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Ausgabe 37-1/1989

JULIANA

JULIANA

Produktion: Grupo Chaski, in Kooperation mit der Redaktion 'Kleine Reihen' im ZDF und EZEF (Evangelisches Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit), Peru / BRD 1988 – Regie, Drehbuch, Kamera: Grupo Chaski – Musik: Pepe Bárcenas – Darsteller: Maria-Isabel Morfino (Juliana) u. a. – Laufzeit: 90 Min. – Farbe – 16mm-Verleih: EZEF/Matthias (dt. Fassung und OF mit dt. Untertiteln) – ZDF-Ausstrahlung Oktober 1989

Dokumentarischer Spielfilm – Juliana lebt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in den Slums am Rande von Lima. Die Mutter verdient auf dem Markt durch Verkäufe den Lebensunterhalt für die Familie, doch der Freund vertrinkt das meiste Geld wieder und wird im betrunkenen Zustand gewalttätig gegen sie. Alltag in den Barriadas – kennen gelernt haben wir ihn bereits im Film "Gregorio" der Grupo Chaski. Auch "Juliana", ihr neuester Film, setzt sich mit den Lebensbedingungen in der peruanischen Hauptstadt auseinander – diesmal aus der Sicht eines Mädchens. Juliana hält das Leben zu Hause nicht mehr aus und will fort. Weil sie ein Mädchen ist, findet sie in der Kinderbande, zu der ihr Bruder gehört, keine Aufnahme. So beschließt Juliana, sich als Junge zu verkleiden und findet Zutritt. Angeführt wird die Bande von einem älteren Mann, der ihnen beibringt, wie Almosen zu erbetteln sind. Als Belohnung dafür, dass er ihnen ein Dach über dem Kopf bietet, müssen sie ihr vor allem durch Singen in Bussen erbetteltes Geld bei ihm abliefern. Wenn das "Soll" nicht stimmt, geht er entsprechend hart mit ihnen um. Eines Tages fliegt auf, dass Juliana ein Mädchen ist. Der Chef der Kinderbande will Juliana und ihren Bruder zur Rechenschaft ziehen, doch Juliana wehrt sich und in der Folge fast alle Jungen der Bande. In einem alten gestrandeten Schiff am Meer finden sie eine neue Unterkunft.

Die Darsteller sind, bis auf die Figur des alten Mannes, Laien. Wie schon "Gregorio", enthält auch "Juliana" biografische Elemente der Schauspieler und stellt insofern eine Mischform von Dokumentar- und Spielfilm dar. Doch der Übergang von Spiel zu Dokument ist fließend; selbst wenn die Kinder "spielen", ist es doch immer ihre Geschichte – eine Geschichte aus einer Welt, in der Gewalt und Armut herrschen, in der die Familie jegliche Verbindlichkeit verloren hat, in der Kinder von klein an Geld verdienen müssen und in der die Erwachsenen keine Kraft mehr haben, ihren eigenen Kindern Geborgenheit zu geben, weil sich ihre Energie im harten Existenzkampf verzehrt.

Diese Welt, in der die Menschen kaum eine Möglichkeit haben, ihre Situation positiv zu verändern, in der also ihr Handlungs-Spielraum eingeschränkt ist, hat im Film eine Entsprechung in der Abgeschlossenheit der Räume, in denen überwiegend gedreht wurde: Der Raum, in dem die Kinder essen und schlafen, in dem sich vieles abspielt, trägt fast gefängnishafte Züge. In dieser Enge stellt aber die Außenwelt keinen eigentlichen Frei-Raum dar, denn die Alternative ist meist nur die harte Arbeit in den – wiederum engen – Bussen und später das Leben im Schiffswrack. Die Brutalität der Lebensbedingungen spiegelt sich auch im Verhältnis zur Sexualität. Juliana bekommt dies in besonderer Weise zu spüren, als die Jungen der Bande mit ihr – als Julian – Pornohefte ansehen wollen. Doch Juliana zieht sich, zur Verwunderung ihrer Freunde, zurück und nimmt zur Kenntnis, wie bereits die Jungen Frauen zu Objekten machen – eine Sichtweise, die ihr aus der Beziehung zwischen der Mutter und deren Liebhaber so schmerzlich vertraut ist.

Die Lebenserfahrung dieser Menschen, von der der Film erzählt, drückt sich auch im nonverbalen Bereich aus. Sie äußert sich z. B. in den rauen, unverwechselbaren Stimmen (weshalb es neben der synchronisierten auch eine untertitelte Fassung geben wird). Und schließlich ist sie in den ausgeprägten Gesichtern selbst abzulesen, die in beeindruckenden Bildern unter Ausnutzung der vorhandenen Lichtverhältnisse von der ruhig geführten Kamera festgehalten wurden.

In Havanna beim "Festival des lateinamerikanischen Films", wo 1988 die Uraufführung stattfand, wurde "Juliana" begeistert aufgenommen. Das deutsche Publikum wird ihn erstmals auf der Berlinale 1989 sehen können. Für europäische Sehgewohnheiten wird manches fremd erscheinen. Sicher ist Juliana mit ihrem vitalen Wesen, all ihren Hoffnungen und Träumen von einem anderen Leben eine Identifikationsfigur. Aber diese Welt, in der jeder Mensch mit seinem Überlebenskampf auf sich gestellt ist, seinen Hoffnungen und Träumen allein bleibt, trägt leidvolle Züge. Die Vision von einem schöneren Leben – dargestellt in farbenprächtigen Bildern – wird in der letzten Einstellung des Films zurückgeholt auf den Boden der Realität: Juliana steht am Fenster des Schiffswracks – sie hatte gerade geträumt.

Justine Klein

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 67-1/1996 - Hintergrund - Eine peruanische Trilogie:
KJK 39-1/1989 - Kinder-Film-Kritik - Juliana
KJK 33-1/1988 - Interview - "Meldeläufer" mit authentischen Botschaften

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.JULIANA im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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