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Ausgabe 8-4/1981

"Wir stehen noch ganz am Anfang"

Zur Situation des Kinderfilms in Bangla Desh

(Interview zum Film DER JUNGE)

Von Bangla Desh, am östlichsten Zipfel Indiens gelegen, hat man in der Bundesrepublik Deutschland bis heute recht wenig gehört. Außer vielleicht, dass dieses Land zu den ärmsten Gebieten der Erde zählt. Von Indien weiß man mehr. Indien ist bekannt als Großproduzent von Spielfilmen aller Art. Das Medium Film gehört hier zu den wichtigsten und bedeutendsten Unterhaltungsformen der Bevölkerung. Filmkultur und Filmproduktion des Nachbarlandes Bangla Desh sind dagegen bei uns noch relativ unbekannt.

Beim 7. Internationalen Kinderfilmfestival in Frankfurt war dieses Jahr zum ersten Mal ein Kinderfilm aus Bangla Desh vertreten. Herr Sabu Siddiquie, zurzeit Student an der Filmhochschule in Dortmund, wirkte bei der Produktion des Films "Der Junge" mit. Er hat diesen Film in Frankfurt vorgestellt und anschließend ein Interview über die Situation des Kinderfilms in Bangla Desh gegeben.

KJK: Herr Siddiquie, wie beurteilen Sie die Situation des Films in Ihrem Land – auch in Hinblick auf den Kinderfilm?
Sabu Siddiquie: "Filmproduktionen gibt es in Bangla Desh erst seit ungefähr 30 Jahren. Momentan werden pro Jahr circa 20 Fernsehproduktionen für Kinder auf MAZ-Band hergestellt. Es sind alles Kinderfilme, die Kinder beim Spielen zeigen, in der Freizeit oder was sonst noch vom Staat für Kinder gemacht wird. Aber wenn man von einem wirklichen Kinderspielfilm spricht, dann sind 1981 eigentlich nur zwei solcher Filme gemacht worden. Der eine Film heißt "Der Junge" und der zweite "Emil und die Detektive". Und es sind eigentlich die ersten wirklichen Kinderfilme in Bangla Desh überhaupt. Vor 10/20 Jahren war im Gespräch, dass ein Kinderfilm gemacht werden sollte, aber das hat nie richtig hingehauen. Denn die vorige Regierung war an solchen Vorhaben nicht interessiert, sie wollte mit Filmen schnell und viel Geld verdienen, und das kann man eben nur mit richtig kommerziellen Produktionen machen.
Produziert werden deshalb auch heute noch vorrangig Filme mit Heimatcharakter und Filme über die Familie. Es gibt aber auch Filme, die Themen wie 'Ehestreit' und 'Scheidungsprobleme' aufgreifen. Es sind jedoch alles Probleme, die keine soziale Unruhe bringen und die mit viel Musik und Entertainment aufgefüllt sind. Diese Filme werden gern gesehen und wahrscheinlich würde die Bevölkerung momentan auch nur ungern kritische Filme anschauen.

Trotzdem wird jetzt endlich der Versuch unternommen, auch kritische Filme zu zeigen. Der Film "Der Junge" ist einer der ersten richtigen kritischen Kinderfilmproduktionen in Bangla Desh. Die Filme vorher waren eben sehr oberflächlich und ungefährlich. Als Beispiel kann ich mal so eine Filmgeschichte erzählen: Ein Junge geht vor den Ferien auf die Schultoilette und der Hausmeister schließt ihn dort aus Versehen ein. Man sieht, wie der Junge sein Leben in der Toilette verbringt – der Film hat dadurch einen kleinen Krimieffekt – aber es ist alles gar nicht lustig, denn der Schluss zeigt, wie ein kleiner Kinderkörper zerfällt, weil er kein Essen bekommt. Vom sozialen Standpunkt aus gesehen sagt der Film gar nichts aus. Er zeigt eben nur die Situation eines Kindes, dass in einem Zimmer eingeschlossen ist."

