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Ausgabe 46-2/1991

LIPPELS TRAUM – 1990

Produktion: Alpha-Film / Alma / Studio Hamburg / ZDF, Bundesrepublik Deutschland 1990 – Regie: Karl-Heinz Käfer – Drehbuch: Maria Theresia Wagner, nach dem Roman von Paul Maar – Kamera: Wolfgang Treu – Schnitt: Dagmar Pohle – Ton: Frank Ahrens, Erich Rueff – Musik: Michael Gajare – Darsteller: Constantin Trettler, Irm Hermann, Gila von Weitershausen, Felix von Manteuffel, Selda Özöncel, Sandro Richi u. a. – Laufzeit: 84 Min. – Farbe – FSK: o. A. – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Jugendfilm (35mm) – Altersempfehlung: ab 6 J.

Der deutsche Kinderfilm ist leider immer noch – trotz Kinderfilmförderung, -festivals, -preisen und immer wieder stattfindenden -debatten – eine Randerscheinung in deutschen Kinos. Gäbe es da nicht den unermüdlichen, kreativen Arend Agthe, dessen Erfindungsreichtum für Kinder- und Jugendgeschichten vor zwei Jahren mit dem Abenteuer "Der Sommer des Falken" den Kinosommer angenehm belebt hat und der auf weitere Kino- (und Fernseh-)kurzweil hoffen lässt (in diesem Sommer mit "Wunderjahre"), und wäre da nicht im letzten Jahr Berno Kürtens "Land in Sicht" wenigstens auf einigen Festivals zu betrachten gewesen, sähe es in der (west)deutschen Kinderfilmlandschaft noch düsterer aus.

Nun ist es endlich mal wieder soweit: Ein deutscher Kinderfilm ist fertig gestellt und hat sogar einen Verleih gefunden, der ihn mit mehr als drei Kopien (wie sonst oft üblich) in den Kinos startet. "Lippels Traum" heißt er und ist die Adaption des gleichnamigen Kinderromans von Paul Maar. Für Regisseur Karl-Heinz Käfer – bekannt durch zahllose Kinderfernsehfilme bis zu 45 Minuten Länge – war dies die erste Spielfilmarbeit, und dafür ist sie sehr beachtlich. Das Drehbuch schrieb unter der dramaturgischen Beratung von Peter Märthesheimer die Absolventin der Münchner Filmhochschule Maria Theresia Wagner, die letztes Jahr für ihren ersten eigenen Film "Die Nacht des Marders" mehrere Preise erhielt. Mit "Lippels Traum" ist ein Film entstanden, der vor allem für die jungen Zuschauer ab sechs Jahren geeignet ist, an dem aber auch ältere Kinder und Erwachsene noch ihr Vergnügen haben werden.

Erzählt wird die Geschichte des zehnjährigen Philipp, genannt Lippel, der eine Woche lang wegen einer Dienstreise seiner Eltern allein zu Hause bleiben muss. Frau Jacob (dargestellt von der ehemaligen Fassbinder-Schauspielerin Irm Herrmann) zieht inzwischen ins Haus, um für Lippel zu sorgen und auf ihn aufzupassen. Beides tut Frau Jacob mit größerer Intensität, als Lippel lieb ist. Er ist ohnehin sauer, dass seine Eltern ihn so einfach der Obhut einer wildfremden Frau überlassen. Getröstet ist Lippel allerdings, als er entdeckt, was seine Eltern ihm zum schnelleren Zeitvertreib hinterlassen haben: ein wunderschönes Buch mit den "Geschichten aus 1001 Nacht". Lippel ist nämlich ein Morgenland-Fan, weshalb er sich auch sofort mit den zwei neuen Klassenkameraden, Kindern aus der Türkei, anfreundet. Die Freude am Märchenbuch soll jedoch durch Frau Jacob bald getrübt werden: Als Lippel es sich abends, statt zu schlafen in seiner gemütlichen "Schmöker-Höhle" unter der Treppe bequem macht und gerade so richtig in seine Orient-Geschichte vertieft ist, erwischt ihn Frau Jacob und konfisziert das Buch – bis seine Eltern zurückkommen. Anstatt sich nun lange seinem gerechten Zorn hinzugeben, weiß Lippel sich anders zu helfen: Er träumt die angefangene Geschichte weiter.

