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Ausgabe 2-2/1980

Mit Hauptschülern "Im Herzen des Hurrican"

Ermutigende Erfahrungen beim Versuch, einen Film und sich selber besser zu verstehen

(Film in der Diskussion zum Film IM HERZEN DES HURRICAN)

I. Einsatz des Films mit Hauptschülern

Ins Kino gehen, das ist eine herrliche Möglichkeit, im Film Situationen und Menschen wie leibhaftige Wirklichkeit zu erleben. Dabei werden wir oft von Dingen herausgefordert, von denen wir uns sonst nichts träumen lassen. Im Film wird wie im Alltag unsere Fähigkeit angesprochen, die Menschen und das Leben mit seinem nie ganz aufzuhellenden Drumherum zu verstehen und sich darin zurechtzufinden. So gesehen ist der Film eine pädagogisch faszinierende naive Kunstform. Wer sich auf diese Naivität ursprünglichen Verstehens zurückbesinnt, dem fällt es nicht schwer, sich zusammen mit Jugendlichen auf Filme einzulassen und dabei auch noch beiden gerecht zu werden. Die folgenden Zeilen skizzieren in stichwortartiger Verkürzung, wie so etwas in exemplarischer Weise anlaufen kann.

Aktueller Anlass: Hark Bohm will für die Stuttgarter Pressevorführung seines neuen Films am 14.3.80 jugendliches Publikum im Kino haben. Kurz entschlossen sagt die Lehrerin der Klasse 9 fh der Falkertschule zu: "Das könnte für die Schüler und für mich wichtiger sein als der ausfallende Vormittagsunterricht."

Im Kinodunkel und nirgendwo sonst berührt der Film ungeteilt alle Sinne und fängt an, sich im spontanen Wahrnehmen und Erleben zu entfalten. Der Vorhang geht auf, und schon sind die Jugendlichen von der "Hurrican"-Welt umfangen und bewegt: Laute Verwunderung über das Auftauchen eines Elchs. Aber zugleich wird spürbar, dass die auf verwunschenen Lichtungen und an traumhaften Waldrändern sich anspinnende Elchgeschichte bei den Jugendlichen gefühlsmäßig verfängt. Sie sind sich selber und ihren Problemen auf der Spur, als der ausgeflippte Kfz-Lehrling Chrie auf seinem hochfrisierten Motorrad für die Feinkosthändlerwelt zum Wildern fährt und dabei angeschossen wird. Immer wieder Lacher: über die ach so besorgt-ahnungslosen Eltern, über die noch besorgteren Lehrherren und über die ganz besonders besorgte Kripo. Erneute Irritation, als plötzlich ein gleichaltriger Indianer mit ins Spiel kommt. Er ist einfach da und lebt in rätselhafter Übereinstimmung mit der Natur und den Tieren. Vorausdenkend und nachempfindend reagieren die Jugendlichen auf die zwischen dem Indianer und dem Lehrling sich anbahnenden Gemeinsamkeiten. Gespannt und ab und zu laut kommentierend registrieren sie die mit viel Action aufgeladenen Zwischenfälle bei der abenteuerlichen Verfolgung des Elches von der Beinahe-Vereinnahmung durch eine Jesus-Sekte über die BKA-Bedrohung in einer alternativen en Kfz-Werkstatt bis hin zum zwangsläufigen Elch-Ende im albtraumhaften Gedröhn am Autobahndreieck in der Nähe den Frankfurter Flughafens.

Als der Vorhang sich wieder vor der großen Leinwand zu schließen beginnt, verleihen die Jugendlichen ihren Gefühlen Ausdruck: "Echt Spitze!" ... "Ein verrückter Film" ... "Der Film hat das gewisse Etwas" ...