Wie groß ist überhaupt die Filmproduktion in Bangla Desh?
"Dazu ist erst einmal zu bemerken, dass Film die einzig richtige Freizeitbeschäftigung für die Bevölkerung ist. In einem kleinen Land wie Bangla Desh – es gehört zu den zweitärmsten auf der Welt – werden über 120 Spielfilme im Jahr produziert, und von den 120 Filmen sind vielleicht 85-90 Prozent Filme mit Heimatcharakter, ohne kritische Aussage. Es gibt ein paar Leute, die kritische Filme machen, aber die haben es auch entsprechend schwer.
Eine Kinokarte kostet umgerechnet 2,-- DM. Pro Tag verdienen die Leute circa 2,80 DM. Sie sparen die ganze Woche, um am Samstag ins Kino gehen zu können. Das Kino ist ihr Hauptfreizeitvergnügen. In der Hauptstadt Dacca gibt es circa 80 Kinos, das ist im Vergleich zu Deutschland sehr viel. Die Anzahl ist ein Indiz für den hohen Stellenwert des Films in der Freizeitbeschäftigung der Bevölkerung. Die Leute gehen sehr gern mit der ganzen Familie ins Kino, die Filme beschäftigen sich ja auch mit Problemen der Familien. Und so ist der Film ein Bestandteil der bengalischen Kultur geworden. Und wenn es eine Woche kein Kino in Bangla Desh gäbe, dann würde das einer Katastrophe gleichkommen."

Bedeutet dieser hohe Stellenwert des Films gleichzeitig auch, dass die Produktion vom Staat unterstützt wird?
"Bei uns gibt es keine Filmförderungsgesellschaft oder Finanzierungen seitens der Regierung. Alle Filmproduktionen werden privat finanziert. Es gibt finanzkräftige Privatleute, die sich das Drehbuch durchlesen, und wenn sie es gut finden, dann investieren sie ihr Geld in die Produktion des Films. So läuft das normalerweise ab. Der letzte Regierungschef, Zieur Rahmann, hat erstmalig versucht, eine Filmförderung ins Leben zu rufen, aber es ist momentan nicht klar, ob so eine Sache langfristig bestehen kann. Der Staat hat auch nicht so viele Mittel zur Verfügung, denn vorrangig muss immer noch unheimlich viel Geld für soziale Aufgaben aufgebracht werden. Und nur in Ausnahmefällen gibt der Staat Geld für die Produktion eines Films."

Der Film "Der Junge" ist vom Staat finanziert worden. Musste der Regisseur Khan Ata sich als Folge der Finanzierung in irgendeiner Weise dem Staat gegenüber verpflichten?
"Das Problem ist, dass jeder Film, der in Bangla Desh produziert wird, von einem Zensurkomitee begutachtet werden muss. Und in diesem Komitee sitzen regierungstreue Leute und einige Intellektuelle – Professoren von der Universität und Journalisten – die den Inhalt der Filme genau abklopfen. Man kann daher gewisse Aussagen nur sehr vorsichtig machen. Der letzte Regierungschef war der Ansicht, dass man auch kritische Filme machen sollte, und seither hat sich auf die Zensur etwas gelockert. Und eigentlich auch deshalb haben wir die Erlaubnis erhalten, den Film 'Der Junge' zu drehen.
Die Realisation dieses Films hat trotzdem ziemlich lange gedauert. In der ursprünglichen Drehbuchfassung war die Situation der Kinder zu deutlich dargestellt, das hat der Regierung nicht gepasst. Am Ende haben sie für diesen Film dann doch noch Mittel zur Verfügung gestellt, nur musste am Schluss etwas geändert werden. Der Regisseur Khan Ata – übrigens ist dies sein erster Kinderspielfilm – wollte den Schluss zuerst aber nicht ändern. Daraufhin waren keine Mittel da. Aber dann, auf Empfehlung des Regierungschefs, ist der Schluss doch noch geändert worden. Und anstatt eines traurigen Schlusses ist ein Kompromiss herausgekommen, d. h. der Film geht nicht so hoffnungslos aus, wie ursprünglich geplant. Er soll den Kindern doch noch eine Hoffnung geben. So wollte es die Zensur von der Zensurabteilung dem Ministerium für Information und Broadcasting (zuständig für Film- und Fernsehproduktionen). Der Film ist dann in Bangla Desh gezeigt worden, und wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder den Schluss nicht so richtig akzeptiert haben. Sie haben ihn einfach nicht geglaubt."

