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Ausgabe 23-3/1985

GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS

Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe "Johannisthal", DDR 1985 – Drehbuch: Christa Kozik, nach Gisela und Bettina von Arnims Geschichte "Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns" – Dramaturgie: Gabriele Herzog – Regie: Jürgen Brauer – Kamera: Jürgen Brauer – Musik: Stefan Carow – Schnitt: Evelyn Carow – Darsteller: Nadja Klier, Hermann Beyer, Fred Delmare, Suheer Saleh u. a. – Laufzeit: 83 Minuten – Farbe

Bei der in der DDR großgeschriebenen "Pflege des kulturellen Erbes" wurde die Romantik lange Zeit ziemlich vernachlässigt. Das hat sich geändert. Christa Wolf, Günter de Bruyn, Franz Fühmann und andere haben manches zur Wiederentdeckung jener literarischen Epoche beigetragen, DDR-Verlage veröffentlichen die Werke romantischer Dichter im Original. Der Aufbau-Verlag beginnt in diesem Jahr mit einer Werkausgabe der Bettina von Arnim, deren Geburtstag sich am 4. April zum 200. Male jährte. Jetzt erinnert ein Film aus Babelsberg an ein schon vergessenes Werk dieser Autorin. 1843 hatte die preußische Romantikerin italienischer Herkunft mit ihrer damals 16-jährigen Tochter Gisela zusammen einen Märchenroman geschrieben: "Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns". Christa Kozik, die für die DEFA mehrere Kinderfilme (u. a. "Philipp der Kleine", "Moritz in der Litfasssäule") und ein Hölderlin-Szenarium schrieb, entdeckte das Buch in der Bibliothek des Schlosses Wiepersdorf, wo Bettina mit Achim von Arnim lebte und begraben liegt. Die DDR-Autorin machte aus dem Buch einen Film, "Gritta von Rattenzuhausbeiuns". Ursprünglich für Kinder konzipiert, wurde er dann im allgemeinen Kinoprogramm für die ganze Familie eingesetzt.

Wäre diese "romantische Märchenkomödie für Jung und Alt" bei uns auf die Leinwand gekommen, könnte man fast vermuten, die Stoffwahl sei aus modischen Gründen wegen des Rattenmotivs erfolgt. Schließlich ist die Ratte ja als Haustier bei manchen Punks beliebt, und die haben ja manchmal auch etwas von heimlichen Romantikern an sich. Doch solch moderne Assoziationen liegen dem Film völlig fern. Der bleibt ganz in einer romantischen Phantasiewelt, was freilich Parteinahme für die Jungen nicht ausschließt. Als Grittas Freund, der Gänse hütet, einmal resigniert: "Kinder können die Welt nicht ändern, sie wissen zu wenig", hält das Schlossfräulein, das keine sozialen Vorurteile kennt, ihm entgegen: "Vielleicht gerade deshalb. Die Erwachsenen haben sich schon an alles gewöhnt, auch an das Böse und Schlechte!"

Das verfallene Grafenschloss macht dem Namen der Besitzer alle Ehre: Die Ratten fühlen sich dort wirklich zu Hause, sie kriechen aus allen Ecken. Ihr König trägt glitzernden Ohrschmuck und spricht sogar mit der Tochter des Hochgrafen, der mit ihr und einem alten Diener dort haust. Als Steckenpferd betreibt der Schlossherr Maschinenbau. Das technische Zeitalter wirft da skurril verfremdet seine Schatten voraus. Der liebenswerte Spinner hat schon eine Haferschneidemaschine erfunden und ist dabei, eine Thronrettungsmaschine, TRM 1848, für den König zu entwickeln. Hermann Beyer war für diese Figur schon durch frühere Rollen qualifiziert. Der Erfindungsreichtum des zum Regieren unfähigen sympathischen Außenseiters hat Gritta (Nadja Klier) auch bereits ein Fahrrad mit angebautem Segel beschert. Sonst aber reicht's bei der Armut nur zu Haferklößen als einziger Mahlzeit. Eine neue junge Stiefmutter, die Dame Nesselkrautia, sorgt schließlich dafür, dass Gritta in eine Klosterschule kommt. Dort wird die ihrer ganzen Umgebung überlegene junge Märchenheldin Zeugin finsterer Machenschaften zwischen der Äbtissin und Pekavus, dem Gouverneur des Königs. Sie entflieht mit einigen anderen Schülerinnen und schafft es, dass der böse Gouverneur, nachdem er sich schon selbst zum König gekrönt hatte, mit Hilfe der Thronrettungsmaschine ihres Vaters buchstäblich in die Luft befördert wird. Zum märchengemäß guten Ende nimmt der gerettete König Gritta als Beraterin in sein Kabinett auf.

In diese phantasievolle Geschichte hat Bettina von Arnim gewiss ihre eigenen Wunschträume projiziert. Im gleichen Jahr wie diesen Märchenroman, der auch eine Satire auf damalige Zustände darstellte, schrieb sie ja ihr Werk "Dies Buch gehört dem König": Ausdruck ihrer Illusionen über Friedrich Wilhelm IV. als möglichen demokratischen Monarchen trotz seiner reaktionären Umgebung am Berliner Hofe. Aus der Romantikerin war damals bereits eine sozialkritische Schriftstellerin geworden, die sich gegen Zensur, Untertanengeist und Todesstrafe engagierte und von politischen Gegnern sogar als Kommunistin verdächtigt wurde.

Der Film lässt solche historischen Überlegungen freilich ganz beiseite, will in erster Linie vergnüglich-ironisch unterhalten. Das hat der Regisseur und Kameramann Jürgen Brauer erreicht, wobei dem jungen Publikum mit Gritta auch eine emanzipatorische weibliche Identifikationsfigur präsentiert wird: ein Antimodell zur höfischen – heute könnte man auch sagen autoritären – Erziehung. Stefan Carow unterstützt den Spaß mit der Verwendung alter Volks- und Soldatenlieder in seiner ersten Filmmusik.

Heinz Kersten

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 82-3/2000 - Interview - "Kinder brauchen leise humanistische und poetische Botschaften"

 

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