Der Film erzählt von nun an in organischem Wechsel und dramaturgisch geschickt miteinander verwoben sowohl von Lippels Alltagsrealität, in die ihn Frau Jacob immer wieder zurückholt und die von Konflikten nur so wimmelt, als auch von der Phantasiewelt in seinen Träumen, in die er sich flüchtet, wenn es ihm mit Frau Jacob zu bunt wird. Es gelingt ihm, die Morgenland-Geschichte als Fortsetzungstraum immer weiter zu träumen. Allerdings ist dies keine Flucht in eine nur glitzernde Scheinwelt, im Gegenteil: Die Traumgeschichte ist enger mit seiner Alltagswelt verknüpft, als es zunächst den Anschein haben mag. Die Traumgeschichte ist ebenfalls voller Probleme und Konflikte, und diese sind sogar in gewisser Weise vergleichbar mit Lippels Alltagsschwierigkeiten. Auch sind die handelnden Personen im Traum keine reinen Phantasiegestalten, sondern erkennbar Menschen aus Lippels realer Bezugswelt: Im Traum bekommen sie eindeutig die Rollen der Guten und Bösen zugewiesen, das Märchen erlaubt die klassische Typisierung, hier kann Lippel die ihm lieben und unliebsamen Mitmenschen behandeln, wie es die Realität nicht zulässt. Und in seinen Träumen ist es Lippel, der mit seinen zwei Orientfreunden (den türkischen Kindern aus der Klasse) das zentrale Problem – die Verbannung aus dem Königshaus wegen eines Missverständnisses – löst. Nicht Erwachsene, die immer mit allem besser fertig zu werden meinen als Kinder, lösen die Konflikte, sondern Lippel und seine Freunde, wie sie es in der Realität auch gerne tun würden. Phantasie und Eigenständigkeit haben sie allemal. Erwachsene fungieren in Lippels Traum höchstens als "Sprunghilfe". Indem er Kindern diese – kindliche – Problembewältigung zutraut und zumutet und damit zeigt, dass er Kinder ernst nimmt, ist "Lippels Traum" auch ein echter Kinderfilm, nicht einer von denen, die Kinder nur benutzen, um Erwachsene in ihrem Element agieren zu lassen. Damit ist Lippel eine ideale Identifikationsfigur, mit der man die Realwelt- und die Traumwelt-Abenteuer durchlebt.

Aufregend und kurzweilig genug ist es allemal: Autorin und Regisseur haben einen guten Rhythmus gefunden, die beiden Welten in einem spannungsreichen Wechsel zu balancieren; die Kamera Wolfgang Treus lässt beide zu ihrem Recht kommen. Der Orient, in Marokko gedreht, erscheint verfremdet, gesehen mit den Augen Lippels, der schließlich den Orient selbst nur aus Büchern, Filmen und Erzählungen – und seiner eigenen Phantasie – kennt. Die Musik von Michael Gajare akzentuiert und treibt die Geschichte voran, in ihren besten Passagen schafft sie es, den Filminhalt allein zu erzählen. Was in "Lippels Traum" mit so großer Selbstverständlichkeit geschieht – der Brückenschlag zwischen Abendland und Morgenland, die Freundschaft zwischen Okzident und Orient – scheint auch eher eine Besonderheit kindlicher Realität als Selbstverständlichkeit erwachsener Reife zu sein. Vielleicht könnten wir uns hierin ein Beispiel an den Kindern nehmen?

Nicht unerwähnt bleiben sollten die schauspielerischen Leistungen der drei Kinderdarsteller: Constantin Trettler, Selda Özöncel und Sandro Richi, die – man muss es offen zugeben – besser sind als einige ihrer erwachsenen Kollegen in diesem Film. Besonders schwach sind Gila von Weitershausen und Felix von Manteuffel als Mutter und Vater, die am Anfang eher wie Karikaturen ihrer selbst agieren und daher leider nicht recht ernst zu nehmen sind. Bestechend ist dagegen, wenn Constantin Trettler als Lippel das Märchenbuch durchblättert und schließlich bei der "Geschichte von der Tücke der Weiber" ankommt: Die Betonung beim Lesen des Titels, unterstützt von seiner Mimik – nach der leidvollen Erfahrung mit Frau Jacob –, das überzeugt wirklich! Bleibt zu hoffen, dass "Lippels Traum" möglichst viele kleine und große Zuschauer findet.

Dagmar Ungureit

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 46-2/1991 - Interview - "Man braucht vor allem motivierte Kinder, die Geduld und Ausdauer haben"

 

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