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Ausgabe 34-2/1988

Mut zum Außerordentlichen

Ein Gespräch mit dem Regisseur Claude Gagnon über seinen Film "Kenny – The Kid Brother"

(Interview zum Film KENNY)

Ein gewaltiger Mann. Bärtig, langhaarig mit Pferdeschwanz, breit in den Schultern ist er: Claude Gagnon spielt leidenschaftlich gerne Eishockey. Er trainiert sogar eine Mannschaft. Nur dürfte ihm seit ein paar Monaten die Zeit für seine sicherlich kraftvollen und entspannenden Läufe auf kanadischem Eis fehlen. Seit Claude Gagnon im letzten Jahr den "Grand Prix des Amériques" beim Filmfest in Montreal gewann, ist er kaum zur Ruhe gekommen. Hauptberuflich ist der 37-jährige Gagnon nämlich Regisseur. Und zwar ein leidenschaftlicher. Das honorierte u. a. auch die Jury des diesjährigen "Berlinale-Kinderfilmfests": Prompt bekam er den Preis des Internationalen Kinder- und Jugendfilmzentrums (CIFEJ).

Vom Erfolg seines Films "Kenny – The Kid Brother" war Claude Gagnon allerdings selbst überrascht. In über 22 Länder, darunter Spanien, Italien und die Türkei, wurden bereits die Rechte an Gagnons Opus verkauft. Der Vertrag für den deutschsprachigen Raum wurde ebenfalls vor kurzem unterzeichnet.

"Wir waren auf diesen Erfolg nicht vorbereitet. Kaum hatten wir den Preis bekommen, kam die Resonanz aus der ganzen Welt: Telexe, Anrufe, all das. Viele Interviews außerdem."

Tatsächlich, die Welt lief und läuft Sturm auf seinen Film über ein behindertes Kind. Denn "Kenny", so heißt der 13-jährige Hauptdarsteller seiner preisgekrönten Produktion, existiert körperlich nur zur Hälfte: Er hat keine Beine, läuft auf den Händen. Gagnons Film entwirft das Psychogramm von Kennys Alltag. Und damit das Bild eines Jungen, der seine Behinderung derart souverän meistert, dass es Staunen macht:

"Kenny ist auch stolz. Ich weiß, es klingt lächerlich, aber er ist einmalig in der Welt. Klar, da gibt es Zeiten, da möchte er raus rennen und mit den Freunden Fußball spielen, wie jeder andere auch. Aber es gibt ebenso diese Momente, in denen er sich sehr, sehr wohl fühlt. Er ist sich sicher, dass nicht viele das hätten tun können, was er tat."

Der Film "Kenny" hat Menschen beeindruckt, hat etwas in ihnen ausgelöst, hat sie zum Weinen gebracht. Der 13-jährige körperbehinderte Hauptdarsteller strahlt Zuversicht aus. Er bewegt sich in dieser Welt, als gäbe es keine gesellschaftlichen Ausgrenzungen, keine soziale Sanktionierung für ein derartiges "Anderssein". Dieser Teenager ist sicher, dass er ein Recht hat zu existieren wie jeder andere und zwar so, wie er das will – zum Beispiel ohne Prothesen.

Claude Gagnon weiß an diesem Punkt die Geschichte einer Läuterung zu erzählen: "Da war diese wunderbare Dame auf dem Montreal-Festival. Zunächst sieht sie Kenny in der Vorhalle des Hotels, der springt dort herum, spielt mit meinen Kindern. Diese Dame sieht ihn und beschwert sich: Wie können sie erlauben, dass dieses Kind hier einfach so herumläuft? Das ist schockierend, das müsste verboten werden! ... Diese Dame wusste nicht, dass sie kurze Zeit später im Kino sitzen würde und sich diesen Jungen noch wesentlich länger anschauen sollte. Als sie ihn auf der Leinwand sieht, ist sie natürlich wieder schockiert. Später geht sie zusammen mit ihren Freundinnen aus dem Filmtheater. Wieder läuft Kenny herum ... diesmal sind die Freundinnen entsetzt. Doch die Lady beruhigt sie: Das sei schon in Ordnung – das ist unser wunderbarer Kenny, kommentiert sie und fordert die Freundinnen auf, mit ihm zu reden. Auch sie selbst geht zu ihm und fragt ihn, ob sie ihn umarmen dürfe ... Das war wunderbar für mich."

Nun war für Claude Gagnon die ganze Frage der Produktion nicht von Anfang an klar und "wunderbar". Es hat ihn viele schlaflose Nächte gekostet, ehe er sich an das Thema wagte, das ihm sein japanischer Produzent vorgeschlagen hatte. Er besaß selbst schon einige Erfahrungen in dem Metier, hatte er doch bereits zwei Filme in Japan gedreht, die behinderte Kinder ins Zentrum der Handlung stellten. Kijoshi Fujimoto engagiert sich seit geraumer Zeit für die Sache behinderter Kinder in Japan. So war es kein Wunder, dass er, angeregt durch eine japanische Fernsehdokumentation über "Kenny", in die USA jettete, um dort umgehend einen Vertrag mit der Familie des Jungen zu machen. Allerdings: Noch war kein Regisseur in Aussicht und offensichtlich kam auch kein japanischer in Frage: Die meisten wagten sich entweder nicht an das Thema heran oder hatten Schwierigkeiten, sensibel in der amerikanischen Sprache zu kommunizieren.

