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Ausgabe 92-4/2002

DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER – 2002

DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER – 2002

Produktion: Bavaria Filmverleih- und Produktions GmbH / Lunaris GmbH / ZDF; Deutschland 2002 – Regie: Tomy Wigand – Buch: Henriette Piper, Hermine Kunka, Franziska Buch, nach dem Roman von Erich Kästner – Kamera: Peter von Haller – Schnitt: Christian Nauheimer – Musik: Niki Reiser, Biber Gullatz (Songs), Moritz Freise – Darsteller: Ulrich Noethen (Dr. Justus Bökh), Sebastian Koch (Bob Uthofft, der Nichtraucher), Piet Klocke (Kreuzkamm senior), Anja Kling (Kathrin), Hauke Diekamp (Jonathan Trotz), Teresa Vilsmaier (Mona Egerland), Philipp Peters-Arnolds (Martin Thaler), Hans Broich Wuttke (Uli von Simmern), François Göske (Kreuzkamm junior), Frederick Lau (Matz Selbmann) u. a. – Länge: 104 Min. – Farbe – Verleih: Constantin – Altersempfehlung: ab 8 J.

Frei nach dem Roman für Kinder hat Regisseur Tomy Wigand ("Fußball ist unser Leben") die Schulgeschichte von Erich Kästner inszeniert. Wie die anderen Wiederverfilmungen ist auch "Das fliegende Klassenzimmer" in die heutige Zeit transferiert worden und das – soviel sei schon vorweg genommen – auf berührende wie überzeugende Weise.

Für den zwölfjährigen Jonathan ist das Internat der Thomaner – des weltberühmten Knabenchors – die letzte Chance, irgendwann das Abitur zu erlangen. Nach sechs Schulverweisen glaubt er zwar selbst nicht mehr daran und reist deshalb ohne große Erwartungen nach Leipzig. Die beste Voraussetzung, um überrascht werden zu können. Das beginnt schon mit der Zimmergemeinschaft. Da sind Martin der Kluge, Uli von Simmern der Kleine, Matz der Starke und Kreuzkamm junior der Gewitzte. Sie nehmen Jonathan nebst Hündchen vorurteilsfrei auf. Schon bald sind sie eine verschworene Clique, die sich in einem abgestellten Eisenbahnwaggon im Nichtraucherabteil trifft, um Pläne für den traditionellen Kampf mit den Externen zu schmieden. Eines Tages stellen sie fest, dass es einen Bewohner gibt, der offenbar ältere Rechte an dem Domizil hat. Bob Uthofft heißt der, von den Jungs Nichtraucher genannt, den eine geheimnisvolle Aura umgibt. Auch Chorleiter Dr. Justus Bökh ist ein besonderer Mensch. Von seiner Toleranz und seinem Verständnis für ihre Gefühlslagen sind die Jungs immer wieder tief beeindruckt. Kurios hingegen wirkt der Direktor Kreuzkamm, der die witzigsten Dinge im Unterricht wie privat von sich gibt, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

Es ist Winter, der erste Schnee ist gefallen und die Fernsehaufzeichnung des Bach'schen Weihnachtsoratoriums in der Thomaskirche steht auf dem Programm. Doch wer fehlt, sind die Knabenstimmen und was fehlt, sind die Noten, denn Kreuzkamm junior samt Notenmaterial ist von den Externen entführt worden. Die Aufzeichnung droht zu platzen. In letzter Sekunde gesellen sich die vom Kampf gezeichneten Knaben zu den Sängern. Für Jonathan ist klar: Sein Gastspiel in diesem Internat ist damit beendet. Und auch die anderen sehen schwarz für ihre Zukunft. Wieder ist es Dr. Bökh, der alle überrascht. So erfahren die Jungs von seiner Vergangenheit in diesem Internat zu DDR-Zeiten, von seinem Freund, der in den Westen gegangen und nie wieder aufgetaucht ist und was es mit dem Theaterstück "Das fliegende Klassenzimmer", das die Jungen im Waggon gefunden haben, auf sich hat. Es passiert noch viel, bis jeder einem glücklichen Weihnachtsfest entgegensehen kann.

Nach den drei erfolgreichen Remakes "Charlie und Louise – Das doppelte Lottchen" (1994), "Pünktchen und Anton" (1998), "Emil und die Detektive" (2000) hat die Bavaria nun den vierten Kästner-Roman für Kinder verfilmt. Die von Freundschaft, Solidarität und Humanität geprägte Jungengeschichte funktioniert heute wie damals vor siebzig Jahren, als Kästner sie schrieb. Und Kästners Sätze aus dem Roman-Vorwort sind dem neuen Film als Motto vorangestellt: "Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können. Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert."

Der Regisseur Tomy Wigand (Jahrgang 1952) hat seine Jugend nicht vergessen und er hat seinen Kästner gelesen (auch gesehen, davon mehr im Interview, das in der nächsten KJK-Ausgabe erscheint). Ganz im Sinne von Erich Kästner hat er die Geschichte aus heutiger Sicht inszeniert. Dabei kommt er ohne das neuerdings im Kinderfilm beliebte elektronische Zubehör aus, das als Maßstab für die Intelligenz der handelnden Kinder herhalten muss. Kräfte messen, Angst überwinden, Einsamkeit aushalten, Gefühle zeigen – das sind die Schritte auf dem Weg ins Leben, die im "Fliegenden Klassenzimmer" unsentimental und schnörkellos, umso mehr zu Herzen gehend dargestellt sind. Eine überzeugende Ensemble-Arbeit der Kinder wie der erwachsenen Schauspieler, allen voran Ulrich Noethen als Dr. Justus Bökh. Lediglich das Mädchen Mona, als Anführerin der Externen eine neue Figur, fällt aus dem Filmkonzept heraus. Der Gedanke, der dahinter stehen mag, nämlich Jungen und Mädchen gleichermaßen anzusprechen, erübrigt sich bei diesem Film, dessen spannende Geschichte sowieso alle erreicht. Die andere neue Idee hingegen – die Kästner'sche Internatsgeschichte um eine musikalische Dimension zu erweitern – erweist sich als äußerst geglückt.

Tiefe Humanität und intelligenter Spaß, laute und leise (Zwischen)Töne, Rückblenden in die ostdeutsche Geschichte und Einblicke in die Seelen der Erwachsenen machen diesen Film zu einem großen Erlebnis für Kinder und alle Erwachsenen, die ihre Kindheit nicht vergessen haben.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 93-4/2003 - Interview - "Emotion ist mir total wichtig"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER – 2002 im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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