Das Filmgespräch mit Hark Bohm wird schnell pädagogisch aufregend. Er trifft genau den Ton der Jugendlichen und versteht es, sie zu bewusst machendem Nachdenken über das eigene Filmerleben anzuregen. Es wird klar, wie sie auf verschiedene Weise in die Filmgeschichte hineingekommen sind und wie diese jeweils nachvollzogen wurde. In einzelnen Gesprächssituationen spiegelt sich der Prozess des Filmverstehens: "Wo kommt eigentlich der Elch her?" "Das ist doch egal." "Der ist halt da." "Mit ihm fängt die Geschichte an." "Wichtig ist doch nur, dass er sich bei uns nicht halten kann." "Das ist ähnlich wie mit dem Indianer." – "Ich bin da anfangs nicht mitgekommen, weil zu wenig Gespräch war." "Es wird wirklich wenig geredet in dem Film." "Genau das hat mir gefallen." "Ja, ich fand das auch gut; das viele Schwätzen lenkt doch bloß ab." – "Der ständige Polizeieinsatz ist doch übertrieben." "Vor allem, dass die Polizei manchmal für dumm verkauft wird." "Und dass sie so brutal dargestellt wird." "Ich finde das auch übertrieben, aber man sieht so was ja auch im Fernsehen und in den Zeitungen." – Die Beispiele zeigen, wie herausfordernde Fragen und Feststellungen die Köpfe beschäftigen und zu immer erneuten Einstiegen ins Filmverstehen werden. Eben das will Bohm, ehe er dann Erzählenderweise Einblicke in die Werkstatt des Filmemachers vermittelt: Wie einer Zeitungsnotiz die Idee der Elchgeschichte entsprungen ist; was die Filmgeschichte den Erfahrungen seiner Pflegesöhne Dschingis und Uwe verdankt; wie seine Liebe zu Tieren und zur Natur sich im Film umsetzt; wie er den Elch gefunden hat und welche Schwierigkeiten er bei den Dreharbeiten machte ... und nicht zuletzt, was ein möglicher Misserfolg an der Kinokasse bedeutet: "Wenn der 'Hurrican' nicht ankommt, dann weiß ich echt nicht, wie ich weitermachen soll."

Die Jugendlichen sind beeindruckt und wollen mehr wissen, aber Hark Bohm muss weiter: 'Hurrican'-Termine beim Rundfunk, beim Fernsehen, bei der Presse ...

Das Bedürfnis nach weiterer Erarbeitung und Verarbeitung ist unverkennbar, und die Jugendlichen äußern es auch: "Man hatte zu wenig Zeit, und vieles wurde halt nur angerissen." Deshalb allgemeine Zustimmung, als die Lehrerin weiteres Nachdenken, stichwortartiges Aufnotieren und die Fortsetzung des Gesprächs in der Schule vorschlägt – denn: "In den Cliquen reden wir nicht so über Filme und darüber, warum und weshalb etwas so ist und nicht anders." Das gemeinsame Kinoerlebnis wirkt nach und drängt zu verstärkter Auseinandersetzung mit der eigenen Situation: "Es war nicht irgendein Kinofilm, über den man halt lacht. Für mich waren in diesem Film Probleme, die jeden von uns auch betreffen." In dieser Perspektive wird laut weitergedacht: "Ich habe mir im Film oft überlegt, dass halt jeder irgendwie Freundschaft sucht." Eine Liste der zu erörternden Probleme ergibt sich: Beziehungen unter Jugendlichen; die Sekten-Mädchen und das Sektenunwesen; Träume vom Aussteigen und Abhauen; Leben in kaputter Umwelt und vergifteter Natur; kein Platz mehr für Elche ... Aufschlussreich ist der Versuch, den Film im Ganzen zu charakterisieren: "Er ist wie das Tohuwabohu im Leben heute." Die Frage, ob der Film nicht doch reichlich wirr sei, findet auch höchst subjektive Antworten: "Der Film ist vielleicht wirr, aber bei mir kommt es manchmal noch wirrer." Immer wieder zeigt sich, wie die Jugendlichen ständig auch sich selber auf der Spur sind. Es überrascht deshalb nicht, dass sie bezweifeln, ob Erwachsene mit dem "Hurrican" etwas anfangen können: "Ältere würden wahrscheinlich gar keinen Sinn in diesem Film sehen. Sie würden vielleicht sagen, dass da zwei jugendliche Irre wie ein paar Verrückte herumrasen und dummes Zeug anstellen. Die müsste man einsperren. Aber nach dem Grund, warum die so geworden sind, würde man nicht fragen." Andere meinen: "Da können Erwachsene sehen, wie blöd sie sich benehmen können." Und schließlich: "Vielleicht helfen uns Erzieher dann, denn Erwachsenwerden fällt uns allen nicht in den Schoß."

Um sich greifendes Filmverstehen liegt in der Luft. Man versucht vergleichende Seitenblicke auf andere Filme. Einige verweisen auf "Nordsee ist Mordsee" und "Moritz lieber Moritz". An der Pinnwand tut sich eine Bohm-Ecke auf mit Bildern, Zeitungsausschnitten, Hinweisen auf Rundfunkinterviews und Fernsehsendungen. Man wartet auf die Stuttgarter "Hurrican"-Premiere am 28. März und vor allem darauf, was die Kritiker aus der Pressevorführung schreiben werden. Man will vergleichen, Leserbriefe schreiben ... Vor dem Hintergrund der erarbeiteten Vielfalt beginnen sich folgenreiche filmische Arbeitsprojekte abzuzeichnen. Mehr kann man eigentlich im ersten Anlauf nicht wollen, vor allem dann nicht, wenn man von einer kommunikationspädagogisch orientierten Auseinandersetzung mit Filmen träumt, die in gleicher Weise das Film- und das Selbstverständnis der Heranwachsenden erweitern helfen soll. Übrigens: Die Schüler werden noch oft Gelegenheit haben, auf den "Hurrican" zurückzukommen. An der Stirnwand des Klassenzimmers hängt das Filmplakat, auf welchem Chris und der Indianer auf der irren Cross-Country-Maschine davonjagen. Die Lehrerin ließ es mit der Bemerkung aufhängen: "Damit ihr abfahren könnt, wenn ihr manchmal vom Unterricht die Nase voll habt."

