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Ausgabe 23-3/1985

"Ich will gern sehen, was ich geschrieben habe"

Astrid Lindgren

(Interview zum Film RONJA, DIE RÄUBERTOCHTER)

Im Rahmen vom Filmfest München (22.-30.6.85) wurde im Kinderfilmprogramm neben fünf Münchner Erstaufführungen eine Retrospektive mit den schönsten Astrid Lindgren-Verfilmungen gezeigt, die zehn Filme umfasste. Anlässlich dieses Ereignisses kam die große alte Dame des Kinderbuchs – und des Kinderfilms – nach München, auch um den neuesten Film "Ronja Räubertochter" vorzustellen. Trotz ihres Alters von 78 Jahren hatte Astrid Lindgren die anstrengende Reise auf sich genommen, hat auf einer Pressekonferenz die Fragen der Journalisten und Kinderfilmfachleute souverän und witzig beantwortet und die der Kinder mit Geduld und Humor, Fragen, mit denen sie nach zwei Kindervorstellungen im Kino konfrontiert war, Fragen, die herzig-respektlos, putzig-naiv, interessiert-neugierig waren und die ganz offensichtlich auch Astrid Lindgren amüsierten, und schließlich gab sie mehrere Einzelinterviews, so auch dieses.

KJK: "Ronja Räubertochter" ist bei uns für dieses Festival in einer Sonderprüfung für Kinder ab 12 Jahren freigegeben worden. Halten Sie dies für gerechtfertigt?
Astrid Lindgren: "Ich finde das nicht gut. So lange sollen die Kinder nicht warten müssen, bis sie Ronja sehen dürfen. Ich will natürlich nicht die Kinder erschrecken, will nicht, dass ein Kind im Kino sitzt und Angst hat, will ihnen nicht schaden. In Schweden ist dieser Film ab 7 freigegeben und das halte ich für richtig."

Auf der einen Seite die absurde Beschränkung für "Ronja", und andererseits Fernsehen und Video, wo Kinder alles sehen können. Wie denken Sie darüber?
"Die Kinder können so viel Idiotisches, Schreckliches, Gefährliches im Fernsehen, Video, sehen. Wie man das bewältigen kann, weiß ich nicht, und wie man dieses Problem lösen will, weiß ich erst recht nicht ... Ich möchte nicht, dass Kinder zuviel fernsehen, wenn's übertrieben wird, ist es schädlich. Aber andererseits ist diese Entwicklung eine weltweite. Man kann es nicht aufhalten."

Meist war es so, dass Ihre Bücher verfilmt wurden, aber Sie haben auch fürs Fernsehen gearbeitet, woraus später Bücher entstanden sind, zum Beispiel 'Saltkrokan' und 'Rasmus'. Sie haben nichts gegen Fernsehen?
"Als 'Saltkrokan' im Fernsehen lief, waren die Straßen leergefegt in Schweden. Alle saßen vorm Fernseher, Kinder wie Erwachsene. Ich mache Kinderfilme, und ich hoffe, dass sie auch so gut sind, dass die Erwachsenen sie sehen wollen. Aber das Wichtigste ist, dass Kinder Bücher lesen, nicht nur fernsehen."

Wie ist die Auflagenentwicklung Ihrer Bücher, ist der Absatz in den letzten Jahren durch Fernsehen und Video beeinträchtigt worden?
"Nein, ich habe nicht den Eindruck, dass meine Bücher weniger gelesen werden. Fernsehen und Video ist mehr eine oberflächliche Erfahrung. Etwas ganz anderes ist es, wenn ein Kind allein mit seinem Buch ist. Es schafft sich eigene Bilder, und wenn die Bücher verfilmt worden sind, ist die Figur im Buch plötzlich wirklich."

Waren Sie von Anfang an damit einverstanden, dass Ihre Figuren wirklich, das heißt, dass Ihre Bücher verfilmt werden?
"Ja, ich bin damit einverstanden. Fast alle meine Bücher sind jetzt verfilmt worden. Das heißt aber nicht, dass ich, wenn ich ein Buch schreibe, an die Verfilmung denke. Das plane ich nicht. Aber es hat sich herausgestellt, dass Filme daraus werden. Ich will gern sehen, was ich geschrieben habe."

