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Ausgabe 46-2/1991

VALBY – DAS GEHEIMNIS IM MOOR

MIRAKLET I VALBY

Produktion: Nordisk Film Production mit Swedish Film Institute, Esselte Entertainment, The Danish Film Institute, Dänemark 1989 – Regie: Ake Sandgren – Drehbuch: Stig Larsson, Ake Sandgren – Drehbuchberater: Søren Kragh-Jacobsen – Kamera: Dan Laustsen – Schnitt: Darek Hodor – Ton: Michael Dela, Bjarne Risbjerg – Musik: Wlodek Gulgowski, Roxette – Darsteller: Jakob Katz, Lina Englund, Troels Asmussen, Amalie Alstrup – Laufzeit: 85 Min. – Farbe – Verleih: atlas film (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Regisseur Sandgren machte erstmals 1983 auf sich aufmerksam, als er mit dem Kurzfilm "Fahrrad Symphonie" in Berlin den Goldenen Bären gewann. Nun hat er mit "Valby" seinen zweiten langen Spielfilm vorgelegt, der ebenfalls – sogar mehrfach – ausgezeichnet wurde: Der elfjährige Sven lebt mit seiner Mutter und der kleinen Schwester Hanna in dem dänischen Nest Valby. Sein Vater ist Funker auf See, und auch Svens große Liebe gilt der Funkerei. So hat er einen zur Amateurfunkstation umgebauten kleinen Wohnwagen, von dem aus er regelmäßig mit seinem Vater spricht. Eines Tages vernimmt er seltsame Stimmen aus dem Äther: Rezitationen wie von Priestern in einer Sprache, die sich bald als Latein entpuppt. Mit dieser Sendung hat es etwas Merkwürdiges auf sich, denn sie befähigt Sven und seine Freunde Bo und Petra zusammen mit dem Wohnwagen in die Vergangenheit zu reisen. Aber erst nach einem 3-Minuten-Sprung erkennen sie diese Wahrheit. Und je größer die Antenne, desto weiter ist der Sprung in der Zeit. So finden sie sich bald in einem mittelalterlichen Dänemark wieder.

Was als reizvolles kleines Abenteuerspiel beginnt, wird schnell blutiger Ernst, als beim zweiten längeren Ausflug Petra von mysteriösen Reitern entführt wird. Sven und Bo können sich noch gerade vor den Reitern in den im Sumpf absinkenden Wohnwagen retten und in letzter Sekunde (das Moor dringt schon unter beängstigendem Krachen in das Gefährt ein) in ihre Zeit fliehen. Doch nun müssen sie unbedingt zurück und Petra retten. – Diese mutige solidarische Haltung von Sven und Bo wusste auch die Kinderjury in Essen 1990 zu schätzen, als sie dem Film verdientermaßen den "Blauen Elefanten" verlieh. – Unerwartete Hilfe erhalten Sven und Bo von der kleinen Hanna, die unbemerkt von den beiden bei deren zweiter Reise in die Vergangenheit mitkommt. Sie wird von Mönchen gefunden und als Heilige verehrt, derweil sie diesen Horror-Comics vorliest (einschließlich der Lautmalereien, eine sehr komische Szene); so legt sie den Grundstein zur Legende von Valby, die sich heute noch in den Fresken an der Wand der kleinen Dorfkirche wiederfindet. Der Schluss sieht Petra und Bo als glückliches Paar im Sommer.

Selten hat sich ein Kinderfilm so konsequent auf die bei Kindern und Jugendlichen so beliebten Science Fiction-, Horror- oder Fantasy-Geschichten gestützt wie diese skandinavische Koproduktion, die die besten Traditionen skandinavischen Kinderkinos mit den einfallsreichen phantastischen Stoffen etwa der CSFR verbindet. Als Science Fiction-Geschichte ist das für den Kenner des Genres nicht sehr neu: Zeitreisegeschichten, in denen die Protagonisten in ihrer Vergangenheit Spuren bis in die Gegenwart hinterlassen, sind so alt wie das Genre selbst. Aber was diesen Film ausmacht, ist seine erzählerische Ökonomie und der Einfallsreichtum des Teams, das diese spannende Abenteuergeschichte ohne großen Aufwand an Tricks und Blut geschickt in Szene setzte.

Dabei hat der Film erkennbare Vorbilder. Zunächst die Arbeit des – hierzulande zu Unrecht viel gescholtenen – Steven Spielberg, aber auch "Das Boot" und Abenteuerfilme. Aber Sandgren hat durchaus seine eigenen Methoden, eine solche Geschichte zu erzählen. Wo andere auf teure Tricks und/oder Überwältigungskino setzen, arbeitet er mit ganz einfachen filmischen Mitteln. So ist etwa der neblige Wald im Dunkeln auf eine Art ausgeleuchtet, die uns schon im ersten Bild einen Eindruck dieses düsteren Ortes und seiner unheimlichen Atmosphäre vermittelt. Um das Ganze noch fremdartiger zu gestalten, griff der Regisseur zu einem kleinen Trick: Er gibt unseren Helden ein Nachtfernglas mit, und nun sehen wir die Szenerie in gespenstischem Rot, was den Eindruck der geheimnisvollen Unwirklichkeit noch verstärkt.

Auch die sorgfältige Ausstattung des "Mittelalters" trägt zur Glaubwürdigkeit der ganzen Geschichte stark bei. Ein weiterer Trick aus dem Schatzkästlein des findigen Regisseurs ist die Figur der kleinen Hanna: Die Siebenjährige ist fasziniert von "Horror"-Videos, von denen sie gar nicht genug kriegen kann, was der Regisseur zu bösen Bemerkungen über den traditionellen Kinderfilm zu nutzen weiß. Sie, die letztlich die gesicherte Rückkehr der drei Helden ermöglicht, dient aber auch als eine Identifikationsfigur für die Kleineren. Und als Tüpfelchen auf dem I serviert Sandgren mit der flotten Musik noch den passenden Genuss fürs Ohr mit.

Sandgrens Film ist der konsequente künstlerische Ausdruck seiner Kritik am traditionellen Kinderfilm: "Viele Kinderfilme sind einfach naiv und langweilig. Heutzutage wachsen Kinder und Jugendliche auf mit 'Geschichten für Erwachsene' in den Medien. In dem Augenblick, in dem man ihnen sagt: 'Das ist nichts für dich' werden sie natürlich neugierig. ... Ich wollte den Kindern soviel 'zumuten' wie sie auch tatsächlich verkraften können, indem ich Schnitt Beleuchtung und Ton dementsprechend verwandte. Ich glaube, Abenteuergeschichten können nicht aufregend genug sein." Und eine aufregend spannende Abenteuergeschichte ist ihm allemal gelungen. Mit "Valby" kommt ein Kinderfilm in die Kinos, in dem gezittert und gebangt werden darf, ohne dass Blut fließt und teure Special-Effects-Orgien gefeiert werden. Ein spannender, dramatischer, aber auch komischer und witziger Film für alle ab 8, die noch Lust auf Abenteuer und Gefahren haben.

Lutz Gräfe

 

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