mit einem Trick, die Sache Viva in die Schuhe zu schieben. Zwischenzeitlich haben sich Vater und Tochter nach langer Odyssee wieder gefunden und beschlossen, aus der Diaspora nach Hause zurückzukehren und Chaka Jo mitzunehmen. Am Flughafen stellt Schengen Chaka ... und lässt ihn laufen: denn Chaka ist sein illegitimes Kind und – getrieben von seiner Sehnsucht nach Afrika – lässt Schengen Gnade vor Recht ergehen.

Am Ende hat sogar der traditionsbewusste König dazugelernt: seine Tochter darf nicht nur seine wertvollen Insignien berühren (ein bis dahin unvorstellbarer Vorgang; durften doch nur Männer in die Nähe der heiligen Gegenstände); er wird sie sogar zur Medizinfrau machen.

Dieses Happy End wirkt auf den ersten Blick reichlich konstruiert, macht jedoch bei näherem Hinsehen Sinn: Denn dass gerade Kolonialbeamte wie Schengen in ihrem Herzen soviel Afrika haben, dass die Sehnsucht sie danach nicht mehr loslässt, ist keine Fiktion, sondern pure Realität. Man muss nur einmal ehemaligen Algerienfranzosen zuhören, wenn sie von ihrer Zeit in Afrika erzählen. Und natürlich ist des Vaters Bruch mit der Tradition weniger ein realistischer Schluss als eine filmische Konsequenz: Denn Europa verändert die Afrikaner und selbst wenn sie hier nur Bruchstücke ihrer Identität (eine mögliche Lesart des Originaltitels) leben können, so hat es doch Einfluss auf sie.

Mwézé Ngangura war 1987 Drehbuchautor und Co-Regisseur der musikalischen Komödie "Das Leben ist schön" mit dem in seiner Heimat höchst populären Musiker Papa Wemba, der auch für seinen neuen Film einige Stücke beisteuerte. Und er ist seinem Stil, ernste Stoffe mit Humor und Leichtigkeit zu erzählen, treu geblieben. Und so ist seine Schilderung schwarzen Lebens im weißen Westeuropa bei weitem nicht so düster wie etwa in "La Promesse", aber das bittere Fazit ist durchaus dasselbe: Europa ist einfach kein Land für Afrikaner und selbst Europäer, die einst am afrikanischen Geschmack gekostet haben, tun sich hier schwer. Dabei kommt Ngangura ohne jede Schwarzweiß-Malerei aus: Gut und Böse sind bei ihm keine Frage der Hautfarbe und der König findet Freunde und Verbündete in Milieus, wo man sie nicht so ohne weiteres vermuten würde. Er zeigt den Rassismus subtiler: etwa in der Behandlung der Schwarzen bei der Einreise oder im Verhalten der Institutionen. Genau jener Institutionen, die den König einst auf dem roten Teppich empfingen. Hier verwendet Ngangura authentische Schwarzweiß-Dokumentarfilme aus der Kolonialzeit und so wirkt die Veränderung im Verhalten umso deutlicher. Ngangura gelang ein faszinierendes, teilweise märchenhaftes Stück afrikanischen Diasporakinos, das seine Wirkung auch auf ein jugendliches Publikum nicht verfehlt. Denn die mosaikartige Erzählweise, in der sich auch dem Zuschauer die Zusammenhänge erst nach und nach erschließen, sorgt für durchaus spannende Unterhaltung mit frischen Darstellern und einer klaren Filmsprache. Und so krönte die Jugendjury beim LUCAS '98 in Frankfurt diese filmische Reise eines Vaters an die Grenzen seiner Identität mit einem Preis. Und bei FESPACO 1999 in Ouagadougou/Burkina Faso erhielt der Film den Hauptpreis.

Lutz Gräfe

 

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