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Ausgabe 8-4/1981

WIR SIND SINTIKINDER UND KEINE ZIGEUNER

Produktion: Katrin Seybold, BRD 1980/81 – Regie: Katrin Seybold, Melanie Spitta – Kamera: Otmar Schmid, Bert Schweiz – Ton: Werner Dobusch – Schnitt: Bettina Lewertoff – Länge: 20 Minuten – Farbe – 16mm-Verleih: Verleihgenossenschaft, Alfonsstr. 1, 8000 München 19, T. 089/1901208

Unsere unbewältigte Vergangenheit ist nicht abgeschlossen. Durch diesen Film wurde mir klar, dass wir endlich beginnen müssen, auch die Sinti und ihre Lebensweise wahr und ernst zu nehmen, vor allem aber zu respektieren. Nicht deshalb, weil sie eine "Minderheit" oder wie oft falsch begriffen – eine "soziale Randgruppe" sind und uns insofern "attraktiv" scheinen.

Katrin Seybold und Melanie Spitta, die seit Jahren aktiv ist in der internationalen Bürgerrechtsbewegung der Sinti in Rom, spüren in ihrem Film auf, wie die Sinti in ihren Obdachlosensiedlungen leben. Einige Kinder erzählen, wie ihr Tagesablauf ist, wo ihre großen Probleme mit deutschen Kindern und deren Eltern liegen, und wir sehen Einzelheiten aus ihrem Zusammenleben. Doch ist im Film die Nähe nicht konstruiert, und es gibt keine falsche Beschaulichkeit.

Katrin erzählt von der ungeheuren Schwierigkeit, den Film überhaupt zustande zu bringen; der Film wurde nicht nur sehr mangelhaft von den Medien unterstützt – ein Fernsehredakteur meinte z. B. zur Kürzung der Mittel, das Exposé des Films zeige zuviel Diskriminierung –, sondern die Sinti waren sehr vorsichtig und zurückhaltend. Während des "Dritten Reichs" wurde nach ihnen Rassenforschung betrieben, um sie besser kriminalisieren und vernichten zu können. Zu Tausenden wurden sie umgebracht. Sie haben Angst vor den Deutschen und daher warnen die älteren Sinti vor Fremden, die ihre Sitten und Lebensweisen wiedergeben wollen. Sie waren bereit, Interviews zu geben, hatten aber Angst vor der Kamera, weil sie dadurch wieder Verfolgung durch die Behörden befürchten mussten – sie wollten sich und ihre Not nicht ablichten lassen. Erst als in einer ihrer Obdachlosensiedlungen in Straubing aufgrund der Nässe in den Wohnungen Gelbsucht und Typhus ausbrachen, wollten sie am Film mitmachen. Doch ist der Film sehr vorsichtig, er zeigt das, was die Beteiligten zeigen wollen, und die Räume wurden aufgeleuchtet, um die Wohnungen in einem etwas anderen Licht erscheinen zu lassen.

Die Tatsachen aber sind: Die Sinti sollen zwangsweise den bundesdeutschen Verhältnissen angepasst werden; sie dürfen nicht mehr frei herumziehen, selbst auf Campingplätzen dürfen sie nicht mehr wohnen; sie werden in Obdachlosensiedlungen mit viel zu kleinen Wohnungen und katastrophalen sanitären Anlagen einquartiert (eine siebenköpfige Familie wohnt in zwei Zimmern). Sie dürfen keinen Handel mehr treiben, müssen Sozialhilfe empfangen, und die Kinder werden in Sonderschulen gesteckt. Für alles, was ihnen im "Dritten Reich" widerfuhr, erhielten sie bis heute nur teilweise und erst durch lange juristische Kämpfe Entschädigung.

Im Film tritt uns auch durch die Kinder eine Ungebrochenheit gegenüber, die mein Erstaunen hervorrief. Die Kinder der Sinti können offenbar ihre Individualität, ihre Phantasie und ihren freien Willen in einer Meise leben, die unseren "Kulturnormen" widerspricht. Wenn sie etwa keine Lust hatten, beim Filmen mitzumachen, sie nicht Mittelpunkt sein wollten, wurde das von den Eltern sofort akzeptiert und unterstützt – zur Freude der Filmen, versteht sich. Haben sie keine Lust, zur Schule zu gehen, bleiben sie halt zu Hause – zur Empörung der Lehrer. Ihnen wird eine Autonomie der Entscheidung zugestanden, die uns oft fremd ist. Unabhängigkeit und das Leben der eigenen Dynamik sind wichtiger als die An- oder Einpassung in die "Normalität". Der Film macht dies deutlich, leise, unmissverständlich und mehr noch: Das Erschrecken, das uns aus der Geschichte der Sinti entgegen schlägt, reicht soweit, dass es mit Worten nicht einholbar ist.

Claudia Croon

 

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KJK-Ausgabe 8/1981

 

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