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Ausgabe 27-3/1986

"Im Zweifelsfall immer für Chaos und Anarchie"

Egenolf & Jeske

(Interview zum Film JANOSCH'S TRAUMSTUNDE – Serie)

In einer Zeit, in der Zeichentrickfilme für Kinder eine rückläufige Tendenz hatten, gründeten Jürgen Egenolf und Uwe P. Jeske in Köln ihre Film- und Medienproduktion GmbH. Das war 1979. Jürgen Egenolf war nach seinem Germanistik- und Soziologiestudium als Journalist tätig, u. a. beim WDR und bei der Deutschen Welle. Uwe P. Jeske hatte ein Medizinstudium hinter sich, arbeitete im Buchhandel, kam über die Kinderladenbewegung zu Kinderbüchern, parallel dazu verfasste er in der Werbeabteilung bei Bayer Leverkusen medizinische Texte. Ihre Produktion begann mit 3-4-minütigen Beiträgen fürs "Sandmännchen", inzwischen haben Egenolf & Jeske die 13-teilige Serie "Janosch's Traumstunde" als bisher größtes Trickfilmprojekt des deutschen Fernsehens abgeschlossen.

KJK: Woher kommt Ihr Bezug zum Kinderfilm?
Egenolf: "Ich bin selber ein Kind! Ich glaube, dass meine Affinität daher kommt, dass ich gerne Blödsinn mache, dass ich im Zweifelsfall immer die frechste Formulierung wähle, im Zweifelsfall bin ich immer für Chaos und Anarchie – nicht für die Ordnung. Eins ist klar: Die Kinderfilme, die wir machen, sind in einem übertragenen Sinn sehr viel politischer als das, was mit dem Label 'politischer Dokumentarfilm' versehen ist."
Jeske: "Chaos und Anarchie, das muss man vielleicht etwas ausführlicher darlegen: Ich habe eine Tochter, die achtzehn ist, und einen Sohn, der ist drei. Die Tochter ist fast fertig mit der Schule, und sie ist wirklich fast fertig durch die Schule, und durch alles, was dort passiert. Man kann sich als Außenstehender gar nicht vorstellen, was Schule und Gesellschaft überhaupt einem Kind, einem Menschen antun. Ich habe festgestellt, dass die Leute, die mit der Schule fertig sind, im Grunde die gleiche Werteskala haben, wie die Gesellschaft sie auch hat, wie Herr Kohl zum Beispiel. Der einzige Unterschied: Herr Kohl sieht die Werteskala positiv, während die meisten Achtzehnjährigen die ganze Werteskala ins Negative verkehren, aber es sind die gleichen Werte. Man kann sagen, dass die Kinder in der Schule die Werte durch Pädagogen eingepflanzt bekommen, und dass sie dann anschließend die Freiheit haben, die Werte positiv oder negativ zu beurteilen. Alternativen werden nicht geboten."

Bietet nun Janosch die Alternativen?
Egenolf: "Janosch ist einer der wenigen, der Kinder insofern ernst nimmt, als er nicht eigens schreibt für sie, nicht betulich, nicht anbiedernd. Er ist auf ihrer Seite. Die Kinder merken sofort, dass das, was er schreibt, wahr ist, nichts Gelogenes, nichts Gekünsteltes, nichts Verstelltes, obwohl er nichts auslässt, denn bei ihm gibt es auch Krankheit, Betrug und Tod, er entwirft keine ideale Welt. Es gibt keinen, der besser schreibt."

Wie sind Sie zu Janosch gekommen?
Jeske: "Bevor wir Janosch bearbeitet haben, haben wir von Günther Bruno Fuchs 'Ein dicker Mann wandert' für den WDR verfilmt, eine subversive Kindergeschichte. Das war vor zehn Jahren. Wir haben das Buch total werkgetreu umgesetzt, sowohl vom Erscheinungsbild als auch vom Denken und vom Gefühl her. Janosch hat persönlich auch ein enges Verhältnis zu dem Berliner Autor. Wir haben ihm den Film gezeigt, und der nächste Schritt war 'Oh wie schön ist Panama'. Es gab vorher schon Leute, die versucht haben, Janosch im Film umzusetzen. Wir haben miteinander geredet, und wir haben produziert. Ihm hat's gut gefallen, und dann ging es weiter."

Hat Janosch eingegriffen in die Dreharbeiten, war er dabei?
Jeske: "Wir haben noch nie einen Autor getroffen, der sich in die Filmarbeit einmischt. Wenn die ein Buch fertig haben, ist das erledigt, dann kümmern die sich nicht mehr darum. Wenn es ein Film wird, kommt eine neue Qualität hinzu. Und wenn einer das Gefühl hat, wir können das gut, kümmert er sich nicht weiter drum."

