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Ausgabe 78-2/1999

DAS KLEID

Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe "konkret", DDR 1961/1991 – Regie: Konrad Petzold – Buch: Egon Günther, nach dem Märchen "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen – Kamera: Hans Hauptmann – Schnitt: Ilse Peters (1961), Thea Richter (1991) – Musik: Günter Hauk – Darsteller: Wolf Kaiser, Horst Drinda, Eva-Maria Hagen, Gerd E. Schäfer, Werner Lierck, Lore Frisch, Günther Simon, Kurt Rackelmann, Erik S. Klein u. a. – Länge: 88 Min. – Farbe – Verleih: Progress (35mm) / Videoanbieter: Icestorm – Altersempfehlung: ab 12 J.

Die Dreharbeiten hatten im Juni 1961 begonnen, zu einer Zeit, als die DEFA-Leitung "Das Kleid" noch als eines ihrer Prestigeobjekte ansah. Immerhin war das Drehbuch keinen Geringeren als den Regisseuren Erich Engel und Götz Friedrich angetragen worden, die allerdings aus Termingründen ablehnten. Aber auch Konrad Petzold, der seit seinem Debüt "Die Fahrt nach Bamsdorf" (1956) zu einem der produktivsten Kinderfilm-Regisseure des Studios avanciert war, standen opulente technische Möglichkeiten und etablierte Schauspieler zur Verfügung. Petzold drehte in Farbe und auf Breitwand, und in die Handlung durften teure Zeichentrick-Szenen eingebaut werden. Zu sehen waren Vollblutkomödianten wie Wolf Kaiser, Star des Berliner Ensembles, sowie Horst Drinda, Eva-Maria Hagen oder Günther Simon, der sich mit seinem Engagement für Komödien und Lustspiele von der Bürde des Kino-"Thälmann" frei zu spielen hoffte.

Doch nichts half. Als "Das Kleid" im Herbst 1961 abgedreht war und die Macher noch an eine glanzvolle Weihnachtspremiere glaubten, mahlten hinter den Kulissen bereits die Mühlen der Zensur. So wurden Petzold und sein Szenarist Egon Günther aufgefordert, ganze Passagen zu eliminieren – etwa eine Zeichentrickwolke, die mit ihren aufgeblasenen Pausbacken für Wind sorgte und aussähe wie der sowjetische Parteichef Chruschtschow. Geschnitten werden sollte eine Sequenz mit einem Wachtposten vor den Toren der Märchenstadt: der habe Ähnlichkeit mit Stalin ... – Insgesamt zwölf Sitzungen wurden bis Ende 1962 zum Thema "Das Kleid" einberufen, und stets ging es um solche Detaileinwände.

Tatsächlich war der DEFA-Leitung und ihren kulturpolitischen Auguren das gesamte Unternehmen inzwischen äußerst suspekt geworden. Sie erkannten im "Kleid" eine doppelbödige Persiflage, die mit aktuellen satirischen Anspielungen gespickt war. Egon Günther hatte sich zwar von Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider" inspirieren lassen, verdichtete den Stoff aber zum Gleichnis auf selbstherrliche Diktatoren und Regierungen, die der Wirklichkeit blind und ignorant begegneten. Schon der erste Satz des Films konnte seit 1961 in der DDR als pure Provokation aufgefasst werden. Zwei Wanderer kommentieren ein inmitten der Landschaft stehendes monströses Bauwerk mit den Worten: "Das ist die Mauer, die quer durchgeht. Dahinter liegt die Stadt und das Glück."

Heute wirkt "Das Kleid" immer dann am gelungensten, wenn es mit Hilfe grotesker Übertreibungen einen realitätsfernen, sich allwissend gerierenden Hofstaat vorführt – mit bornierten Ministern, die von einer Garde Geheimpolizisten umgeben und nur auf Eigennutz bedacht sind. Der Schluss zeigt, was einer solchen Regierung geschehen kann (und was 1989 in der DDR passierte): Das Volk stiebt auseinander, der Kaiser ist nackt; zurück bleibt ein verwaister Platz, auf dem die Reliquien der Macht verstreut liegen. Selbst in dieser Situation behauptet der Herrscher (der zuvor mit einem blauen Luftballon getanzt hatte, ähnlich wie Chaplins "Großer Diktator") seine Unfähigkeit, die Wirklichkeit wahrzunehmen. "Wie viel Prozent der Bevölkerung haben gelacht?" fragt er den Außenminister. – "Achtzig Prozent." – "Dann lassen wir sie ausweisen."

Solche Dialoge machen deutlich, weshalb die Märchenparabel bis zum Ende der DDR keine Chance hatte, ins Kino zu kommen. Anfang 1963 wurden die 135 Büchsen Negativmaterial im Staatlichen Filmarchiv eingebunkert. Erst im Sommer 1990 konnte Konrad Petzold "Das Kleid" vollenden. Fast alle Schauspieler, die 1961 beteiligt gewesen waren, synchronisierten sich dabei selbst. Jetzt kommt der Film, nach wenigen Sondervorführungen im Kino, auch auf Video heraus.

Ralf Schenk

 

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