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Ausgabe 62-2/1995

DER PRINZ UND DER PRÜGELKNABE

THE WHIPPING BOY

DER PRINZ UND DER PRÜGELKNABE

Produktion: Gemini Film GmbH Köln, in Co-Produktion mit Jones Entertainment Group und Le Sabre Group, Bundesrepublik Deutschland / USA / Frankreich 1994 – Regie: Syd Macartney – Buch: Max Brindle, nach dem Roman "The Whipping Boy" von Sid Fleischman – Kamera: Clive Tickner – Schnitt: Sean Barton – Musik: Lee Holdridge – Darsteller: Truan Munro (Tommi), Nic Knight (Prinz Boris), Karen Salt (Annerose), Andrew Bicknell (König), Mathilda May (Betsy) u. a. – Länge: 96 Min. – Farbe – FSK: o. A. – FBW: bw – Verleih: Central Film Berlin – Altersempfehlung: ab 6 J.

Es war einmal ein König, dem die Staatsgeschäfte wichtiger waren als sein einziger Sohn. Der war sehr traurig darüber, ließ die anderen aber nichts von seiner Traurigkeit merken, sondern machte böse, böse Streiche ... So könnten Märchen beginnen, und so beginnt der Film "Der Prinz und der Prügelknabe", der aber kein Märchenfilm sein will, sondern einer in der "klassischen Disney-Familienfilmtradition".

Die Geschichte spielt in einem kleinen, europäischen Königreich, irgendwann im 18. Jahrhundert. Das Schloss ist trutzig, der Königssohn, Prinz Boris, trotzig, zur Verzweiflung seines Vaters. Der zwölfjährige rothaarige, sommersprossige, etwas zu dick geratene Knabe weiß vor Langeweile nicht, was er tun soll. Also tut er Böses. Beim Staatsempfang springen Ratten über den festlich gedeckten Tisch. Das passiert in einem höchst komplizierten diplomatischen Klima: Es gilt, den Botschafter eines anderen Landes milde zu stimmen, von der Friedfertigkeit des Königshauses zu überzeugen. Boris wird hart bestraft – doch das lässt ihn kalt. Denn die Schläge tun ihm nicht weh. Nicht etwa, weil er so tapfer ist, sondern weil ein sogenannter Prügelknabe sie entgegen nehmen muss. So war das damals an einigen Königshäusern in Europa – so steht es im Presseheft –, weil es sich einfach nicht schickte, einen kleinen Prinzen, also den zukünftigen König, zu verhauen. Zu diesem Zweck hatte man Tommi, den Jungen aus der Gosse, eingefangen und ins Schloss verschleppt, hübsch eingekleidet, frisch gewaschen und gefönt, mit Essen versorgt und auch mit Bildung, die der Hauslehrer vergeblich dem Prinzen angedeihen lassen will. Boris springt mit Tommi um, wie er es gewohnt ist am Hofe, wie es ihm seine Stellung gestattet. Er gibt Befehle, sagt: "Ich bin der Prinz. Und was ich sage, muss gemacht werden." Tommi schert sich nicht um höfische Gesetze, will nur weg von hier, bleibt ungebrochen, auch wenn die Schläge ihm verdammt wehtun. Und das macht Prinz Boris fuchtig: Da will der Knabe partout nicht schluchzen und jammern, wie er es ihm befohlen hat.

