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Ausgabe 96-4/2003

"25 Kinder und ein Vater"

(Hintergrund zum Film 25 KINDER UND EIN VATER)

Produktion: Beijing Oriental Time Culture / Shanxi; China 2002 – Regie / Buch: Huang Hong – Länge: 90 Min. – Farbe – Weltvertrieb: BV International Pictures AS, e-mail: Eli@bvscandinavia. com – Altersempfehlung: ab 6 J.

Dokumentation der Filmvorführung am 30.06.2003 beim 21. Kinderfilmfest München

Der Film wurde in der Originalfassung mit englischen Untertiteln gezeigt und deutsch eingesprochen. Die Vorstellung im Vortragssaal der Bibliothek des Gasteig war gut besucht. Der Film wurde nach der Auswertung durch die Stimmabgabe per Eintrittskarte mit 93 Prozent "sehr gut" und 7 Prozent "gut" zum Publikumsliebling gewählt und erhielt den erstmals beim Kinderfilmfest vergebenen Publikumspreis (durch FoxKids).

Inhalt

Zhao Guang, der als Waisenkind von den Dorfbewohnern großgezogen wurde, hat es als Hühnerzüchter zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. Noch als Kind wurde er von den meisten verspottet, nun hat er sich einen Namen als "Glory Zhao" gemacht. Da er in seiner Kindheit auf vieles verzichten musste, spendet er einer Wohlfahrtseinrichtung eine große Summe Geld und verkündet begeistert im Lokalfernsehen, dass er am liebsten der Vater aller Waisenkinder sein möchte. Von der Wirkung seiner Worte ist er überrascht und verlegen: Kinder aus der Gegend stürmen in sein Haus, um von ihm als Vater angenommen zu werden. Auf den Vorschlag des Dorfrates soll Zhao Guang vorübergehend eine Schule für die Kinder einrichten, das fordert jedoch den Widerstand vieler Dorfbewohner heraus. Vor allem seine Verlobte Liu Guiging und deren Mutter widersetzen sich seiner Idee. Doch gegen den Eifer und Enthusiasmus der Kinder, die sich mit ihrem "Vater" solidarisieren, kommen sie nicht an. Zhao Guangs Leben nimmt eine scharfe Wende ...

Der 1960 in Beijing geborene Huang Hong hat nicht nur das Buch geschrieben und Regie geführt, sondern spielt auch die Rolle des Hühnerzüchters Zhao Guang.

Reaktionen während der Vorstellung

Schwierig stellt sich für die Kinder das Konzentrieren auf den deutsch eingesprochenen Text dar. Die ausdrucksstarken Bilder fesseln jedoch, besonders die Jüngeren blicken wie gebannt auf die Leinwand. Der Humor funktioniert gut, auch wenn dem Text teilweise nicht gefolgt werden kann. Vor allem ist es Situationskomik, die für viele Lacher sorgt: Zhaos Hühner- und Kinderabrichtung mit der Trillerpfeife, die Wasserschlacht, das Milchspritzen aus dem Kuheuter ins Gesicht eines Jungen, das Klappern mit Instrumenten, Zhaos Abheben mit den zwei riesigen Ballons, die Kuh, die Kleid und BH "stiehlt". Große Heiterkeit erzeugt auch der Kleine, der das Tafelbild "Wasser und Berge" detailgetreu an die Wand pinkelt oder Zahnpasta isst, weil sie so schön süß ist. Zhaos originelle Einfälle und Improvisationsgabe amüsieren ebenfalls: Etwa wenn Zhao den Lehrplan der städtischen Schule stibitzt oder er den Kindern Substrahieren beibringt, nachdem der Kleine ein Ei zerbrochen hat, und es ihm alle begeistert gleichtun, bis Zhao dem Treiben erschrocken Einhalt gebietet.

Auch der Junge Black Egg erntet zustimmendes Gelächter, wenn er sich gegen die schimpfende Nachbarin zur Wehr setzt und ihren "Teufelsspiegel" mit der Zwille zerschießt. Die List der Kinder, ihren Vater als tot auszugeben, ohne es je auszusprechen, um so an Lebensmittel zu kommen, gefällt ebenfalls. Der running gag "Zhao ist nicht tot, er lebt in unseren Herzen weiter" erheitert Kinder und Erwachsene im Publikum gleichermaßen.

Nach einer guten Stunde lässt die Aufmerksamkeit merklich nach, es wird unruhig auf den Stühlen herumgerutscht. Ein Mädchen im Publikum fragt besorgt, was aus dem Kleinen (im Krankenhaus) geworden ist. Ein Junge weint leise, als Zhao Black Egg fürs Eierstehlen mit Prügeln bestraft; auch andere Gesichter sind angespannt in der Szene.

