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Ausgabe 47-3/1991

"Der Zuschauer muss wirklich um seine Helden bangen"

Gespräch mit Günter Meyer über seinen Film "Olle Hexe"

(Interview zum Film OLLE HEXE)

Als einer der letzten Kinderkinofilme der ehemaligen DDR wurde in den Babelsberger DEFA-Studios im Sommer 1990 "Olle Hexe" abgedreht. Regie führte Günter Meyer, der dort seit 1969 mehr als 50 Kinderfilme, einschließlich Kurz- und Dokumentarfilmen sowie Fernsehserien, gedreht hat; 1988 entstand sein Musicalfilm für Kinder "Kai aus der Kiste". Auf dem 7. Kinderfilmfestival "Goldener Spatz" in Gera (Februar 1991) präsentierte Meyer sein jüngstes Werk, ein modernes Märchen über die Abenteuer in einem phantastischen Hexenreich.

KJK: "Olle Hexe" wurde mit großem Aufwand gedreht. Wie hoch waren die Produktionskosten?
Günter Meyer: "Die lagen bei etwa drei Millionen Mark. Bei einem Durchschnitt von etwa 1,5 Millionen Mark ist es für die DEFA eine aufwändige, aber noch normale Produktion gewesen. Das einzig Teure war das Drehen im Atelier, in diesem Hexenreich, denn alles andere haben wir ja vorgefunden."

In welcher Gegend haben Sie die Szenen der wüstenhaften Einöde gedreht?
"Das sind ausgekohlte Braunkohlengebiete in der Nähe von Boxberg im Süden der ehemaligen DDR. Nach dem Abräumen der Kohle sieht es da so aus, also eine Einöde ohne Pflanzen und ohne Tiere."

Die Abenteuerreise von der Müllkippe durch diese Wüste nimmt einen breiten Raum in Ihrem Film ein. Welche Rolle spielt die Umweltthematik für Sie in "Olle Hexe"?
"Das war für uns eine konzeptionelle Frage. Wir wollten eigentlich eine Hexe, die so ist wie eine Märchenbuch-Hexe und die Vertreterin des Bösen überhaupt. Ich wollte, dass diese Hexe auch für die älteren Mädchen und Jungen ab zehn, zwölf Jahren verständlicher wird. Deswegen haben wir ihr Reich als ein Reich der zerstörten Umwelt gestaltet. Wir haben auch Symbole drin wie das Ohr, das hinter dem Baum aufklappt und die Kinder belauscht, oder das Auge im Baum. Das sind für uns alles Bilder aus unserem Leben."

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit "Olle Hexe" an?
"Die Zielgruppe sind relativ kleine Kinder. Wir wollten, dass der Film für Kinder ab fünf, sechs Jahren verständlich sein müsste. Sie sollten ihren Spaß daran haben. Dass einige Bilder und Hintergründigkeiten für diese Kinder nicht rezipierbar sind, das muss man einkalkulieren. Aber ich glaube, dass die Geschichte für diese Altersgruppe zu verstehen ist, und auch die Problematik natürlich, die für den Erwachsenen manchmal etwas klein zu sein scheint, dieser Streit zwischen den beiden Kindern. Für Kinder in diesem Alter ist das aber eine ganz wichtige Sache, wenn sich Junge und Mädchen streiten. Wir haben den Film vor 300 Kindern in Chemnitz gezeigt und erlebt, wie die Kinder mitgegangen sind und sich solidarisiert haben mit dem Mädchen oder dem Jungen."

Wie sind Sie zu der Geschichte gekommen?
"Die Autorin Anne Goßens bot mir diese Fantasy-Geschichte an, weil ich auf diesem Gebiet einige Filme gedreht hatte, wie die Fernsehserien 'Spuk im Hochhaus' oder 'Spuk unterm Riesenrad'. Das sind alles Geschichten, in denen mit der Idee gespielt wird: Was wäre wenn? Wenn neben dir eine Art Wunder geschähe?"