Unterdessen sucht Tommis Schwester, die achtjährige Annerose, nach ihrem Bruder, fragt in Kaschemmen nach ihm, überall im Dorf, furchtlos und aufrecht, ehrlich und mit klaren blauen Augen. Sie gerät als vermeintliche Diebin auf das Schloss, wird zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen. Tommi sieht zufällig, wie der Wagen nach Waldhof startet. Jetzt gibt's nur noch eins für ihn: raus aus dem Schloss, hin nach Waldhof, die Schwester befreien. Sowieso muss dieses absurde Schauspiel ein Ende haben. Prinz Boris kann's nicht verstehen. Warum will der Kerl weg, wo er hier doch alles und draußen nichts hat? "Weil da meine Freunde sind" – eine Aussage, die Boris ungläubig zur Kenntnis nimmt. Es trifft sich gut, dass Boris dem Botschafter des anderen Landes einen neuen bösen Streich spielt, der als Kriegserklärung gewertet wird. Jetzt reicht es dem König, Prinz hin, Prinz her, dafür bekommt Boris den Hintern versohlt! Höchstselbst! Plötzlich also haben Boris und Tommi denselben Wunsch: weg von hier. Sie müssen einsehen, dass sie das nur gemeinsam schaffen können. Mit ihrer Flucht beginnt die Freundschaft zwischen den gleichaltrigen Jungen und ein aufregendes Abenteuer ... Alles endet, wo es begann: Im Schloss. Aber die Menschen sind anders geworden: besser. Der Königsvater sieht seine Fehler ein, Boris ebenfalls. Vater und Sohn sinken sich liebend in die Arme, Annerose wird frei gesprochen und mit Tommi, beide wieder hübsch frisiert und in Samt und Seide gekleidet, im Schloss aufgenommen, das ihr neues Zuhause ist.

Wäre diese märchenhafte Geschichte auch wie ein Märchen erzählt, geheimnisvoll, poetisch, ein wenig zum Gruseln und Fürchten, zum Lachen und Weinen, mit Magie und Phantasie, hätte ein schöner Film aus dem mit dem "Newberry Award" für herausragende Kinderbücher ausgezeichneten Roman "The Whipping Boy" von Sid Fleischman entstehen können. Aber so ist es kostümierter Realismus, effektvoll inszeniert. Die deutliche Sozialkritik, auf die im Presseheft verwiesen wird, ist ein grob gestricktes Muster und keine Kritik. Es werden lediglich zwei gegensätzliche Welten gezeigt, die Welt der Armen, die zwar arm, aber sehr lebendig ist, und die der Reichen, die reich, aber sehr erstarrt ist, in der alles glitzert und glänzt. Doch auch die Armut hat ihr Gesicht, den besonderen Schmuddel-Look. Die Kostüme sind raffiniert geschneidert, auf der einen wie der anderen Seite, und die Münchner Symphoniker begleiten das Geschehen mit opulenter Musik.

Die stärksten Momente des Films sind seine kargsten, die Szenen mit Boris und Tommi, ihre spröde Annäherung, das aufkommende Mitfühlen und ihr Erkennen, dass sie aufeinander angewiesen sind. In diesen Szenen werden die Intentionen des englischen Regisseurs Syd Macartney sichtbar, in vielen anderen nicht. Er hatte etwas anderes im Sinn als letztendlich herausgekommen ist. Das deutete er auch beim Frankfurter Kinderfilmfestival an, als er einmal über die sprachlichen Schwierigkeiten dieser internationalen Produktion berichtete, und zum anderen über die Einflussnahme bei den Dreharbeiten. Vieles, was er beabsichtigte, zum Beispiel den Wald geheimnisvoller, dunkler zu inszenieren, die Räuber räuberischer, märchenhafter, kurz: europäischer, wurde von den amerikanischen Geldgebern, die einen "Disney-Familienfilm" haben wollten, "neutralisiert", gedreht für den Weltmarkt. Die Mitsprache zeigte sich auch bei der Tonmischung, wo nicht nur der Regisseur das Sagen hatte. Die Rechnung der Produzenten ist bereits vor dem Kinostart aufgegangen: Weltweit über 50 Fernsehstationen haben den Film "The Whipping Boy" eingekauft. Hier zeigt sich die Misere des internationalen Kinderfilms, der heutzutage "Familienfilm" genannt wird. Es wird investiert mit Blick auf den Weltmarkt, wo sich das Produkt innerhalb kurzer Zeit bezahlt machen muss. Auf der Strecke bleiben Individualität und Sensibilität der Filmemacher.

Gudrun Lukasz-Aden

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 63-2/1995 - Interview - "Keine Angst vor den Amerikanern"

 

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