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Ausgabe 78-2/1999

Eine Hauptfigur, die leidenschaftlich ein bestimmtes Ziel verfolgt

Gespräch mit Hans-Christian Schmid, Regisseur und Co-Autor des Films "23"

(Interview zum Film 23 – NICHTS IST SO WIE ES SCHEINT)

KJK: "23" ist die Geschichte eines Idealisten – Karl Koch war es bei aller Rebellion und Verschwörungspsychose. Gibt es heute noch Idealisten?
Hans-Christian Schmid: "Karl ist zwar ein Produkt der 80er-Jahre, aber ich glaube, dass es auch heute noch diese Idealisten gibt. Zwar weiß die heutige Jugend im Großen und Ganzen früher, wohin sie will, schon vor dem Abitur. Damals haben wir – und ich bin bis auf vier Wochen gleich alt mit Karl Koch – uns nicht so sehr um Abiturschnitt gekümmert, lebten aber in einem politisierten Umfeld. Wir hatten das Gefühl, es könnte möglich sein, dass wir in einem Atomkrieg ums Leben kommen. Es gab damals klasse Feindbilder: Breschnew, Reagan, Strauß. Es war verboten, 'Stoppt Strauß'-Buttons an den Schulen zu tragen. Wir waren alle in der Grünen Partei – und wenn Karl Koch in Brokdorf war, dann waren wir in Wackersdorf. Für mich war das damals eine sehr spannende Zeit, die mich heute immer noch beeinflusst."

Haben wir heute noch ein politisiertes Umfeld?
"Ich glaube nicht. Man findet sicher an jedem Gymnasium in den Abiturklassen ein paar politisch Interessierte – nur das Forum fehlt ein bisschen. Es gibt keine Friedensmärsche mehr, keine Anti-AKW-Aktionen. Wogegen richten sich die jungen Leute, die Schülerzeitungen machen, heute? Es ist schwieriger geworden. Helmut Kohl war sicher ein taugliches Feindbild – jetzt kann man sich vielleicht an Joschka Fischer reiben, der den Staatsmann gibt und über den wir 1986 in der Münchner Filmhochschule einen Film gemacht haben als erstem Grünen Umweltminister – da lief er anders rum."

Sie haben sich in all Ihren Filmen mit der Wirklichkeit beschäftigt, mit Dingen, die uns umgeben und angehen. Glaube und Aberglaube spielen ebenso eine Rolle, jetzt auch wieder bei "23".
"Das hat sicher was mit dem Katholizismus zu tun und mit Altötting, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Ansonsten ist es sehr dankbar, wenn man für einen Film eine Hauptfigur hat, die leidenschaftlich ein bestimmtes Ziel verfolgt. Und das war bei Karl Koch der Fall – einer der Gründe, weshalb wir diese Geschichte erzählen wollten. Außerdem: Aus dem deutschen Alltag erzählen wollen, muss nicht immer grau und trist und trübe sein. Die jungen französischen Filme beispielsweise sehe ich mit großer Begeisterung, weil ich bei ihnen das Gefühl habe, ein Bild von dem Land zu bekommen, ohne je da gewesen zu sein. Das fehlt uns hier.
Was könnte man mehr erreichen, außer dass man im Rückblick diese Filme ansieht und sagt, die haben etwas mit dem Leben der Menschen und deren Kultur zu tun. Wenders' 'Alice in den Städten' und Schüttes 'Drachenfutter' hatten das. Ich finde es ein bisschen unfair, wenn Leute meiner Generation den Autorenfilm verdammen – da gab es doch viele bedeutende und gute Filme, die auch ganz gut altern. Natürlich gab es das Problem, dass diese Leute den Kontakt zum Publikum verloren haben. Das muss man dann später erst wieder zurückerobern – und da haben die Komödien auch ihre Verdienste, ich kann nicht nur auf diese Filme schimpfen, auch wenn ich sie für wirklich bedeutungslos und albern halte. Jetzt wäre die Gelegenheit, das ein bisschen zu öffnen – und ich glaube, das wird langsam gehen."

Gibt es schon neue Projekte?
"Ich werde hoffentlich noch in diesem Sommer den Roman des 17-jährigen Benjamin Lebert, 'Crazy', verfilmen. Ich las das Buch schon letzten November, lange bevor der Rummel darum losging, und ich war sofort fasziniert."

Mit Hans-Christian Schmid sprach Frauke Hanck

 

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