Mit dem Begriff "Fantasy" liefern Sie mir ein wichtiges Stichwort. "Olle Hexe" erinnert in einigen phantastischen Passagen an westliche Fantasy-Produktionen. Würden Sie Ihren Film als "Fantasy-Film" bezeichnen?
"Oh, das ist schwierig. Ich mag diese Schubladen nicht. Für mich ist Fantasy-Film ein Film, der mit der Idee spielt, ein Wunder in die Gegenwart zu verlagern, mag das nun ein schönes oder ein böses Wunder sein."

Die Kinder kämpfen zum einen gegen die Hexe, zum anderen gegeneinander. Was ist für Sie der zentrale Konflikt?
"Der zentrale Konflikt ist ganz einfach: Kinder, die in die Gewalt des Bösen geraten sind, versuchen sich daraus zu befreien und brauchen Verbündete. Es gibt nur eines, das dem Bösen wieder Macht über sie gibt, nämlich, wenn sie sich entzweien. Ich glaube, dass es wichtig ist, den Kindern zu sagen, dass das Böse nicht unbesiegbar ist, wenn man gemeinsam dagegen angeht."

Ist Ihnen die Hexe insgesamt nicht zu brav geraten?
"Ich wollte eigentlich eine Märchenbuch-Hexe, die von kleinen Kindern, die Hänsel und Gretel kennen, angenommen wird. Zugleich wollte ich in ihr auch eine Verkörperung einer alles beherrschenden Macht darstellen, die sich dann zum Schluss in eine Spinne verwandelt, die ihr ganzes Reich mit einem Spinnennetz überzieht. Ob sich das vielleicht an manchen Stellen nicht so direkt darstellt, weiß ich nicht."

Der Abenteuerweg der Kinder hat viele Stationen. Sehen Sie da die Gefahr, dass sich dieser Weg vor allem gegen Ende in die Länge zieht?
"Ich habe festgestellt, dass gerade kleine Kinder solche Stationen-Erzählungen sehr mögen, weil sie sich dabei mit ihren Helden solidarisieren können. Bei größeren Kindern oder Erwachsenen würde ich einräumen, dass man in diesem Bereich ein wenig hätte zusammenraffen können. Bei der Arbeit am Drehbuch haben wir immer wieder überlegt, ob man eine von diesen Stationen weglassen könnte. Wir sind jedoch zum Ergebnis gekommen, dass der Junge wie das Mädchen die gleiche Chance braucht, um sich zu bewähren. Wenn man eine von diesen Stationen wegließe, würde man auch Sympathiechancen für die Darsteller verschieben."

Droht der große Aufwand an Special Effects am Schluss nicht die Konflikte zwischen den Figuren zu überdecken?
"Nein, das glaube ich nicht. Die Kinder sind als Fantasy-Helden aufgebaut; sie bewegen sich in einer Welt, wo sämtliche Entscheidungen viel schwerwiegender sind als etwa in der Schule. Zum Schluss braucht man da etwas, das noch stärker ist als das bis dahin Geschehene. Der Zuschauer muss wirklich um seine Helden bangen. Natürlich haben wir versucht, das mit ironischen Mitteln zu brechen. Dass der Junge die Spinne mit einem Kaugummi erledigt, ist zum Beispiel solch eine Ironie."

Unter den jüngsten ostdeutschen Kinderfilmproduktionen fällt die Zahl der Märchen auf, wenn man an Titel wie "Die Gänseprinzessin", "Rapunzel" oder "Das Licht der Liebe" denkt. Die Filme "Olle Hexe" oder "Der Drache Daniel" setzen diese Reihe im Bereich des modernen Märchens fort. Sehen Sie einen Trend zum Phantastischen, zum Fantasy-Film westlicher Prägung?
"Trend ist vielleicht schon zu gewaltig formuliert, aber es gibt auf jeden Fall Nachholbedarf hier. Bestimmte kulturelle Ereignisse in der damaligen DDR hatten ja immer eine Verspätung von ein, zwei Jahren. Ich glaube, es ist das Problem vieler unserer Filme, die jetzt gedacht und produziert worden sind, dass die Zeit so schnell ist, dass alles, was an Problemen aufgearbeitet wird, schon überholt ist, wenn der Film fertig ist."

Das Gespräch führte Reinhard Kleber

 

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