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Ausgabe 68-4/1996

TRAINSPOTTING

Produktion: Figment / The Noel Gay Motion Picture Company / Channel Four; Großbritannien 1995 – Regie: Danny Boyle – Buch: John Hodge, nach einem Roman von Irvine Welsh – Kamera: Brian Tufano – Schnitt: Masahiro Hirakubo – Musik: Britpop, u. a. Damon Albarn, Iggy Pop, Brian Eno, Blur, Elastica, Lou Reed – Darsteller: Ewan McGregor (Mark Renton), Ewen Bremner (Spud), Jonny Lee Miller (Sick Boy), Kevin McKidd (Tommy), Robert Carlyle (Begbie) u. a. – Länge: 93 Min. – Farbe – FSK: ab 16 – Verleih: prokino plus (35mm)

In England eroberte dieser Film in kürzester Zeit die Charts, das furiose Kino-Wunder über die Lebensphilosophie der No-Future-Generation nach dem gleichnamigen Kultbuch von Irvine Welsh (bei Zweitausendeins, 438 S., 33,- DM) war ein "Muss" für jeden jüngeren Kinogänger. Mit Tempo und Kraft inszeniert Danny Boyle ("Kleine Morde unter Freunden") diese verstörende Betrachtung über Drogenkonsum. Da hängen fünf Freunde an der Nadel oder an der Flasche oder auch an beidem und "ziehen" sich das Leben rein. Mark Renton (hervorragend verkörpert von Ewan McGregor) lässt sich nichts entgehen, sein Leben gleicht einer Achterbahn in Richtung Abgrund. Schon wenn in der Eröffnungssequenz Renton – von zwei Ladendetektiven verfolgt – durch die Straßen Edinburghs hetzt und sich unter Musik von Iggy Pop im Off zur Droge Heroin bekennt, weiß man, dies ist kein 08/15-Film, der auf konventionelle Weise vor Drogenabusus warnt und "Betroffenheit" verbreitet.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Renton erzählt. Seine Freunde sind Spud, ein naiver Drogensüchtiger, Sick Boy, der sich gerne mal "Aitsch" in die Adern pumpt, aber eigentlich nur James Bond und Sean Connery liebt, Tommy, der Frischluftfanatiker, der später aus Liebeskummer zur Droge greift und dabei draufgeht, Begbie, der sich vorwiegend von Alkohol ernährt und keiner Schlägerei aus dem Wege geht. Diese Truppe rast durch Delirien und Schattenwelten, nur Renton gelingt es, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Ein Befreiungsschlag auf Kosten der Freunde, denn er haut heimlich mit dem Löwenanteil eines Drogendeals ab und hegt ganz bürgerliche Träume von einem sicheren Job, Fernseher, Waschmaschine und Zusatzversicherung.

Weit entfernt vom sozialen Realismus eines Ken Loach zeigt Boyle Drogenrealität. Seine Helden sind keine willenlosen Opfer, sondern eine Bande viriler Verlierer, Lügner, Neurotiker, Diebe und Junkies, die den Spaß am Untergang genießen, den Kitzel, am Abgrund entlang zu balancieren. Drogenmythos und Drogenwirklichkeit wechseln einander ab, ebenso Drogenverherrlichung und Drogenverzweiflung. Exzesse und Grenzerfahrungen gehören zum Alltag ebenso wie Schmutz, Ekel, Verlorenheit und Trauer, wahnsinnige Wortkaskaden und tiefe Sprachlosigkeit. Für den Bewahrpädagogen alter Schule wird dieser respektlose Film wie Teufelswerk erscheinen, manch einer wird warnend den Finger heben und vor der vermeintlichen Verherrlichung von Drogen warnen (wie die rechtsnationale "Daily Mail"). Aber eine abgedroschene und plakative Aufforderung wie "Sag nein zu Drogen" mit einem treuherzig dreinblickenden Fußballer lässt die Kids heute kalt. Wissen sie doch auch um den Reiz des Verbotenen. Und wenn es heißt "Nimm den besten Orgasmus, den du je hattest, multiplizier' ihn mit 1000, und du bist noch nicht einmal nah dran" klingt das faszinierend. Aber was dann kommt, ist weniger schön: der schmerzhafte kalte Entzug, die Wahnvorstellungen, der Teufelskreis von Abhängigkeit und Beschaffungskriminalität.

Und der Film zeigt auch die Hilflosigkeit der Eltern, die ihren Sohn mit guten Worten, Wegsperren und Erinnerungen an die Kindheit von der Droge wegbringen möchten. Für einen Drogenberater aus München, der für den Fachverband Drogen und Rauschmittel "Trainspotting" anschaute, räumt der Film auch mit Klischees auf: "Zum Beispiel, dass Junkies nicht mehr nachdenken und nicht mehr kreativ seien. Wenn sich in jeder Vorstellung so 80 Leute den Film anschauen und dann anders über Junkies denken, ist schon etwas erreicht." (Süddeutsche Zeitung v.21.8.96).

Danny Boyle hat die Episoden des Buches gut gerafft und dem Roman, der keine durchgehende narrative Linie hat, in eine kontinuierliche Erzählweise gebracht. Stilistisch versucht sich der Film an surrealen Tableaus, die die Wirklichkeit umso eindringlicher konterkarieren. Allein die Szene mit der Klo-Schüssel ist außergewöhnlich. Renton verliert zwei Zäpfchen und taucht mit seinem Körper in die Fäkalien, schwimmt plötzlich in einem klaren, blauen See. Boyle visualisiert Stimmungen, Ängste, Halluzinationen.

Der Film sucht nicht nach gesellschaftlichen Gründen, um die Sucht seiner Protagonisten zu erklären, sie haben sich bewusst für das Heroin entschieden: "Ich habe mich entschieden, mich gegen das Leben zu entscheiden. Meine Gründe? Es gibt keine Gründe, wenn man Heroin hat." "Trainspotting" trifft den Nerv, ist ein kleiner, dreckiger Film: radikal, subversiv, unverkrampft. Man muss ihn nicht mögen, aber man kann auch nicht an ihm vorbeigehen. Gerade die Kontroversen, die er auslöst, sind wichtig.

Margret Köhler

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 68-4/1996 - Interview - "Zynismus ist ein Zeichen von Subkulturen"

 

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