Dr. Ewald Heller, Prof. an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg


II. Zuschauerkritik von Klaus-Peter Venn

Nach seinen Erfolgen "Tschetan, der Indianerjunge" und "Nordsee ist Mordsee" hat Hark Bohm mit "Im Herzen des Hurrican" wieder die Geschichte über die Entwicklung einer Freundschaft geschrieben. Den Aufhänger zu dieser Geschichte fand Bohm in der Zeitung. Ein Elch durchschwimmt die Elbe. Dieses ungewöhnliche Ereignis zieht dann durch ganz Deutschland. Mit ganz unterschiedlichen Motivationen ziehen Dschingis und Uwe, zuerst unabhängig voneinander, hinter dem Elch her. Uwe versucht, mit seiner selbst gebauten Cross-Maschine und dem Gewehr den Elch zu erlegen. Dschingis, der Mescalero aus Hamburg, verfolgt den Elch in Trappermanier mit Rucksack und Fotoapparat. In einem Wald treffen die beiden aufeinander. Ohne jegliches Wortspiel entwendet der Mescalero dem "Jäger" das Gewehr und schließlich auch noch die Cross-Maschine. Hier beginnt nun die eigentliche Geschichte und Reise der drei durch Deutschland. Hier fangen nun auch die kleinen Episoden an, die dazu beitragen, dass sich nicht nur eine Freundschaft, sondern auch eine gemeinsame Motivation entwickelt. Eine Reise durch ein Land, dessen Umwelt durch Gift, Städteplanung und Verkehr langsam zerstört wird. Bohm zeichnet durch diese Abenteuer ein für Jugendliche verständliches Bild von Deutschland, das man selten so plastisch und vielfältig in Jugendfilmen gesehen hat. Er baut in die Entwicklung der Freundschaft die Problematiken hinein, mit denen sich viele Jugendliche auseinander setzen und mit denen sie in Zukunft leben müssen. Der Bauer, der Pflanzenschutzmittel nicht nur über seine Felder, sondern auch über Uwe ergießt. Die Pseudo-Jesus-Sekte, die ungestraft und ganz offiziell Mitglieder einfängt und sich an ihnen, unter Umständen auch mit Gewalt, bereichert. Die Kühe, die nach einem Reaktorunfall oder ähnlichem auf der Weide verenden und von Männern in Schutzanzügen, wie man sie aus Kernkraftwerksreportagen kennt, abtransportiert werden. In der Mitte der Elch, der allen Gefahren zu trotzen scheint. Mit einem Viehtransport wird er nach Frankfurt gebracht. Hier landen die beiden in einer alternativen Kommune, die nicht nur von Polizei und Verfassungsschutz observiert wird, sondern auch in einer Nacht gestürmt wird. Den beiden angeblichen Terroristen gelingt die Flucht, und sie treffen ihren Elch in Frankfurts Straßen. Sie begleiten den nach Freiheit suchenden Elch bis ans Autobahnkreuz Frankfurt und für beide ist klar, dass der Elch hier keine Überlebenschancen mehr hat.

Alles, was den Normen dieser Gesellschaft widerspricht, hat nur geringe Chancen, zu überleben. Hark Bohms Film scheint eine Aufreihung von Zufällen zu sein, die in Wirklichkeit keine sind. Es ist eine realistische Geschichte, die schließlich aber nur denen passieren kann, die den Mut dazu haben, auf Risiken und Abenteuer einzusteigen.

Wie auch schon in "Moritz lieber Moritz" machte Bohm wieder Anleihen bei Bunuel und Dali. Um den Zuschauer ein wenig zu kitzeln und zu schockieren, kamen Großaufnahmen von Waldameisen auf Uwes Hand, die Schusswunde und natürlich auch der Kopf einer toten Kuh. Insgesamt ein inhaltlich sehr ansprechender und formal perfekter Film.

Klaus-Peter Venn, Mitglied der Filmauswahlkommission der "Filmothek der Jugend" Oberhausen

 

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