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Ausgabe 78-2/1999

WER, WENN NICHT WIR

KTO, ESLI NE MIJ

Produktion: Mosfilm, Film Studio "Courier"; Russland 1999 – Regie und Buch: Valerij Prijomichov – Kamera: Aleksander Nosovskij – Musik: Vladimir Martinov – Darsteller: Evgenij Krajnov (Sme), Artur Smoljaninov (Toljasik), Valerij Prijomichov (Gena Samokhin), Tatjana Jakovenko (Smes Mutter) u. a. – Länge: 90 Min. – Farbe – 35mm – Weltvertrieb: Mosfilm International, Mosfilmovskaja Ul. 1, RUS-19858 Moskau, Fax 007-095-9382083 – Altersempfehlung: ab 10 J.

"Wer, wenn nicht wir", sagen sich die beiden Freunde Sme und Toljasik und gehen daran, für sich den weit verbreiteten postsowjetischen Traum vom Millionärwerden umzusetzen. Nicht ganz zu Unrecht halten sich die beiden Jungs für wesentlich begabter als viele in ihrer näheren Umgebung. Also besinnen sie sich auf ihre Talente und treten im nahe liegenden Moskau als Straßenmusikanten auf. Ganz im Kontrast zum Geist der Zeit haben sie mit ihrem Repertoire alter russischer Balladen ziemlichen Erfolg. Doch Erfolg zieht auch Neid an. Zwei heruntergekommene Ganoven berauben Sme und Toljasik auf dem Rückweg in ihr heimatliches Provinzstädtchen. Dieses Erlebnis lässt bei den Freunden die Vermutung aufkommen, dass man auf kriminellen Wegen möglicherweise wesentlich schneller zum gewünschten Reichtum kommen könnte. Also rauben sie das örtliche Kaufhaus aus. Da ihnen aber die wirkliche kriminelle Energie fehlt, werden sie auf der Flucht sehr schnell gefasst. Toljasik muss für ein Jahr in das Jugendgefängnis. Sme bleibt solche Strafe wegen seines Alters, er ist noch nicht 14, erspart. Der Kleine tut nun alles, um seinem eingesperrten Freund zu helfen. Gleichzeitig wird er aber von seiner Mutter in einer gehobenen Privatschule angemeldet. Hier trifft er auf Kinder von Leuten, die irgendwie schon ein Stück auf dem Weg zum Millionär vorangekommen sind. Glücklich kann er unter denen nicht werden. Inzwischen hat er aber mit Gena Samokhin einen gescheiterten Kriminalkommissar kennen gelernt, der, obwohl – oder vielleicht auch weil – er seine Resignation im Alkohol zu ertränken versucht, dem aufgeweckten Jungen Halt geben kann.

Der Regisseur Prijomichov spielt selbst den Mann, der in einer übergeschnappten Welt allein seine Bodenhaftung bewahrt zu haben scheint. Mit sparsamen Gesten stellt er gleichzeitig elementare moralische Fragen und verkörpert eine Orientierungsmöglichkeit. Dabei bleibt die Figur allerdings dezent im Hintergrund. Erzählt wird die Geschichte immer mit dem Blick auf Sme. Der Junge nimmt naiv Signale aus der Gesellschaft auf und versucht, für sich daraus eine eigene Lebenskonzeption zu basteln. Der damit erwachsende Widerspruch gibt dem Film sowohl große Heiterkeit, lässt aber auch Raum für bittere Gesellschaftssatire. Seien es sarkastische Witze eines ehemaligen Frontarztes aus dem Afghanistankrieg oder Karikaturen neureicher Russen, Prijomichov sucht drastische Bilder, um zu verdeutlichen, in welchem Wertevakuum seine kleinen Helden leben.

Weil die Erzählstruktur sehr heiter angelegt ist, nimmt der Zuschauer die Problemstruktur zunächst nur indirekt wahr. Dieser Konstellation sind auch die Bildsprache und die Musik des Films verpflichtet. Somit stellt sich der Regisseur und Autor den Fragen der modernen russischen Gesellschaft, ohne diese vordergründig aus seiner Erzählhaltung heraustreten zu lassen. Mit Bezug auf reale gesellschaftliche Konflikte wird eine unterhaltsame Geschichte – wie ich meine nicht nur für Kinder, aber für die in erster Linie – erzählt.

Klaus-Dieter Felsmann

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 78-2/1999 - Interview - Die ganze Geschichte aus dem Leben gegriffen

 

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