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Ausgabe 62-2/1995

Nackt vor der Kamera

Gespräch mit Dorota Kedzierzawska, Regisseurin des Films "Krähen" (Wettbewerbsbeitrag beim Kinderfilmfest der Berlinale 1995)

(Interview zum Film KRÄHEN)

KJK: Bei der Diskussion nach der Filmvorführung von "Krähen" in Berlin waren mehr Erwachsene als Kinder: Kann das daran liegen, dass die Kinder zu sehr betroffen waren?
Dorota Kedzierzawska: "Für Kinder ist das kein leichter Film, es ist kein Fernsehfilm oder ein unterhaltsamer Zeichentrickfilm, wo man sich gleich danach aufgeregt und angeregt unterhalten kann. Bei der Aufführung in Wien habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht, dort waren nur Kinder und überhaupt keine Erwachsenen, aber ich musste sehr lange reden und etwas erzählen, bis die Kinder nach etwa einer halben Stunde angefangen haben, Fragen zu stellen. Aber nachdem diese Hürde überwunden war, wurde das Gespräch sehr intensiv."

Sie machen Filme für Leute, nicht Filme für Kinder. Sie haben sich diese Geschichte ausgedacht: Ist das jetzt das Bild, das Erwachsene von Kindern haben oder ist es ein echtes Abbild der Kindheit?
"Der Film handelt nicht von persönlichen Erinnerungen, weil ich eigentlich eine sehr schöne Kindheit und beide Eltern hatte. Es stecken viele Eindrücke im Drehbuch, die ich als Kind gesammelt habe: Ich hatte zum Beispiel eine Freundin, die nur mit ihrer Mutter zusammengelebt und keinen Vater hatte. Es ist nicht ein Film über die Kindheit, sondern ein Film über die Einsamkeit des Menschen. Ich wollte das über Kinder erzählen, weil bei Kindern noch alles offen ist und Kinder sich nicht wehren können."

Meinen Sie denn, dass die Gesellschaft so kalt ist und es deshalb soviel Einsamkeit gibt?
"Es ist sicher nicht generell so, aber es passiert schon oft. Die Anhäufung der vielen kleinen Geschichten und Beobachtungen sind für andere Kinder vielleicht unbedeutend. Der Film konzentriert sich auf dieses Mädchen und deshalb ist die Stadt auch menschenleer, sie ist isoliert und allein: Das ist zwar künstlich erzeugt, aber es soll als natürlich empfunden werden."

Hat sich die Situation in Polen in den letzten Jahren verändert, so dass es dort jetzt mehr solche Fälle von Einsamkeit gibt?
"Mit Sicherheit gibt es viele solcher Geschichten in Polen, aber wir waren mit dem Film auch in den USA, und das Problem der Einsamkeit wurde dort auch sofort verstanden, es ist ein nicht nur auf Polen beschränktes Problem."

Ihre Hauptdarstellerin ist beeindruckend, wie haben Sie Karolina Ostrozna gefunden?
"Das Mädchen, das zuerst diese Rolle spielen sollte, war in den Probeaufnahmen ganz hervorragend, aber zu Beginn der Dreharbeiten konnte sie nicht mehr überzeugen."

Lag denn zwischen den Probeaufnahmen und dem Drehbeginn eine große Zeitspanne?
"Es war höchstens ein Monat, aber bei den Probeaufnahmen wusste das Mädchen, dass sehr viele andere Mädchen da waren und dass sie sich hervortun musste, um die Rolle zu bekommen. Bei den Dreharbeiten war sie ganz alleine und hat sich nicht mehr angestrengt. Schon am ersten Drehtag wussten wir, dass wir den Film mit ihr nicht beenden werden. Außerdem hatten wir noch Probleme mit ihrer Mutter, die wollte, als es etwas kälter wurde, dass wir ihrer Tochter wärmere Sachen anziehen. Doch das war unmöglich, denn die Handlung des Films spielt an einem Tag und obwohl wir insgesamt einen Monat Drehzeit hatten, mussten die Kinder immer gleich gekleidet sein. Wir waren in einer sehr schwierigen Situation, weil wir ja den Film nicht abbrechen konnten. Wir hatten dann genau 24 Stunden Zeit, ein neues Mädchen zu finden!"

Umso erstaunlicher ist, dass Sie dieses Mädchen gefunden haben ...
"... ja, das ist ein Wunder. Wir haben sicher alle Kinder gesehen, die in der kleinen polnischen Stadt Torun leben. Die ganze Filmcrew war unterwegs, um ein Mädchen zu finden. Abends halb acht auf dem Marktplatz, als wir eigentlich schon aufgegeben hatten, entdeckten wir Karolina. Sie war noch spät auf der Straße, weil sie vorher als Bestrafung den ganzen Tag über zu Hause bleiben musste. Am Abend durfte sie dann noch für eine Stunde hinaus, und sie machte mit ihrer Freundin dieses 'Gummihüpfspiel'. Sie fiel uns auf, wie sie gerade fluchte, und als wir sie ansprachen, ob sie in einem Film mitspielen wollte, sagte sie erst mal 'Nein'. Das gefiel mir! Sie willigte dann ein, wir gingen mit ihr zu ihrer Mutter. Die war erst mal erschrocken, als die Tochter mit drei Leuten ankam, weil sie dachte, Karolina hat wieder etwas angestellt."