Wie ist Ihre Mitwirkung bei den Verfilmungen? Nehmen Sie Einfluss auf das Drehbuch, auf den Regisseur, auf die Schauspieler?
"Was ich unbedingt will: Ich will die Dialoge selber machen. Ich glaube, dass ich weiß, wie Kinder sprechen. Die Drehbücher sind Umarbeitungen meiner Bücher. In den letzten zwanzig Jahren habe ich die Drehbücher selber geschrieben, das heißt aber nicht, dass die Regisseure ohne Einfluss sind."

Greifen Sie bei den Dreharbeiten ein?
"Nein, ich bin nicht bei den Dreharbeiten dabei. Ich komme vielleicht mal mit einem Kuchen zu Besuch vorbei. Aber ich finde, wenn ich das Drehbuch fertig geschrieben habe, muss der Regisseur allein die Verantwortung übernehmen."

Wie eigenständig kann ein Regisseur sein, der ein Astrid-Lindgren-Drehbuch verfilmt?
"Meine Regisseure haben das Drehbuch. Und wenn sie etwas verändern wollen, fragen sie. Wenn sie aber ihre eigene Dichtung machen wollen, können sie das ruhig tun, aber nicht mit meinen Büchern."

Zurück zu unserer Frage von vorhin, nehmen Sie auch Einfluss auf die Auswahl der Schauspieler?
"Ich kann mitsprechen, aber ich tue es nicht allzu viel. Allein bei 'Pippi' und 'Michel' gab es eine enorm große Auswahl von Kindern, die das gern sein wollten. Das heißt, ich kann mich damit nicht beschäftigen. Aber wenn der Regisseur Zweifel hätte bei der Endauswahl, könnte ich mitentscheiden."

Waren immer die Figuren zu sehen, die Sie sich vorgestellt hatten?
"Es kann ein Kind aussehen wie 'Pippi', wie in unseren Köpfen. Und trotzdem können wir unglücklich mit ihr sein, wenn sie nicht agieren kann. Als Inger Nilsson kam, wussten wir alle: Das ist 'Pippi'. Und trotzdem blieb die Frage, kann sie es auch spielen? Sie konnte."

Wann sehen Sie den Film zum ersten Mal?
"Am Schneidetisch."

Und dann? Beeinflussen Sie den Schnitt, lassen Sie Szenen nachdrehen?
"In dieser Phase habe ich noch nie eingegriffen. Meistens sind die Filme fast so, wie ich sie mir gedacht habe. Ich finde vor allem, dass die Kinder herrlich gelungen sind. Wie zum Beispiel in diesem 'Ronja'-Film. Sie sieht genauso aus, wie sie aussehen soll."

Auffällig ist in Ihren Büchern und Filmen, dass die Kinder das Leben ohne Eltern sehr früh üben. Auch Ronja verlässt mit zwölf Jahren das Elternhaus, um ihren Vater zur Einsicht zu bringen. Es gelingt ihr und trotzdem bleibt sie nicht mehr für immer zu Hause. Warum?
"Ronja würde nicht zufrieden sein, wenn sie in Mattis' Burg bliebe, so als wäre nichts vorgefallen."

Glauben Sie, dass Kinder die Kraft haben, einen Erwachsenen zu ändern?
"Ja, falls es überhaupt möglich ist, einen Menschen zu ändern. Und wenn, ist es gut, dass es durch die Kinder geschieht."

Es gibt konservative Pädagogen, die Ihren Werken kritisch gegenüberstehen, gerade deshalb, weil Sie die Kinder sehr früh in die Selbstständigkeit entlassen. Stört Sie das?
"Pädagogen möchte ich gar nicht in meinen Filmen haben ... Kinderfilme müssen künstlerisch wahr sein. Ich habe das Gefühl, dass Kinder ein Recht auf künstlerische Erlebnisse haben."

Mit Astrid Lindgren sprachen Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel

 

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