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Ausgabe 46-2/1991

VON STRASSENKINDERN UND GRÜNEN HÜHNERN

Produktion: Känguruh-Film / WDR, Bundesrepublik Deutschland 1990 – Regie, Buch, Kamera und Ton: Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich – Schnitt: Simone Klier – Laufzeit: 30 Min. – Farbe – Verleih und Vertrieb: EZEF/Matthias-Film (16mm) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Recife, quirlige Millionenstadt im Nordosten Brasiliens, ist ein typisches Beispiel für die unvorstellbaren Gegensätze zwischen dem Reichtum weniger und der Armut vieler, die in allen Großstädten der Entwicklungsländer zu schier unlösbaren sozialen Problemen geführt haben. Die Ballungsräume der Städte ziehen zahllose Menschen aus den umliegenden ländlichen Regionen mit großer Sogkraft an, deren Triebfeder die fatale Hoffnung auf ein bisschen Wohlstand ist. Endstationen für die meisten dieser Menschen sind in aller Regel die riesigen Slums, in Brasilien die Favelas, in denen sie ein unwürdiges Leben ohne die elementarsten hygienischen Voraussetzungen fristen müssen. Die Staatsmacht versucht sich ihrer mit brutalen Räumungs- und "Sanierungs"-aktionen zu erwehren, doch werden damit die Probleme nur verschleiert.

In Recife gibt es, wie überall in der "Dritten Welt", unzählige Kinder, die mit ihren Familien in den Favelas hausen und die das Elend am schlimmsten trifft. Sie leben buchstäblich auf der Straße, verdienen sich, wenn sie Glück haben, mit Gelegenheitsjobs ein paar Cruzeiros, sind aber in der Regel auf Diebstahl und Prostitution angewiesen. Von einigen dieser Kinder, zwischen 12 und 15 Jahren alt, handelt der Film. "Grüne Hühner" werden sie von den Polizisten geringschätzig genannt, die überall in der Stadt gnadenlos Jagd auf sie machen. Die meisten der armen Kinder von Recife lernen frühzeitig, sich ihr erbärmliches Leben durch die Flucht in den Rausch ein wenig zu erleichtern. Sie schnüffeln Kleister oder spritzen sich codeinhaltigen Hustensaft und stehen so bereits weit vor Erreichen der Volljährigkeit auf der Schwelle zur Drogenszene, zur Kriminalität und zu lebenslangem Siechtum. Sie sind der Abschaum der Gesellschaft, und es tröstet sie überhaupt nicht, dass ihre Zahl im ganzen Land in die Millionen geht.

Es gibt nicht viele in der Stadt, die sich um das Schicksal dieser Kinder Sorgen machen. Einer von ihnen ist Demetrius, ein junges Mitglied einer religiösen Gruppe, die sich mühsam von Spenden aus dem Ausland finanziert. Er stemmt sich mit wahrhaft übermenschlicher Kraft gegen die Not seiner Schützlinge, behandelt ihre Wunden, berät sie, beschafft ihnen Schlafplätze für die Nacht. "Für eine D-Mark pro Tag könnte hier ein Kind essen, schlafen und zur Schule gehen", erklärt Demetrius, aber die Spenden sind nur wie ein paar Tropfen Wasser, die auf einem heißen Stein verdampfen, bevor sie den Durst löschen können. Da der Staat nichts tut, müssten sich – fordert Demetrius – die Armen selber helfen; sie müssten, folgert er, Revolution machen. Aber wer sollte sie organisieren? Letztlich könne nur eine politische Lösung helfen, aber die Frage ist, wie die angesichts der Machtverhältnisse im Land aussehen könnte. Und er meint, fast resignierend: "Die Menschen in der ersten Welt wissen zu wenig über die Menschen in der dritten Welt!" Vielleicht kann dieser Film dazu beitragen, die Informationslücke zu füllen?

Mit der ihnen eigenen, in zahlreichen kritischen Dokumentarfilmen ausgewiesenen Bildschrift gehen Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich ganz nah an die Kinder von Recife heran, lassen sie zu Wort kommen und halten sich mit eigenen Kommentaren zurück. Die vermittelten Filmeindrücke von den Gesichtern dieser Kinder, von ihrer beängstigend unkindlichen Diktion, von ihrer Hoffnungslosigkeit, von ihren psychischen und physischen Verletzungen zwingen den Betrachter in die Rolle des zutiefst Betroffenen und bleiben lange über den Film hinaus haften.

Dem Rezensenten freilich stellt sich die skeptische Frage nach der unmittelbaren Wirkungsmöglichkeit des Films auf seine Adressaten jeden Alters hier bei uns, die daran gewöhnt sind, sehr schnell über solche Eindrücke hinweg zu ihrem eigenen Tageslauf zurückzukehren, vielleicht noch, gleichsam achselzuckend, zu denken: "Ich kann ja doch nichts ändern an deren Schicksal." Zu viele solcher Filme hat man schon gesehen, zu viele gelobt, zu viele prädikatisiert, als dass man noch hoffen könnte, dass gerade dieser in der Lage sei, die Trägheit des Denkens aufzubrechen. Und dennoch: Wäre dieser Film nicht gedreht worden, so wäre es vielleicht gerade ein Film zu wenig gewesen.

Bernt Lindner

 

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