Claude Gagnon meint lachend, dass er sich in dieser Situation wirklich als einzige Möglichkeit anbot. Immerhin hatte er zehn Jahre in Japan gelebt, kannte die japanischen Verhältnisse, wusste also auch, wie ein Film im Lande des Fujijama zu präsentieren ist. Andererseits sprach er, als geborener Kanadier, die Sprache, die man im Midwest, genauer in Pittsburgh, Kennys Heimat, spricht. Dennoch – Gagnon hatte anfangs einige Ängste, die ihm Kopfschmerzen bereiteten:

"Bei der ersten Begegnung mit dem Produzenten hatte ich noch gesagt: Nein, so einen Film drehe ich nicht. Doch dann bekam ich die Fotos von Kenny, ebenso die Dokumentarfilme über ihn. Ich schaute sie an und sagte zu mir: Oh, was für ein großartiges Gesicht! Aber ich wollte immer noch nicht ... Ich kämpfte mit dieser Idee. Ich konnte nicht schlafen. Ich provozierte mich immer wieder: Aha, du hast Angst! Zudem meinten meine Freunde, ich sei verrückt, ich solle das Thema lassen. Dann sah ich immer wieder diese großen Augen ... Schließlich wollte ich Kenny treffen. Und als ich ihn dann zum ersten Male sah, war es klar: Whow, mit dem mache ich einen Film."

Es war zwar nicht so, dass Kenny keine Erfahrungen mit dem Medium Film gehabt hätte, im Gegenteil. Immer wieder waren TV-Crews in Pittsburgh aufgetaucht und hatten ihn zum Mittelpunkt ihrer Dokumentarfilme gemacht. Doch schaut man sich diese Filme an, kann wohl kaum die Rede davon sein, dass ihm die "action" Spaß gemacht hätte. So kam es wohl auch, dass Kennys Familie, die Easterdays, bereits im Vorfeld der Produktion Gagnon darum bat, sie doch bitte endlich einmal authentisch abzubilden: mit all ihren Schwierigkeiten und Streitereien, auch mit all ihrem Spaß, den sie zweifellos zusammen haben.

Diese Familie muss überhaupt die Ursache dafür sein, dass der behinderte Kenny sich mit einer derartigen Ruhe und Sicherheit bewegen kann. "Was Kenny so ausgeglichen macht, ist die Art, wie seine Eltern ihn lieben, ihn unterstützen. Sie sind ganz und gar nicht übermäßig besorgt um ihn. Der Vater ist ein ziemlich rauer Arbeiter, aber gleichzeitig kann er seinen Sohn vollkommen zärtlich in die Arme nehmen und ihn hätscheln. Das ist selten, wirklich selten." Gagnon betont, dass er gar nicht darauf aus war, einen Film über die Behinderung Kennys zu drehen, ihn interessierte zuerst die Familie: "Wie wurde Kenny so, wie er ist? Durch Menschen, die ihn unterstützen. Aber ihn auch seine eigenen Dinge tun ließen."

Das ist es wohl, was diesen Film für viele Menschen so wichtig macht, was ihm eine derartige Resonanz verschafft. Aus aller Welt erreichen Kenny Briefe – Liebesbriefe, Dankesbriefe, oftmals von behinderten Kindern: "Weißt Du, ich wollte sterben, ich hatte die Hoffnung aufgegeben – da sah ich Deinen Film. Jetzt habe ich wieder Mut. Ich will leben."

Wenn der Film "Kenny" im Frühjahr 1989 (atlas film + av hat den Verleih für die BRD übernommen) in den deutschen Kinos anläuft, darf man gespannt sein, ob die Verantwortlichen des hiesigen Verleihs in der Lage sind, dem Beispiel ihrer internationalen Kollegen zu folgen: Die meisten von denen stimmten nämlich dem Plan von Produzent Fujimoto und Regisseur Gagnon zu, einen Teil der durch "Kenny" eingespielten Summe für Behinderte und ihre Organisationen zur Verfügung zu stellen.

Detlef Berentzen

Bio-Filmografie Claude Gagnon

Geboren 1949 in St. Hyacinthe (Québec) – 1970 verlässt er Kanada und lebt bis 1979 in Japan. Zwischen 1974 und 1977 realisiert er seine ersten 16mm-Filme und übernimmt Rollen in zwei japanischen Spielfilmen. 1978 entsteht sein erster Spielfilm "Keiko", ein Jahr später kehrt er nach Québec zurück und gründet eine eigene Produktionsfirma.

1974 "Essai Filmique sur musique Japonaise" (Kurz-Experimentalfilm)
1976 "Geinin" (Dokumentarfilm)
1977 "Yui to hi" (Kurz-Dokumentarfilm)
1978 "Keiko"
1982 "Larose, Pierrot, La Luge"
1985 "Visage Pale"
1987 "The Kid Brother" ("Kenny")

 

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