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Ausgabe 42-2/1990

"Ich mache Filme, um den Menschen zu helfen, sich gegenseitig besser zu verstehen"

Gespräch mit Abbas Kiarostami

(Interview zum Film WO IST DAS HAUS MEINES FREUNDES?)

KJK: "Wo ist das Haus meines Freundes?" ist der erste Film, den ich von Ihnen gesehen habe. Wie lässt sich Ihre bisherige Filmarbeit umschreiben?
Abbas Kiarostami: "Filme mache ich seit 20 Jahren. In dieser Zeit habe ich rund 20 Filme gedreht. Die meisten Filme habe ich mit Kindern und über sie gemacht. Ich sehe meine Filme als Beiträge, die helfen sollen, das Problem der Missverständnisse zwischen den Menschen zu lösen. Denn das Problem der Menschheit heutzutage ist das Problem der Kommunikation, der Verständigung. Wir sprechen miteinander, wir hören einander zu, aber wir verstehen uns nicht wirklich. Ich mache Filme, um den Menschen zu helfen, sich gegenseitig besser zu verstehen."

Kinder bedeuten die Fortsetzung des Lebens, weisen in die Zukunft, geben zu Hoffnung Anlass. Ist dies der Grund, weshalb Sie sich in Ihren Filmen so viel mit Kindern beschäftigen?
"Ich begann mit meiner Filmarbeit beim 'Institut für intellektuelle Entwicklung von Kindern und jungen Erwachsenen', das dem Erziehungsministerium unterstellt ist und das auch den Film 'Wo ist das Haus meines Freundes?' produziert hat. Am Anfang musste ich Filme über Kinder drehen, weil ich für dieses Institut gearbeitet habe. Die Beschäftigung mit den Kindern und die Arbeit für dieses Institut gaben mir einerseits die Fähigkeiten, mit solchen Themen umgehen zu können, andererseits die Freiheit, mich nicht um Budgets, Feedbacks oder das Einspielen des Geldes sorgen zu müssen. So konnte ich machen, was ich wollte. Nach einigen Jahren wurde ich ein Spezialist in der Arbeit mit Kindern. Abgesehen davon bin ich mit Ihnen einverstanden: Kinder sind für mich Hoffnung und Zukunft. Deshalb bin ich dem Thema, der Arbeit mit den Kindern, treu geblieben."

In Ihrem Film "Wo ist das Haus meines Freundes?" bin ich vielen Symbolen begegnet, die ich als Aussagen, als Kommentare zur iranischen Kultur und Gesellschaft lese. Da ist etwa das Rennen, die ständige Bewegung, was sich als starkes Element auch in anderen iranischen Filmen findet, die ich gesehen habe. In Ihrem Film rennt der Junge hin und her und nicht in einer klaren, entschiedenen Richtung. Eindrücklich ist das Bild mit dem Hügel und dem Baum. Wie darf ich das Zick-Zack-Rennen des Jungen den Hügel hinaus lesen?
"Was meinen Film angeht, beabsichtige ich nicht, symbolische Filme zu machen. Das Wichtigste ist, dass die Wirklichkeit erfasst wird. Sollten sich aber Symbole ergeben, so mag ich das. Aber es ist nicht meine Absicht, zuerst Symbole zu suchen. Und was das Hin- und-Her-Rennen von Ahmad in meinem Film betrifft: Zwischen den zwei Dörfern liegt ein Hügel. Zuoberst auf dem Hügel haben wir einen Baum, das Zeichen der Freundschaft, gepflanzt. Das Zick-Zack-Rennen den Hügel hinauf steht für die Schwierigkeiten auf dem Weg zum Ziel, das man erreichen will.
Wenn Sie über das Motiv 'Rennen' in verschiedenen iranischen Filmen reden, so möchte ich zunächst sagen, dass jeder für sein eigenes Rennen verantwortlich ist. Persönlich glaube ich, dass es einen Grund dafür gibt, weshalb es auch in anderen Filmen Szenen gibt, in denen Menschen rennen. Das Herumrennen ist grundsätzlich. Es ist nicht Rennen, sondern ein Herumrennen, ein Sich-Abmühen von morgens bis abends, so dass wir manchmal nicht einmal die Chance haben, herauszufinden, was der Sinn dieses Herumrennens ist. Ich weiß nicht, ob das Rennen in anderen Filmen nur diese Bedeutung hat. In meinem Film hat das Herumrennen einen Zweck und es ist nicht erfolglos. Da ist ein kleiner Unterschied zwischen meinem Rennen und dem Rennen anderer. Mein Rennen kommt, wie ich glaube, zu einem guten Abschluss. Aber in allen iranischen, d. h. östlichen Filmen ist es das Suchen nach einem Lebensunterhalt. Rennen ist ein Werkzeug zum Überleben. In der persischen Sprache gibt es das Wort 'davandegi', was rennen heißt. 'Davandegi' bedeutet sich anstrengen, sich für irgend etwas einsetzen, und das heißt bei uns rennen. Rennen impliziert einen Anfang und ein Ziel, 'davandegi' aber ist das Rennen an sich, ohne Anfang und Ziel, auch ohne Erfolg. Was Sisyphus mit dem Stein versucht, das ist 'davandegi'."

