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Ausgabe 78-2/1999

ZWEI IN EINEM BOOT

Produktion: Ottokar Runze GmbH & Co. Filmherstellung KG; Deutschland 1998/99 – Regie: Cornelia Grünberg – Buch: Andreas Grünberg – Kamera: Heiko Merten – Schnitt: Barbara Lüders – Musik: Arne Eickenberg – Darsteller: Günter Naumann (Opa Knut), Fabian Wien (Fabian), Marie Kliefert (Nadja), Alexander Grünberg (Hans), Dieter Wien (Herr Trebbin), Marlene Wien (Frau Trebbin), Carl Kliefert (Christian), Andreas Grünberg (Naturschützer), Alf Korzetz (Naturschützer), Paul Mittelstädt (Sven), Danny Goschnik (Taucher), Steffen Grafe (Fischer Venske) u. a. – Länge: 70 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Basis Film (35 mm) – Alterseignung: ab 8 J.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Eigentlich haben sich Fabian und sein jüngerer Bruder Hans riesig auf eine Paddeltour mit Opa Knut gefreut, zumal der ihnen im Naturschutzgebiet ein verborgenes Adlernest zeigen will. Doch dann taucht ihre Mutter mit Nadja auf, deren Mama überraschend ins Krankenhaus gekommen ist. Aus dem rein männlichen Trio wird so ein Quartett aus drei Männern und einem Mädchen. Die beiden Jungs sind alles andere als begeistert, bei Fabian spielt außerdem Eifersucht eine Rolle: Eigentlich ist er in Nadja verliebt, aber die hat einen neuen Freund und will offensichtlich von Fabian nichts wissen. Ausgerechnet Fabian und Nadja müssen sich nun auch noch ein Kanu teilen.

Natürlich geraten die beiden immer aneinander. Bei schönstem Sommerwetter paddeln die vier auf abgelegenen Wasserwegen. Um die Vogelinsel zu erkunden, dürfen sie sich nicht von den Naturschützern erwischen lassen. Opa Knut kennt eine geheime Route zum Adlernest. Doch plötzlich erleidet der alte Mann in der Hitze einen Schwächeanfall. Die Hilferufe der Kinder bleiben ungehört. Als Hans auf einen Baum steigt und nichts als Seen und Wälder sieht, ist klar: Die drei Kinder sind ganz auf sich gestellt – weit und breit keine Menschenseele, die ihnen helfen könnte. Und Opa Knut muss so schnell wie möglich in ärztliche Behandlung. Fabian, Hans und Nadja nehmen ihn ins Schlepp, tasten sich weiter vor durch das dichte Schilf links und rechts des Flusses, das in ihren Augen die Undurchdringlichkeit, das Bedrohliche eines Dschungels annimmt, voller unwägbarer Gefahren.

Die Situation spitzt sich zu – die Boote laufen auf, sie kentern fast, Opa Knut fiebert, phantasiert, wirft sich im Boot hin und her. Die Nacht droht hereinzubrechen, ein Gewitter baut sich auf, und sie scheinen in einer Sackgasse aus Schilf festzustecken. Nach der Karte jedoch müsste hier ein offener Wasserweg sein, der Campingplatz nicht weit. Sie brechen durch das Schilf, erreichen dahinter tatsächlich das offene Wasser eines Sees ...

Nach dem zeigefingerhaften Erstling "Paul IV" (1994) ist Regisseurin Cornelia Grünberg ihrem Stil treu geblieben, auch wenn sie dieses Mal das Drehbuch nicht selbst verfasst hat und es keine Verfilmung eines Kinderbuches ist. Andreas Grünberg schrieb das Drehbuch, in dem sich klassische Motive wie Abenteuer, Freundschaft und Bewährungsproben aufspüren lassen. Und auch die kinderfilmischen Vorbilder von "Flussfahrt mit Huhn" oder "Karakum" sind unverkennbar: Naturgewalten, Angst und die Sorge um den ohnmächtigen Großvater schweißen drei Kinder zu einer Notgemeinschaft zusammen, denn nur gemeinsam sind sie stark.

Nicht die hochmoralische Botschaft ist dem Film anzukreiden, sondern der dramaturgische Weg zu dieser Erkenntnis: Der Opa behauptet oft und überdeutlich, wie fit er in seinem Alter noch ist, das Mädchen zeigt uns ihre beim Rudersport gestählten Muckis, und der Bootsjunge hantiert auf seinem Kahn mit einem Handy. Was demonstrativ und mit Ausrufezeichen vorgeführt wurde, kommt dann natürlich auch der Reihe nach zum Einsatz: Den Opa verlassen die Kräfte, er kann mit den Kindern, die aufs Tempo drücken, einfach nicht mithalten. Nur mit der Stärke des Mädchens können die beiden Jungen den Großvater durch die verwilderte Flusslandschaft manövrieren. Ja, und wäre da nicht der hilfsbereite Bootsjunge, der per Handy schon mal den Rettungshubschrauber herbei kommandiert, dann hätte die Geschichte kein erlösendes Happy End.

Obwohl sich "Zwei in einem Boot" wie am Reißbrett entworfen ausnimmt, gelingen dem Film spannende Momente, wenn sich die Situation der Kinder immer auswegloser und bedrohlicher zuspitzt: Eifersucht und Rivalitäten werden überwunden, denn die Geschichte mündet in einen Kampf um Leben und Tod. Die Dramatik dieser Szenen kann allerdings nicht wettmachen, was Buch und Regie zuvor schon verspielt haben. Filme, die auf starke Bilder und wenige Dialoge setzen, können eine ganz eigene Faszination entwickeln, doch immer wenn in diesem Film den Darstellern die Worte fehlen, erscheint dies als purer Mangel – besonders auffällig bei der Szene zwischen den Kids und dem Notarzt. Und wo nicht Sprachlosigkeit herrscht, setzt das Drehbuch auf simple Wiederholung – wie bei den Sticheleien zwischen Nadja und Fabian. So können sich Konflikte nicht entwickeln, sie werden einfach nur behauptet.

Was dem Film allerdings wirklich viel an Glaubwürdigkeit raubt, sind die klischeehaften Charaktere. So wie sich die Personen in diesem Film gebärden, würde man die Handlung nicht unbedingt in den 90er-Jahren orten: Was Marie Kliefert als Nadja so von sich geben muss, klingt eher nach 60er-Jahren. Den Vogel schießt aber Günter Naumann als Opa Knut ab, der wirkt wirklich wie ein lieber Märchenonkel, wenn er den Kids sein Seemannsgarn erzählen will. Solche Opa-Vorstellungen sind partout von gestern, die Großväter (und natürlich auch die Großmütter) der 90er-Jahre sind von ganz anderem Kaliber. Vielleicht hätte Drehbuchautor Andreas Grünberg bei Arend Agthes "Flussfahrt mit Huhn" einfach nur genauer hinsehen sollen, da gab es nämlich schon in den 80er-Jahren einen Großvater, der auch noch heute auf der Höhe der Zeit ist.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 79-2/1999 - Interview - "Man kann nicht erwarten, dass die Fördergelder möglichst schnell zurückfließen"

 

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