Kaufen Sie die Rechte vom Autor direkt oder vom Verlag?
Egenolf: "Bisher hatte Janosch die Rechte. Jetzt liegen sie bei Diogenes, und wir müssen mit denen verhandeln. Das wird ruppig, wenn nicht gar unmöglich. – Über das Versagen der Kinderbuchverlage in Deutschland möchte ich mal etwas Grundsätzliches sagen: Wir haben immer gedacht, dass die Kinderbuchverlage eigentlich unsere natürlichen Verbündeten sein, das gleiche Interesse haben müssten wie wir – gute Bücher = gute Filme für Kinder. Und unter der Prämisse, dass niemand das Fernsehen wegdiskutieren möchte, müssten doch die Verlage ein Interesse daran haben, dass die Bücher werkgetreu umgesetzt werden und einen guten Sendeplatz bekommen. Aber es ist äußerst schwierig, an die Rechte zu kommen. Die Verlage haben zu viel Angst davor, dass Mist gemacht wird. Ist auch zu verstehen, denn es passieren ja unsägliche Dinge im Fernsehen, wie 'Heidi', 'Biene Maja'. Anfangs ist uns das Verhalten der Verlage ja noch verständlich gewesen. Aber jetzt, wo wir bewiesen haben, dass wir das können, bei Schlote zum Beispiel, Nöstlinger, Burmingham, Helmi Heine, Werner Maurer, ist's absolut unverständlich ..."

Von welchen Vorstellungen lassen Sie sich bei der Animationstechnik leiten?
Egenolf: "Wir entscheiden jeweils nach den vorliegenden Stoffen, auf welche Art das realisiert wird. Zum Beispiel 'Däumelinchen', das bietet sich als Bildergeschichte an, in einem gemächlichen Tempo, ein Märchen, in dem Freiräume geschaffen werden sollen, schon weil die Illustrationen sehr aufwändig sind, sehr detailfreudig. Bei einem anderen Stoff, zum Beispiel bei John Burmingham, entscheiden wir uns für eine teilanimierte Bildergeschichte. Dessen Art zu zeichnen, erfordert es, dass man die Animation nicht auf Folie macht, aber keine Voll-Animation, weil das Tempo seiner Geschichten nicht so hoch ist. Wir geben den Figuren, den Charakteren, das Tempo, das sie benötigen. Klarer wird es, wenn ich sage, was wir nicht wollen: die amerikanische Art, wo sich Animationen nur noch verselbständigen, wo es nur darum geht: Wer kann in einer Sekunde am meisten passieren lassen. Wir glauben, dass dieses Tempo, ganz abgesehen davon, dass es gewalttätig ist und inhaltlich schlecht, jedes Kind überfordert, und auch jeden Erwachsenen."
Jeske: "Das macht blind und taub, das ist zuviel."
Egenolf: "Uns geht es nicht nur um die Animation, sondern wir achten darauf, dass es nicht nur auf die Bewegung ankommt. Ein Film hat mehr Elemente, das beginnt mit den Hintergründen, wenn die aussagekräftig sind, muss sich nicht unbedingt etwas bewegen. Es gibt ja auch Geräusche und Musik, um andere Elemente zu nennen. Dann achten wir darauf, dass aus der Sprache des Erzählers, der Stimme, der Musik, der Geräusche, der Kameraarbeit, aus der Animation – aus all diesen Strängen der Film entsteht, und nicht nur aus der Animation."

Ihre Fernsehproduktion "Janosch's Traumstunde" sahen Sie selbst in Berlin zum ersten Mal im Kino. Wie empfanden Sie das?
Egenolf: "Wir haben eine Erfahrung gemacht, was Kino und Janosch und Zeichentrick angeht: Fürs Fernsehen produzieren wir fifty fifty, fürs Kino sind 85 Prozent fürs Bild, 15 Prozent für den Ton nötig. Wenn man Janosch für das Kino produziert, ist das eine ganz andere Geschichte als fürs Fernsehen, verlangt es auch eine ganz andere Produktion. Im Kino muss man nicht unbedingt mehr animieren, aber man muss das Wort wesentlich stärker ins Bild umsetzen, sonst bleibt das Wort einfach stehen und die Zuschauer, Erwachsene wie Kinder, steigen einfach aus. Wir hatten in Berlin ein Potpourri von drei Fernseh-Folgen, und das geht so nicht. Es war ein PR-Interesse vom WDR, und das Interesse vom Kinderfilmfest, dass ein deutscher Beitrag im Programm ist. Wir sind nicht gefragt worden, und wir waren überhaupt nicht damit zufrieden. Man macht seine Erfahrungen, kann etwas dazulernen. In Zukunft schauen wir uns Filme vorher auf der Leinwand an."

Würden Sie gerne Kinofilme für Kinder machen?
Jeske: "Gern. Einen mit Janosch, mit einer 1 1/2-Stunden-Dramaturgie. Er selbst hat auch Interesse daran. Wir wollen den 'Tiger und Bär' verfilmen, denn das sind die stärksten Figuren. Man kann bestimmte Episoden aus den Büchern nehmen, aber ein Teil muss neu geschrieben werden."

Wie sehen Sie die Situation des bundesdeutschen Kinderfilms?
Egenolf: "Allein das Wort 'Kinderfilm' halbiert jeden Etat – total absurd, als würden Kinderfilme nur halb soviel kosten, als wären beim Kinderfilm Porto, Telefon, Verwaltungskosten nur halb so hoch. Aber auch die staatliche Förderung ist so. Es gibt für Kinderfilm winzige Etats, ein Unding. Dadurch, dass wenig Geld da ist, entstehen schlechtere Filme, und wer den Zusammenhang zwischen Qualität und Etat leugnet, ist betriebsblind. Für Kinder wird einfach viel zu wenig getan ..."

Das Gespräch führten Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel

 

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