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Ausgabe 14-2/1983

DER STEINERNE FLUSS

Produktion: Regina Ziegler Filmprod. / SFB, BRD 1982 – Buch und Regie: Thorsten Näter – Kamera: Jacques Stein – Ton: Gunther Kortwich – Schnitt: Thorsten Näter – Musik: Günther Fischer – Darsteller: Cora Näter, Mark Näter, Peter Roggisch, Gunter Berger – Laufzeit: 96 Minuten – Farbe

Thorsten Näter hat ein aktuelles Thema für seinen ersten Kinofilm gewählt: die Opferung unberührter Natur für den verkehrstechnischen Fortschritt. Der Film spielt in West-Berlin: am Bauabschnitt der Hamburg-Autobahn; im stillgelegten, wildromantischen S-Bahn-Gelände mitten in der Stadt zwischen Gleisdreieck und Anhalter Bahnhof-Yorkstraße, das schon mehrmals im Film zu sehen war (z. B. in "Deutschland, bleiche Mutter"; "Jetzt und Alles") und über das es einen Fotoband gibt; und in der Trabantenstadt Märkisches Viertel.

Eine Schulklasse besichtigt die Großbaustelle einer neuen Stadtautobahntrasse. Der Wald ist bereits gerodet, die Baumaschinen fressen sich durch das aufgewühlte Erdreich. Ein Ingenieur erklärt den mehr oder weniger interessierten Schülern der 5. Klasse das Projekt. Zwei Kinder, Anna und Mario, setzen sich ab, laufen durch den angrenzenden dichten Wald und entdecken ein verwildertes Bahngelände. Unheimlich ist das – ein Schimmel trabt durch die Landschaft, vorbei an verrotteten Waggons und verrosteten Gleisen. Die Kinder folgen halb ängstlich, halb neugierig dem Pferd und treffen auf einen Mann, der in diesem vergessenen Winkel lebt. Es stellt sich heraus, dass er Rudi Altmann, ein ehemals erfolgreicher Zauberkünstler, ist.

Nachdem Mario und Anna Vertrauen zu ihm gefasst haben, besuchen sie ihn häufiger. Es entsteht eine Freundschaft. Eines Tages erfahren die Kinder, dass Rudi sein Haus räumen muss – wegen der neuen Autobahn. Anna beruhigt ihn. Sie wird das schon verhindern können, denn ihr Vater ist ja schließlich einer der verantwortlichen Architekten der Großbaustelle. Doch Anna muss die schmerzliche Erfahrung machen, dass ihr Vater lediglich Pläne ausarbeitet und ausführt, dass die Entscheidungen woanders fallen. Zwischen Vater und Tochter kommt es zum lautstarken Krach. Sie wirft ihm vor, nicht nur die Natur zu zerstören, sondern auch noch einem guten Menschen und seinen unschuldigen Tieren den Lebensraum zu nehmen. Der Vater verteidigt sich: "Umweltschutz, das lernt ihr heute in der Schule – das Wort kannten wir gar nicht." Anna haut ab, wütend und unverstanden, Mario folgt ihr wie schon so oft. Sie kommen rechtzeitig und können den lebensmüden Rudi vor einer Verzweiflungstat retten. Er wollte lieber sterben als von diesem Platz vertrieben zu werden.

Die Kinder begleiten ihn am nächsten Morgen auf seinem schweren Weg in eine Hochhauswohnung. Kurz entschlossen kehren sie der Betonwüste den Rücken, zurück in die alte Umgebung. "Kommt Kinder, dreht euch nicht um, sonst werdet ihr zur Salzsäule", sagt Rudi im Weggehen. Im Wald sehen sie, dass sie nicht mehr allein sind mit ihren Problemen. Eine Bürgerinitiative hat sich gebildet, um ein weiteres Abholzen der Bäume zu verhindern. Es bleibt die Hoffnung, dass noch nicht das letzte Wort über den Verlauf der Autobahn gesprochen ist, dass dem Mann und den Kindern der unberührte Platz doch noch erhalten bleibt.

Der Film sensibilisiert Kinder für ihre Umwelt und den Schutz der Natur, zeigt andererseits auch realistisch die Grenzen der Einflussnahme. Thorsten Näter vermittelt sein Anliegen nicht schulmeisterlich, sondern kurzweilig und unterhaltend. Die Vergewaltigung der Natur und der darin lebenden Menschen belegen eindrucksvolle Bilder.

Anna, gespielt von der Nichte des Filmemachers, stellt ihr Engagement und ihr Mitgefühl überzeugend dar, ist schlagfertig, mutig und witzig, und ist damit eine gute Identifikationsfigur. Schwieriger haben es die Zuschauer mit der Figur des "ausgestiegenen" Zauberers. Er hat etwas Undurchsichtiges, Distanzierendes; es fällt schwer, auf Anhieb Sympathie für ihn zu empfinden.

Der Schluss des Films ist, gemessen an der bis dahin dicht und spannend erzählten Geschichte, unbefriedigend. Den Eingriff in die Natur pantomimisch darzustellen und diese Idee dann gleich zweimal aufzugreifen – einmal durch die Bürgerinitiative im Wald, dann durch die Kinder in der Schule – wirkte gestelzt. Weniger hätte mehr bewegt.

Gudrun Lukasz-Aden/Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 14-2/1983 - Interview - "Man muss sich seine Menschlichkeit bewahren"

 

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