Sie haben gesagt, Sie hätten den Baum als Zeichen der Freundschaft zuoberst auf den Hügel gepflanzt. Warum ein Baum?
"In unserer Dichtung ist der Baum ein Zeichen für Freundschaft. Ich habe das Symbol Baum für meinen Film unseren Gedichten entnommen."

Auf der Suche nach dem Haus seines Freundes kommt Ahmad zu einem auffällig platzierten toten Baum. Ein Mann sagt ihm, wir haben viele tote Bäume. Ist das Ihr Kommentar zur Situation in Ihrem Land?
"Ich habe diesen toten Baum absichtlich hingestellt. Wenn wir das erste Symbol, den lebenden Baum, als Zeichen der Freundschaft verstehen, so ist dieser verdorrte Baum das Gegenteil davon. Wer einen toten Baum sieht, fühlt Sehnsucht, Trauer und Schmerz. Angesprochen ist damit der Tod von Freundschaften. Wir haben viele tote Bäume will sagen, dass wir dem Tod vieler Freundschaften ins Gesicht schauen mussten."

Die Nacht bricht herein, Ahmad hat das Haus seines Freundes noch immer nicht gefunden. Da begegnet er einem alten Mann, der erste und einzige Mensch in Ihrem Film, der dem Jungen zuhört, der ihm wirklich helfen will, das Haus seines Freundes zu finden. Ist es wichtig, dass dieser alte Mann Schreiner ist?
"Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, weshalb ich im Drehbuch einen Schreiner vorgesehen habe. Gegenüber solchen Menschen, die mehr mit der Natur zu tun haben, habe ich ein gutes Gefühl. Das sind Menschen, die anderen mehr an Güte bieten können. Grundsätzlich rede ich nicht gerne über die Symbole in meinen Filmen. In diesem Film aber ist der alte Mann ein Symbol. Wenn Sie glauben, der alte Mann sei der einzige, der dem Jungen zuhört, so denken Sie falsch. Er hat dem Jungen nicht zugehört, sondern zu ihm gesprochen, ihn als zwei Ohren gebraucht. Der Alte ist ein Symbol für die altmodischen Traditionen, die alten Autoritäten, die heute keine Hilfe für die Jungen mehr sein können. Der Alte meint zu wissen, weiß aber nicht, hört nicht, spricht nur. Er war der Führer, der den Weg gezeigt hatte, aber im Verlauf des Films ist es der Junge, der zum Führer wird, und der Alte stützt sich nur noch auf den Jungen. Am Ende muss der Junge im Film seinen eigenen Weg wählen und allein zurechtkommen. Der alte Schreiner, der zurückbleibt, hat zwar ein Wissen, das aber für niemanden Hilfe ist."

Damit der Junge seinen eigenen Weg gehen kann, muss er sich über das Verbot, nicht ins Nachbardorf zu gehen, hinwegsetzen. Die Mutter sagt, er solle Brot einkaufen gehen und er werde, wenn der Vater nach Hause kommt, bestraft. Ahmad setzt sich dem entgegen, was ihm von der Mutter aufgetragen wird, und übernimmt die Verantwortung für sein Handeln.
"Genau! Wir haben eine alte Geschichte über einen Vogel, der zur Erkenntnis kommt, dass man, um hoch fliegen zu können, die Körner am Boden vergessen muss. Damit man sein Ziel erreichen kann, muss man andere Dinge vergessen, beiseite lassen, mit denen man sich verbunden fühlte. Ein Freund von mir, der mit dem Bau eines Gebäudes beschäftigt war, hat sich, nachdem er meinen Film gesehen hat, in seinem Haus eingeschlossen und dabei vergessen, dass er das Gebäude bauen sollte. Er hat rund 50 Seiten über den Film geschrieben und, als die Leute ihn aufforderten, herauszukommen, gesagt, ich hätte ihm mit dem Jungen im Film eine gute Aufgabe erteilt. Wer etwas Wertvolles wolle, müsse auf anderes, was man schon habe, verzichten. Der Junge in meinem Film schläft nicht und isst nicht, damit er so hoch fliegen kann, wie Sie es im Film sehen können."

Wie haben die Menschen im Iran auf Ihren Film reagiert?
"Der Film gewann die Preise für den besten Film und die beste Regie beim Filmfestival in Teheran und im darauf folgenden Jahr den Preis der Filmjournalisten für den besten in den Kinos gezeigten Film. Vom Publikum ist der Film sehr gut aufgenommen worden. Während zweier Monate lief er in einem Kino in Teheran und war immer ausverkauft; darauf wechselte er in zwei weitere Kinos. In seiner Kategorie war der Film ein großer Erfolg. Niemand glaubte, dass ein Film mit einer derart einfachen Geschichte so geschätzt würde."

Wie sehen Sie die Möglichkeiten, im Iran Filme machen zu können? Gibt es für Ihre Projekte irgendwelche Probleme?
"Zurzeit bin ich mit der Fertigstellung meines neuen Films 'Nahaufnahme' beschäftigt. Die große Wertschätzung, die das Publikum unserem Kino entgegen bringt, gibt der Filmindustrie in unserem Land viel Energie. In naher Zukunft wird der Film nach den Teppichen das bekannteste Exportgut der iranischen Industrie sein. Meine Filme sind nicht teuer, und ich habe ein gutes Verhältnis mit dem Institut, für das ich arbeite. So habe ich keine Probleme, meine Filme zu machen, das nötige Geld dafür zu finden."

Mit Abbas Kiarostami sprach Robert Richter

 

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