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Ausgabe 34-2/1988

KENNY

THE KID BROTHER

Produktion: Kinema Amerika Co. Ltd. c/o Frankfurt, Garbus, Klein & Selz, USA / Kanada / Japan 1987 – Regie und Drehbuch: Claude Gagnon – Kamera: Yudai Kato – Schnitt: André Corriveau – Ton: Russel Fager – Musik: François Dompierre – Titelsong: Daniel Lavoie – Darsteller: Kenny Easterday, Caitlin Clarke, Liane Curtis, Zack Grenier, Jesse Easterday jr. u. a. – Laufzeit: 95 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Aska Film International Inc., 1600, de Lorimier suite 220, Montreal, CAN-Québec H2K 3W5 – Auszeichnungen: Grand Prix des Amériques, Internatonales Filmfestival Montreal 1987; CIFEJ-Preis, Kinderfilmfest/Internationale Filmfestspiele Berlin 1988 – Besondere Empfehlungen: UNICEF Japan; Japanisches Erziehungsministerium; Japanischer Verband behinderter Kinder

Zu den eindrucksvollsten Filmen des Kinderfilmfestes in Berlin 1988 zählte der Film "Kenny" von Claude Gagnon: die Geschichte eines 13-jährigen Jungen, der ohne Beine auf die Welt gekommen und trotzdem in der Lage ist, sich genauso schnell zu bewegen, wie ein "normales" Kind, nur eben anders. Kenny Easterday, der mit seiner Familie in Pittsburgh lebt, verbringt seine Freizeit wie viele andere Kinder auch – und dennoch ist er ihnen nicht gleich. Dem Zuschauer ergeht es zunächst ähnlich wie Kennys Mutter, die sich an ihre Gefühle erinnert, als sie mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass ihr Kind schwer behindert ist: "Anfangs konnte ich ihn nicht anfassen. Mein Mann musste das Nötigste für ihn tun. Doch eines Tages – mein Mann war nicht da – stand er im Bett und streckte mir die Arme entgegen. Ich dachte: Oh Gott, das ist mein Baby!"

Auch der Zuschauer braucht Zeit, um den Anblick eines Menschen ohne Beine und ohne Unterleib zu ertragen. Dabei wird Kenny weder bedauert noch idealisiert, sondern so gezeigt, wie er ist. Ein Junge, der mit seiner Behinderung lebt, der gelernt hat, sich mit außergewöhnlicher Selbstverständlichkeit mit den Händen und seinem Rumpf fortzubewegen, und der es ablehnt, Prothesen zu tragen, die ihn erst zu einem Behinderten machen. Er fühlt, dass dieses Gehgestell nur den Mitmenschen etwas nützt, weil sie dadurch vor seinem Anblick bewahrt würden: "Ich will aber nicht so aussehen, ich will sein, wie ich bin – sie werden sich schon an mich gewöhnen!"

So wie die Mutter langsam gelernt hat, den Jungen anzunehmen, lernt der Zuschauer das in gleicher Weise. Und Kennys Spontaneität und Selbstsicherheit machen es leicht, sich mit ihm zu beschäftigen. Je näher man Kenny kennen lernt, wie er unbekümmert und lebenslustig, aber auch traurig und nachdenklich sein kann, umso weiter tritt die Körperbehinderung zurück, wird unwichtig. Dass Menschsein mehr ist, als einen gesunden Körper zu haben, macht dieser Film auf eindringliche Weise deutlich.

Das Stilmittel "Film im Film" – hier kommt ein TV-Team in das Haus der Familie Easterday – steht für den Medienrummel, der um Kenny entstanden ist, und drückt zugleich eine kritische Reflexion des Filmemachers aus, der sich einer gewissen Zwiespältigkeit bewusst ist. Die Handlung des Films ist aus Kennys Leben gegriffen und geht intensiv auf seine Beziehungen zur Umwelt, zu seinen Eltern (die hier durch sehr authentisch wirkende Schauspieler verkörpert werden) und Geschwistern ein, wobei der Konflikt mit der Schwester, die die größten Schwierigkeiten hatte, mit Kenny zurechtzukommen, dramatisch verdichtet wird.

Gagnons Film hat bei den Easterdays selbst zu Veränderungen geführt. Die Familie ist in ein neues Haus gezogen, der Vater – vorher mehrere Jahre arbeitslos und daheim für Kenny sorgend – hat eine Stelle als Mechaniker angenommen, die Mutter arbeitet als Altenpflegerin in einem Heim.

"Kenny" ist ein Beispiel dafür, wie beeindruckend Kinderfilm sein kann, wenn Themen aufgegriffen und ästhetisch gestaltet werden, die sonst in einem für Kinder gedachten Programm nicht zu finden sind, wenn den Kindern etwas zugetraut wird. Dieser Film bewegt die Menschen, Behinderte wie Nichtbehinderte, und leistet einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Behinderten.

Hans Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 34-2/1988 - Kinder-Film-Kritik - Kenny
KJK 34-2/1988 - Interview - Mut zum Außerordentlichen

 

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