Im Anschluss an die Vorstellung erwähnten die Kinder die vielen lustigen Szenen. Lobend wurden auch die stimmungsvollen Bilder der beeindruckenden Gegend hervorgehoben. Missfallen haben manche Streiche gegen die böse Nachbarin: die Enten zu erschrecken oder das Haus mit Steinen bewerfen kam als "gemein" an. Es wurde auch aufmerksam festgestellt, dass Zhao den Kindern ein Zuhause gibt und sich für sie einsetzt; dass der Film zeigt, wie man auch ohne richtige Eltern in einer Familie leben kann. Das Happy End für Zhao und Guiqing und die Kinder fand ebenfalls Zustimmung.

Verwendbarkeit des Films für die Kinderkulturarbeit

Der Film gibt Einblicke in eine ganz andere, fremde Welt: Mit starken, teils metaphorischen Bildern beschreibt er den Alltag im ländlichen China in einer Dorfgemeinde, das Leben von (Waisen-)Kindern. Es geht dabei um die existenziellen Dinge des Lebens, auch des Überlebens. Hunger, Krankheit, Armut drohen jederzeit. Bildung wird als wertvolles und keineswegs selbstverständliches Gut angesehen. Gleichzeitig herrscht im Dorf und unter den Kindern selbstverständlicher Zusammenhalt. Gemeinschaft wird in verschiedenen Modellen gelebt: die Gemeinschaft der Kinder untereinander, die Kinder und ihr "Papa" als eine Art Familie, die Dorfgemeinschaft. In weiterem Rahmen ist auch das Dorf eingebunden in die Gemeinschaft der städtischen Gemeinde, die sich schließlich um die Schulbildung der Kinder kümmert und eine Lehrerin in die Provinz schickt.

Gewöhnungsbedürftig für westliche (Seh-)Gewohnheiten ist das "Massenphänomen". Die Waisenkinder treten stets als Gruppe auf, es werden nur wenige Einzelschicksale erzählt: Es gibt den Kleinen, der mit seiner Schwester von der kranken Großmutter nicht versorgt werden kann, und Black Egg, den Eierdieb, den Straßenjungen mit krimineller Überlebensstrategie. Mehr Individualität wird den einzelnen Kindern nicht zugestanden, auch hier zählt die Gemeinschaft mehr als der Einzelne – das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Während Erwachsene möglicherweise das militärische Element kritisieren, werten die Kinder dieses nicht negativ. Für sie ist es purer Spaß, wenn erst die Hühner, dann die Kinder auf Zhaos Trillerpfeife abgerichtet werden oder letztere in Militär-Uniformen aufmarschieren. Man sollte diesen Aspekt vielleicht nicht überbewerten. Als kritisch erweist sich da eher die Kombination von 90 Minuten Filmlänge, einem teilweise hektischen Schnitt und dem bislang eingesprochenen Text, die die Aufmerksamkeit der jüngeren Kinder überfordert.

"25 Kinder und ein Vater" vermittelt eindrucksvoll und in einfacher Weise die Botschaft, dass es im Leben darauf ankommt, zusammenzuhalten. Am Beispiel der Waisenkinder – also derjenigen Bevölkerungsgruppe, die mehr als andere durch Allein- und Auf-sich-gestellt-sein getroffen ist – wird demonstriert, dass eine Gemeinschaft das Wohl aller ihrer Mitglieder sicherstellen kann und soll. Zhao sagt anfangs, keine Eltern zu haben, bedeute nicht, kein Glück erfahren zu können. So ist der Film ein Appell an Solidarität, gerade mit den Schwächsten, und ein Lob auf die Gemeinschaft in ihren unterschiedlichsten Formen. Die Kinderschar wendet sich Hilfe suchend an Zhao und ist bereit, sich seinem Alltag und seiner Führung ganz zu fügen. In ihrer Notlage erscheinen die Kinder zunächst passiv. Doch als die Kindergruppe, inzwischen in ihrer Gemeinschaft selbstbewusst zusammengewachsen, auf sich gestellt ist, beweist sie schließlich Eigeninitiative und Einfallsreichtum. Das Leben ist ernst, aber nicht ohne Ausweg und Komik – solange man füreinander da ist und zusammenhält.

Für die Kinderkulturarbeit ist der Film "25 Kinder und ein Vater" geeignet. Empfohlen für Kinder ab 8 Jahren.

Ulrike Seyffarth

 

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