Beinhaltet die Kontrolle von privater und staatlicher Seite auch eine Einflussnahme auf die Themenauswahl? Und stehen die Regisseure dadurch nicht unter einem starken Druck?
"Kein einziger Regisseur kann Filme drehen und dafür vom Staat Geld erwarten. Er muss zusehen, dass er sein Geld von Privatleuten bekommt. Und wenn er Mittel vom Staat kriegen will, muss er akzeptieren, dass der Staat Einfluss auf den Inhalt des Films nimmt.
Erst seit kurzer Zeit erlaubt die Regierung kritische Filme, die auch die Probleme von Kindern darstellen. Aber das ist bei uns noch alles in den Anfangsschuhen. Im Bereich Erwachsenenfilm sind wir schon etwas weiter. Hier kennen sich die Regisseure schon seit einigen Jahren und haben auch deshalb eher die Möglichkeit, sich für ihre Ideen einzusetzen. Der Regisseur des Films "Der Junge" hat z. B. vorher schon elf kommerzielle Filme gedreht. Auf die Idee zu dem jetzigen Film ist er durch die intensive Beziehung zu den Kindern der Kinderakademie gekommen. Er wollte einen realistischen Kinderfilm machen und keinen Film nach der üblichen Fassung – mit Phantasieszenen etc., der Kindern nur Spaß bringt und sonst nichts.
Mit dem Film "Der Junge" will Khan Ata die Kinder anregen, über ihre Situation nachzudenken, und er will gleichzeitig erreichen, dass sich die Kinder mit dem Filminhalt identifizieren, können. Eigentlich ist es der erste Film, der die Situation der Kinder im Dorf zum Inhalt hat. Ein sehr wichtiger Aspekt sind dabei natürlich die Mullahs. Sie haben einen starken Einfluss auf die Erziehung der Kinder. Sie versuchen mit allen Mitteln zu verhindern – wie ja auch der Film zeigt –, dass die Kinder im Dorf eine gute Erziehung erhalten, dass sie selbstbewusst werden und dann in die Stadt gehen. Denn jede Abwendung vom Dorf bedeutet ein weiterer Mangel an billigen Arbeitskräften. Die Mullahs sind im ganzen Land gegen eine aufklärende Erziehung und wollen nicht, dass die Kinder von armen Leuten auf die Schule geschickt werden. Als Gegengewicht dazu wollten wir noch zeigen, wie die Kinder in der Stadt ihre Tage verbringen. Im Film wird der Versuch gemacht, beide Aspekte miteinander zu verbinden, d. h. die Situation der armen und die Situation der reichen Kinder darzustellen.
Die Kinder, die in dem Film "Der Junge" mitspielen, kommen von der 1978 gegründeten Kinderakademie in Dacca. Hier können Kinder offiziell tanzen und singen lernen und sie können auch bei Filmproduktionen mitarbeiten. Eine andere Möglichkeit ist auch, dass Regisseure Kinder zum Filmen nehmen, die sie schon lange kennen, etwa Kinder vor. Bekannten. Für ihre Mitarbeit bekommen die Kinder nicht viel Geld, sie machen mit, weil es ihnen Spaß bringt.
Allgemein ist die Situation der Kinder in Bangla Desh anders als hier. Die Kinder in Bangla Desh machen ihre Sachen selbst. Wenn sie Theater spielen wollen, dann unterstützt sie das ganze Dorf. Sie sammeln Geld von den Nachbarn, die Eltern helfen mit, und sie organisieren dann alle zusammen ein kleines Kindertheater. Manchmal läuft auch solch ein Programm in den Schulen. Aber es gibt keine organisierte Kulturszene für Kinder. Das einzige ist die Kinderakademie in Dacca. Überhaupt ist nur in der Hauptstadt etwas für Kinder los. Auf dem Land müssen sich die Kinder selber helfen.
Zurück zu den Kindern, die beim Drehen dabei sind. Sie kriegen für diese Zeit natürlich schulfrei. Aber allgemein wird bei uns die Schule nicht ganz so ernst genommen wie hier. Bei uns gibt es z. B. auch keine Schulpflicht. Auf dem Land helfen 80 Prozent der Kinder ihren Eltern beim Ackerbau, in Deutschland würde man hierzu sicherlich Kinderarbeit sagen. Aber bei uns ist es selbstverständlich, dass die Kinder ihren Eltern helfen. Und deshalb gehen sie auch nicht so oft zur Schule."

Gibt es ein Gesetz, das die Drehdauer für Kinder regelt?
"Nein, es gibt bei uns keine solche Regelung. Wenn der Regisseur merkt, dass das Kind müde ist, dann unterbricht er die Dreharbeiten. Das läuft alles nicht so systematisch ab wie hier in Deutschland."

Wie hoch sind denn die Kosten für einen Kinderfilm?
"Die Kosten für Schauspieler sind erheblich geringer wie hier, dagegen sind aber die Materialkosten viel höher. Wir müssen das Material aus den Industrieländern einführen und das verschlingt sehr viel Geld. Und auch die Vertonung in einem Studio kostet viel, pro Tag etwa 500,-- bis 600,-- DM, das ist sehr viel Geld für unser Land. Generell kann man sagen, dass eine Produktion von 60 Minuten so zwischen 65.000,-- bis 80.000,-- DM für einen Kinderfilm kostet.

Das Gespräch führte Andrea Scherell

 

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