Wie viel von dem, was die Zuschauer von diesem Mädchen sehen, ist denn eigenes Erleben und wie viel ist gespielt? Lässt sich das überhaupt auseinander halten?
"Das kann man nicht mehr trennen, die ganzen Dreharbeiten waren für sie ein großes Ereignis. Wir haben sie immer beobachtet und uns darum bemüht, dass es alles sehr natürlich wirkt. Wenn sie während des Drehens ihren Text vergessen hatte, dann rief sie bei laufender Kamera: Bitte sagen Sie mir vor. Die Hauptsache ist der Kontakt zwischen ihr und mir, den wir aufgebaut haben. Das Mädchen hat sich auf jeden Fall sicher gefühlt, es gab für sie keinerlei Barrieren. Als sie sich für eine Szene ausziehen sollte, wollte sie das natürlich nicht machen. Wir haben also alle anderen weggeschickt, aber der Kameramann musste ja bleiben und deshalb zierte sie sich. Ich hatte dann die Idee, dem Kameramann das eine Auge zuzukleben. Und das hat dann hervorragend geklappt: Als sie gesehen hat, dass das Auge zu ist, hat sie sich immer wieder ausgezogen, denn sie wusste nicht genau, wie das mit der Kamera funktioniert. Als wir später das Material vorgeführt haben, hat sie sich allerdings sehr gewundert und meinte zum Kameramann: Du hast mich doch gesehen!"

Sie haben Karolina am Abend gefunden und gleich am nächsten Tag mit ihr gedreht ...
"... in der gleichen Nacht hatte sie bereits ihre erste Szene, denn wir mussten den Zeitverlust wieder einholen."

Mit der dreijährigen Kasia Szczepanik hatten Sie mit Sicherheit eine der jüngsten Darstellerinnen vor der Kamera, und auch hier fiel besonders die Natürlichkeit des Spiels auf. Woher kommt dieses Kind?
"Das kleine Mädchen kommt aus einer Familie, wo es behütet ist wie im Film. Für Kasia war das Ganze ein Spiel, nichts weiter. Sie hat gar nicht begriffen, dass wir einen Film machen, und sie war schon bei der Vorstellung ganz offen. Wir hatten einen Aufruf im Rundfunk von Torun durchgegeben, daraufhin kamen fünf Mütter mit ihren dreijährigen Töchtern. Kasia war gleich so zutraulich, sie zeigte uns alles, was sie im Rucksack hatte, auch ein paar Ringe von ihrer Mutter, wovon nun die Mutter wieder gar nichts wusste!"

Ihr Film ist radikal, weil er sich gegen die Filmtrends stellt. In anderen Filmen wird viel geredet und wenig gezeigt, in Ihrem Film ist das genau umgekehrt.
"Es war nicht von vornherein meine Absicht, einen Film zu machen, der gegen den Strom schwimmt."

Also gehört es nicht zu Ihrer Konzeption, einen Film eher über Bilder als über Sprache zu erzählen?
"Wir haben es bei diesem Thema und bei diesem Film so empfunden und wollten es genau so machen, weil es zu dieser Geschichte passt. Allerdings hatten meine Filme, die ich an der Filmschule gemacht habe, auch nur wenig Dialog, einer dieser Filme hatte sogar überhaupt keine Dialoge. Bei meinem nächsten Projekt, eine Verfilmung von Shakespeares 'Romeo und Julia', will ich den Text auch reduzieren, denn Film soll immer mehr als Worte sein."

Der polnische Kinderfilm hat eine lange Tradition. Können Sie etwas über die gegenwärtige Situation des Kinderfilms in Polen sagen?
"Es gibt keine Institution mehr, die sich um den Kinderfilm kümmert. Es hängt alles von Einzelpersonen ab, die das nötige Geld für die Produktion beschaffen. Im letzten Jahr sind insgesamt nur zwei Kinderfilme entstanden, einer davon war mein Film 'Krähen', der hat umgerechnet 400.000 DM gekostet; 3/4 des Budgets kamen von staatlicher Seite und 1/4 vom Fernsehen. Es gibt noch die staatlichen Filmstudios und etliche private. Meinen nächsten Film will ich mit einem privaten Produzenten realisieren."

Sie sind die Tochter der berühmten Kinderfilmregisseurin Jadwiga Kedzierzawska, hat das Ihren Start erleichtert?
"Ja, natürlich, ich habe schließlich meine ganze Kindheit am Set verbracht. Und ich durfte dort alles mögliche machen, von der Putzfrau bis zur Assistentin."

Macht Ihre Mutter noch Kinderfilme?
"Nein, sie betreut jetzt meine Tochter, damit ich die Zeit habe, Filme zu drehen oder auch Festivals zu besuchen."

Mit der Regisseurin Dorota Kedzierzawska und dem Kameramann Arthur Reinhart (dt. Übersetzung) sprachen Manfred Hobsch sowie Christel Strobel

 

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